Rekordverdächtig
Die «Eiserne Lady» singt seit 65 Jahren im Cäcilienchor

Schon seit 65 Jahren singt Elisabeth Vögtli im Cäcilienchor Dornach mit.

Merken
Drucken
Teilen
Freiwillig lebenslänglich: Elsbeth Vögtli mit einem aktuellen Foto «ihres» Cäcilienchors.

Freiwillig lebenslänglich: Elsbeth Vögtli mit einem aktuellen Foto «ihres» Cäcilienchors.

Thomas Brunnschweiler

Elsbeth Vögtli trat nach ihrem Welschlandjahr in den Cäcilienchor ein. Das war vor 65 Jahren. Auch Hans Zimmermann brachte es hier 2016 auf 65 Dienstjahre – aber da geht nochmehr: Anna Schwyzer aus Hofstetten wirkte gar 70 Jahre als Chormitglied im Cäcilienverband Schwarzbubenland. Wer denkt, diese Zahlen seien nicht zu toppen, irrt. Willi Klein aus Bruchsal (D) kam auf ganze 83 Dienstjahre in einer Chorgemeinschaft. Trotzdem ist Vögtlis Treue beachtlich. Wären sie und der Chor ein Paar, dürften sie Eiserne Hochzeit feiern.
«Mir bringt das Singen unheimlich viel», sagt Elsbeth Vögtli. «Wenn es mir im Winter jeweils gegen den Strich geht, zur Probe zu gehen, so ist es beim Singen, als ob eine Blume aufgeht.» Man atme anders, sagt sie, und auch Kopfweh könne verschwinden. «Schliesslich ist Singen gut für die Seele.» Bei den meisten, die in einem Chor singen, würde man auf gleiche oder ähnliche Aussagen stossen. Ihr Enkel, so Elsbeth Vögtli, habe sie einmal gefragt: «Warum singen die Jungen eigentlich nicht?»

Singen ist nicht Out

Dass Junge nicht singen würden, stimmt aber nicht unbedingt. Wohl wird allgemein zu Hause nicht mehr so viel gesungen wie früher, aber es gibt viele Gospelchöre, A-capella-Gruppen und Bands, die das Singen pflegen. Die Schweiz ist überhaupt ein sangesfreudiges Land. Nur schon die Schweizerische Chorvereinigung SCV für Gesangsvereine und -verbände weltlicher Ausrichtung umfasst 1480 Laienchöre aller Gattungen mit rund 44 000 Sängerinnen und Sängern. Im Bistum Basel gibt es etwa 400 Kirchenchöre, wobei auf jeden Chor im Durchschnitt 20 bis 25 Sängerinnen und Sänger kommen. Wenn man die reformierten und anderen konfessionellen Kirchenchöre sowie alle Laienensembles dazu nimmt, ergibt das in der Region Basel eine sehr hohe Dichte an Chören. Dies lässt sich auch an der grossen Anzahl an Konzerten vor Ostern und im Herbst ablesen.

«Wurden herumkommandiert»

Die Faszination des Chorsingens spiegelt sich auch im Medium Film. Es gibt zahlreiche Filme zum Thema, zu den bekanntesten gehören «Sister Act» (1992), «Die Kinder des Monsieur Mathieu» (2004) und «Wie im Himmel» (2005). Ein Chor ist immer mehr als die Summe seiner Mitglieder, er entwickelt eine eigene Dynamik und kann – vor allem in gelungenen Vorführungen – zu rauschhaften Kollektiverfahrungen führen.
Davon, wie sich das Chorsingen verändert hat, weiss Elsbeth Vögtli ebenfalls zu berichten: «In den Sechzigern wurden die jungen Sänger von den älteren noch herumkommandiert.» Sie erinnert sich gerne an die gesellschaftlichen Anlässe im Chor. «Es gab immer tolle Generalversammlungen», sagt sie. «Ich war die Unterhaltungschefin und wir machten immer verrücktes Zeug. Einmal verkleideten sich einige Mädchen als Matrosen und übten einen besonderen Tanz ein.» Unter dem Dirigat des ersten Chorleiters galten noch strenge Sitten. Frauen, die heirateten, mussten den Chor verlassen.

100 Jahre Cäcilienchor

Im Ostergottesdienst vom 16. April, um 10.30 Uhr, feiert der Cäcilienchor in der Römisch-katholischen Kirche Dornach sein 100-jähriges Bestehen. Dabei kommt die «Spatzenmesse» von Wolfgang Amadeus Mozart zur Aufführung. Der Cäcilienchor Dornach erhält Verstärkung vom gemischten Chor «Frohsinn» aus Allschwil. Das renommierte Ensemble «Camerata Da Vinci» begleitet den Chor.

1917 gründeten 23 Sänger den Kirchenchor. Bis heute hat er einen kirchlichen Auftrag, wobei seit der letzten Jahrhundertwende auch Reformierte mitsingen. Insgesamt hatte der Chor in seiner 100-jährigen Geschichte nur vier Dirigenten. Wie die meisten Kirchenchöre kann auch der Cäcilienchor durchaus Nachwuchssängerinnen und -sänger brauchen. «Es herrscht ein guter Geist im Chor und wir besitzen eine grosse Kontinuität», sagt Vreny Zeltner. Heute werden neben klassischen Messen auch Taizé-Lieder und Werke zeitgenössischer Komponisten gesungen.

Elsbeth Vögtli erlebte musikalische und gesellschaftliche Höhepunkte. 1955 wurde etwa Haydns «Schöpfung» aufgeführt, 1981 mit Zuzügern zum 500-Jahr-Jubiläum des Standes Solothurn Mendelssohns monumentales Oratorium «Elias». In ihr Gedächtnis eingebrannt hat sich die Gedenkfeier anlässlich des Flugzeugabsturzes in Hochwald im Jahre 1973: «Das Lied einer englischen Solistin ist mir unvergesslich.»