Wirtschaftsoffensive
Die Erfahrung mit dicken Fischen, die nicht laichen wollen

Die Zwischenbilanz zeigt: Ansässige Firmen expandieren, doch kaum neue siedeln sich an.

Michael Nittnaus undHans-Martin Jermann
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Der aktuelle Kranwald der Coop-Baustelle im Gebiet Salina Raurica ist ein Indiz dafür, dass die Wirtschaftsoffensive langsam Fahrt aufnimmt.

Der aktuelle Kranwald der Coop-Baustelle im Gebiet Salina Raurica ist ein Indiz dafür, dass die Wirtschaftsoffensive langsam Fahrt aufnimmt.

Roland Schmid

Metaphern sind beliebt. An der gestrigen Medienkonferenz zum Zwischenstand der Baselbieter Wirtschaftsoffensive verloren sich Wirtschaftsdirektor Thomas Weber (SVP), Baudirektorin Sabine Pegoraro (FDP), Wirtschaftsförderer Marc-André Giger und der Prattler Gemeindepräsident Beat Stingelin allerdings fast im Metaphern-Meer: Da war von dicken Fischen aus China die Rede, die nicht in Baselland laichen wollen (Weber) oder vom Schwarm kleiner Fische, der den Kanton besser stabilisiere als ein grosser (Giger). Stingelin sprach von schmerzhaften Erfahrungen mit grossen Fischen und meinte damit den Wegzug von Firmen wie Bombardier, Firestone und Henkel.

Doch die Metaphern-Flut liess Weber erst im folgenden Gespräch mit der bz los: «Auf dem Weltmeer schwimmen bloss ein paar grosse Fische. Wir müssen bereit sein, wenn einmal einer vom Köder angelockt wird und ihn dann schnappen. Diese Netze – also die grossen freien Areale wie Salina Raurica – bereiten wir jetzt vor. Doch auch wenn wir alle im Weltmeer herumschnüffeln, könnte es sein, dass wir nichts finden. Deshalb müssen wir auch ein paar Angelruten zu Hause behalten, um auch die kleinen und mittleren Fische fangen zu können.»

Zu hohe Erwartungen

Wem jetzt ganz Sturm im Kopf ist, dem sei gesagt: Obige Zeilen umschreiben bildhaft die Schwächen der Baselbieter Wirtschaftsoffensive. Trotz der Anstrengungen der vergangenen drei Jahre haben sich noch keine grossen, wertschöpfungsintensiven Unternehmen aus dem Ausland oder der Restschweiz in Baselland angesiedelt. «Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit war beim Start der Offensive vielleicht etwas überzeichnet», gibt Weber zu.

Dass es kaum Neuansiedlungen gegeben hat, kritisiert auf Anfrage auch Grünen-Landrat Klaus Kirchmayr, der per Vorstoss den Zwischenstand der Wirtschaftsoffensive überprüfen lassen wollte: «Das ist momentan der grösste Schwachpunkt. Hier muss Baselland zulegen.» Bedauerlich sei etwa, dass es die Verantwortlichen nicht geschafft hätten, Roche zu überzeugen, ihren Informatikcampus mit 1000 Arbeitsplätzen statt in Kaiseraugst in Salina Raurica zu bauen – wo Roche selbst Land besitzt. «Vielleicht fehlt es der Wirtschaftsförderung auch an Leuten, die bei Grossinvestoren einen bleibenden Eindruck hinterlassen», sagt Kirchmayr und übt damit Kritik am Team um Marc-André Giger.

Aber – und das möchte Kirchmayr betont wissen – es besteht für ihn «kein Anlass, die Wirtschaftsoffensive in der Luft zu zerreissen». Es bewege sich durchaus etwas, wenn auch nicht ganz so schnell, wie geplant. Der Schweizer Innovationspark in Allschwil etwa sei vielversprechend, fügt der Fraktionschef der Grünen an.

Steuereinnahmen gesteigert

Vor den Medien unterstrichen Weber und Co. vor allem einen konkreten Messwert: den Anteil der juristischen Personen an den Steuereinnahmen des Kantons. Für 2014 erwartet die Regierung hier einen Anteil von 13 Prozent. Damit befindet man sich im Fahrplan, sieht die Wirtschaftsoffensive von 2012 bis 2018 doch eine Steigerung des Anteils von vormals gut 10 Prozent auf den Schweizer Mittelwert von 15 Prozent vor. «Am Ende ist es doch dieser Wert, an dem wir uns messen lassen müssen und nicht die Zahl der Neuansiedlungen», hielt Giger fest. Auf Nachfrage machte Weber – auf der Basis der laufenden Investorengespräche – nämlich bloss Hoffnung, dass in den nächsten zwei Jahren «im kleinen einstelligen Bereich» Firmen angesiedelt werden könnten. Für Pratteln allein hielt derweil Stingelin fest, dass man sich mit drei Investoren in fortgeschrittenen Gesprächen befände. Namen freilich waren gestern keine zu erfahren.

Ein Name fiel allerdings fortwährend: jener der Jaquet Technology Group AG. Die Produzentin von Drehzahlmessern hat sich entschieden, 2017 mit ihren rund 150 Angestellten aus dem Basler Schützenmattquartier ins Prattler Hug-Areal umzuziehen. «So verwurzelt wir auch in Basel sind, wir haben dort keine Entwicklungsmöglichkeit», sagt Verwaltungsratspräsident Marc Jaquet, der gestern auch im Regierungsgebäude zu Liestal weilte. Den Ausschlag habe die ideale Verkehrserschliessung des Areals für Auto, öV und Velo gegeben.

300 neue Stellen im Baselbiet

Giger betonte, dass diese Ansiedlung keineswegs selbstverständlich sei: Selbst bei grossen Wirtschaftsberatungsunternehmen sei der Geschäftszweig Neuansiedlungen massiv eingebrochen. Er sieht in der Schaffung des «Welcome Desk» 2013 einen Meilenstein. Der Desk sei die Drehscheibe, wo alle Fäden der Offensive zusammenlaufen würden. In den letzten 15 Monaten habe es 155 Anfragen interessierter Unternehmen gegeben, die meisten von Life-Sciences- und Pharmafirmen. Allerdings gilt auch hier: Rund die Hälfte aller Anfragen kam aus Baselland selbst und ein Fünftel aus Basel-Stadt. Von daher bleibt die Bestandespflege ein wichtiger Teil der Wirtschaftsoffensive. Eine Umfrage des Kantons zeigt: Die Baselbieter Firmen expandieren und investieren. Die Gesamtbeschäftigtenzahl soll 2015 um zwei Prozent steigen. Bei den angefragten Firmen bedeutet dies 300 neue Stellen und Investitionen von rund 340 Millionen Franken. Viele kleine Fische machen eben auch Mist. Oder so ähnlich.