Asylzentrumaffäre
Die Grosse Frage: Wer will Hintermann loswerden?

Gemeindepräsident Urs Hintermann steht unter Verdacht, die Asylbetreuerin Farideh Eghbali zum Schweigen gebracht zu haben. Eine Amtsgeheimnisverletzung passt aber nicht zur Politkultur Reinachs.

Michel Ecklin
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Der Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann ist ins Schussfeld eines unbekannten Informationslieferanten geraten.

Der Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann ist ins Schussfeld eines unbekannten Informationslieferanten geraten.

Kenneth Nars

«Keine Ahnung, wer dahinter steckt», «Man wird aus dieser Affäre nicht schlau», «Ich verstehe die Motivation nicht»: Solche Sätze hört man, wenn man die politischen Akteure in Reinach nach der Asylzentrumsaffäre befragt. Denn niemand kann sich einen Reim darauf machen, wer die «Basler Zeitung» («BaZ») mit vertraulichen Informationen rund ums Asylzentrum beliefert.

Damit steht Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP) unter Verdacht, die Asylbetreuerin Farideh Eghbali zum Schweigen gebracht zu haben, nachdem sie Missstände im Asylheim gemeldet hat (bz berichtete). Ohne eine Amtsgeheimnisverletzung wäre dies nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Hat hier jemand die Absicht, anonym Hintermann zu Fall zu bringen? Das kann sich in Reinach kaum jemand vorstellen, auch seine politischen Gegner nicht. «Ich kenne niemanden, der Hintermann aus dem Weg haben will», sagt zum Beispiel FDP-Präsidentin Gerda Massüger. Im Einwohnerrat gehe es manchmal schon hart zur Sache.

Doch danach gelte «Schwamm drüber», und man gehe zusammen ein Bier trinken. SVP-Fraktionspräsident Adrian Billerbeck sieht das ähnlich: «Menschlich haben wir in der Reinacher Politik keine Probleme miteinander.»

FDP-Fraktionspräsident Thierry Bloch meint: «Wir spielen nie auf den Mann, es geht immer um die Sache.» Und Einwohnerrätin Caroline Mall (SVP) ist «entsetzt, dass jemand so krass eine Amtsgeheimnisverletzung begangen hat». Massüger befürchtet, aufgrund der aktuellen Ereignisse gerate das gemeinsame Bier nach den Einwohnerratssitzungen in Gefahr. «Es sind alle sehr betroffen», so fasst sie die Stimmung im politischen Reinach zusammen.

«Fiese Art und daneben»

Noch am ehesten Verständnis dafür, dass man Hintermann persönlich hassen kann, hat Beat Böhlen. «Ich wäre ihn auch gern los», sagt der ehemalige Einwohnerrat, der sich selten mit Kritik am Gemeinderat zurückhält. Hintermann sei seit 20 Jahren in der Gemeindepolitik tätig, nie sei er schlecht dagestanden. «Es läuft oft so wie jetzt: Er vertuscht, was ihm nicht genehm ist.» Er vertrete konsequent seine Interessen. «Früher hätte man gesagt: Er lügt».

Doch dass jemand jetzt «anonym ums Verrecken Hintermann abschiessen will», kann auch Böhlen sich nicht vorstellen. «Das ist eine fiese Art und daneben. Will man Hintermann packen, muss man hinstehen und sagen, was man an ihm nicht gut findet.»
Noch grösser ist das Rätseln darüber, wer der Informationslieferant der «BaZ» sein könnte. Eghbalis Anwalt, SP-Einwohnerrat Erwin Frei, hatte am Montag die sieben Mitglieder der einwohnerrätlichen Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission zu Hauptverdächtigen erklärt.

Doch das sind nicht zwingend die Einzigen. Massüger kann sich vorstellen, dass andere Einwohnerräte oder Parteien Hintermann schaden möchten. «Oder vielleicht hat auch nur die ‹BaZ› Interesse, dass Hintermann geht.» Das Leck könnte ebenfalls bei Mitarbeitern der Gemeinde zu finden sein. «Die Asylzentrumaffäre hat wohl schon früh verwaltungsintern für hohe Wellen gesorgt», sagt Billerbeck. «Und bei Hintermann weiss man nie, ob er mehr Gegner innerhalb oder ausserhalb seiner Partei hat.» Er vertrete nämlich nicht gerade das übliche SP-Programm, zum Beispiel in der Wohnbaupolitik.

Hintermann selber ist sich «nicht bewusst, dass ich persönliche Feinde hätte». Zwar will er nicht ausschliessen, dass das Leck verwaltungsintern entstanden sein könnte. Doch für ihn ist klar: «Ein Grossteil der Geschichte ist in der ‹BaZ› entstanden. Und es gibt eine Reihe von Leuten, die die dort geäusserten Vorwürfe glauben.» Für ihn hat das jetzt anonyme Briefe, Telefonanrufe und Mails zur Folge.

Freiwilliger Rücktritt naht

Und falls der geheimnisvolle anonyme Akteur tatsächlich Hintermanns Rücktritt erzwingt, fragt sich, was das wirklich ändern wird. Massüger erinnert an ein offenes Geheimnis, nämlich dass Hintermann auf Ende der Legislaturperiode (Mitte 2020) sowieso abtreten will. «Bis er vorzeitig weg wäre und bis mögliche Nachfolger parat stünden, wäre man schon fast im nächsten Wahlkampf. Lohnt sich dann der Riesenknatsch noch?»