bz-Serie spezielle Vereine
Die Gruppe «Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch» hilft jenen, die es am nötigsten haben

Seit 1991 greift die ökumenische Arbeitsgruppe betroffenen Menschen unter die Arme. Sie will die Armut bekämpfen, die man nicht auf der Strasse sieht.

Simon Tschopp
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Die Arbeitsgruppe mit den Leitenden Gregor Ettlin (ganz links) und Elke Hofheinz (Vierte von links) während Beratungen.

Die Arbeitsgruppe mit den Leitenden Gregor Ettlin (ganz links) und Elke Hofheinz (Vierte von links) während Beratungen.

Juri Junkov

Zehn Frauen und Männer gesetzten Alters treffen sich jeden Monat im Calvinhaus der reformierten Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch. Darunter die reformierte Pfarrerin Elke Hofheinz und Gregor Ettlin, Theologe des Pastoralraums. Die beiden leiten die ökumenische Arbeitsgruppe «Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch». Diese kümmert sich seit einem Vierteljahrhundert um Leute, die von Armut betroffen sind. Und gibt ihr ein Gesicht.

Jährlich behandelt die Gruppe etwa 40 bis 60 Fälle und unterstützt betroffene Personen. Beurteilt wird nach einem Kriterienkatalog; es werden auch Gesuche abgelehnt. Bis 500 Franken können zwei Mitglieder schnell und unbürokratisch zusammen entscheiden, höhere Beträge müssen in der ganzen Runde besprochen und mit Mehrheitsentscheid abgesegnet werden. Das Geld reicht zwar immer, aber das Gremium muss sich stets nach der Decke strecken. Hauptsächlich werden einmalige Unterstützungen geleistet, Überbrückungshilfen für in finanzielle Not Geratene. Deshalb setzt die Arbeitsgruppe auf Hilfe zur Selbsthilfe.

Ein Herz für Bedürftige

1991 gegründet

Den Anstoss, die Arbeitsgruppe «Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch» ins Leben zu rufen, gab 1989 die erste ökumenische Versammlung Europas «Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung», die in Basel stattfand. Laut Elke Hofheinz, Pfarrerin der reformierten Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch, befand man damals, man dürfe diesen Geist, dieses Feuer, diese Thematik nicht verpuffen lassen, sondern diese konkret in die Kirchgemeinden hineintragen. Schnell wurde man sich über die Zielgruppe einig: Auch in der grössten Baselbieter Gemeinde und in Schönenbuch gibt es Armut, aber eine versteckte, die man nicht auf der Strasse sieht. «Unsere Vorgänger kamen zum Schluss, diese Thematik wachzuhalten und sich den von Armut betroffenen Menschen zuzuwenden», schildert Hofheinz. Zwei Jahre später wurde die ökumenische Arbeitsgruppe gegründet.

Vielseitige Unterstützung

«Wir geben kein Bargeld», betont Ettlin, «wir begleichen Rechnungen, welche die Leute nicht bezahlen können.» Die Arbeitsgruppe greift ihren Betreuten nicht nur finanziell unter die Arme, sie begleitet auch Personen zu Ämtern, bietet Gespräche und Beratungen an, hilft Abklärungen zu treffen oder vernetzt mit anderen Institutionen.

«Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch» ist kein Verein. Das Team legt aber jährlich der reformierten, römisch-katholischen und christ-katholischen Kirchgemeinde einen Rechenschaftsbericht ab. Die Spenden stammen aus Kollekten der drei Kirchgemeinden, auch Vereine sowie viele Privatpersonen leisten kleinere und grössere Beiträge. Dank des Renommees der Arbeitsgruppe fliessen die Spenden regelmässig.

«Wir sind eine kleine, feine Gruppe», sagt Elke Hofheinz. Die Dossiers würden auf die einzelnen Mitglieder verteilt, erzählt Gregor Ettlin. Eine Frau ist Aktuarin, eine andere führt die Liste mit den Gesuchen, eine dritte hat Kontakt zu einer Grafikerin. Eine ausgereifte Selbstorganisation, die Aufgaben lasten auf verschiedenen Schultern. «Jedes Mitglied hat seine Stärken und wirft sein Talent in die Waagschale – das nutzen wir», meint Hofheinz. Dank Frühpensionierten und Teamangehörigen, die Zeit haben, handelt die Arbeitsgruppe flexibel. Die Pfarrfrau: «Das Delegieren funktioniert bei uns sehr gut.»

Elke Hofheinz und Gregor Ettlin haben als Seelsorgende einen tieferen Einblick in Situationen, wo Menschen von Armut betroffen sind. Sie sind Anlaufstelle für Gesuchsteller. Ihnen wird viel anvertraut, aber die beiden sind an die Schweigepflicht gebunden. «Wir sind keine Armutsdetektive», betont der Theologe des Pastoralraums Allschwil-Schönenbuch. Im Religionsunterricht stossen die beiden regelmässig auf Kinder, deren Familien Hilfe nötig haben. Oder Lehrpersonen geben Hinweise. «Wenn beispielsweise jemand den Beitrag fürs Schullager nicht bezahlen kann», so Hofheinz.

«Immer auch Schamgefühle»

Die Armut ist ein vielschichtiges Phänomen, ebenso vielfältig sind die Ursachen. «Bei uns sind häufig alleinerziehende Frauen betroffen, aber auch Männer, jüngere und ältere Personen, Working Poor und Familien», berichtet Ettlin. Trennungen, Ehescheidungen, Krankheiten und Unfälle sind Armutsfallen. «Betroffene sind zwar froh über unsere Hilfe, aber sie haben immer auch Schamgefühle.» In den letzten zwei Jahren hätten sie vermehrt Leute gehabt, die sich mit kleinen Jobs über Wasser hielten. Als gesundheitliche Gründe die Arbeit verunmöglichten, zahlte keine Versicherung. Sobald mehrere Arbeitgeber im Spiel seien, sei die Zuständigkeit unklar. «Hier taugt unser Versicherungssystem nicht», moniert Gregor Ettlin.

Vor drei Jahren erhielt die ökumenische Arbeitsgruppe «Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch» den ersten Baselbieter Freiwilligenpreis. «Dies hatte einen grossen Effekt und gab unserer Gruppe viel Schub. Die Ehrung stärkte unser Selbstbewusstsein», konstatiert Ettlin. Auch von aussen wurde die Arbeitsgruppe vermehrt wahrgenommen, die Wertschätzung stieg. Elke Hofheinz zählt seit 22 Jahren dazu, Gregor Ettlin ist seit 2012 dabei.

Bekannt macht sich die Arbeitsgruppe mit Prospekten, die sie an diversen Orten auflegt. Sie ist gut vernetzt und akzeptiert. Auch mit Spendensammlungen macht sie in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Die Gruppe kooperiert eng mit den Sozialhilfebehörden und tauscht sich regelmässig mit diesen aus. «Die Sozialhilfe stösst wegen der Vorschriften gelegentlich an Grenzen», sagt Ettlin und meint weiter: «Wir versuchen zu helfen, wo wir können.» Und Elke Hofheinz macht klar: «Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur Sozialhilfe, sondern als Ergänzung.»