Corona
Die Jugendlichen wollen sich treffen – in Basel bleiben die Treffpunkte aber zu

Die Basler Jugendhäuser müssen geschlossen bleiben. Diejenigen im Baselbiet sind trotz Corona offen, und der Bedarf ist da.

Michel Ecklin
Drucken
Teilen
Das Binninger Jugi empfängt Gäste. In der Stadt wäre das nicht erlaubt.

Das Binninger Jugi empfängt Gäste. In der Stadt wäre das nicht erlaubt.

Kenneth Nars (Binningen, 22. Januar 2021

Im ersten Lockdown im Frühling 2020 waren schweizweit alle Jugendhäuser geschlossen, auf Anordnung des Bundesrats. Das ist jetzt anders: Es liegt im Ermessen der Kantone, Jugis nicht als Einrichtungen für Freizeit, sondern als soziale Einrichtungen einzustufen. Das Baselbiet hat diese Gelegenheit genützt, die Gemeinden dürfen ihre Jugendhäuser offen lassen.

Darüber sind die Gemeinden froh. «Wir merkten im ersten Lockdown, dass für manche Jugendliche wie eine zweite Heimat weggebrochen war», sagt der Reinacher Gemeindeverwalter Thomas Sauter. Es habe Reklamationen wegen Lärms und Littering gegeben. «Es war nicht gut, dass sie nirgendshin konnten.» Jetzt ist das Reinacher Jugendhaus, das Palais Noir, wieder offen – weniger als Ort für Freizeit, sondern in erster Linie als Anlaufstelle für die Sorgen und Probleme der Jugendlichen, wie Sauter betont.

Zudem gelten wie in allen Jugendhäusern die bekannten, coronabedingten Einschränkungen. Insbesondere ist drinnen nur eine bestimmte Anzahl Besucher erlaubt. Mit diesen Regeln gehen die Jugendarbeiter kreativ um. In Binningen zum Beispiel hat man auf dem Vorplatz eine Feuerschale aufgestellt, und die Besucher erhalten wärmenden Punsch. Andere Gemeinden geben Orte im öffentlichen Raum an, wo die Jugendarbeiter zu bestimmten Zeiten anzutreffen sind.

Schwierig wird es für Lehrstellensuchende

«Wir sind noch weit weg vom Normalbetrieb und mussten auch schon Leute von unserem Jugi abweisen, weil wir voll waren», sagt Cyril Rindlisbacher, Co-Leiter der Münchensteiner Jugendarbeit. Eins ist für ihn klar: Der Bedarf nach einem Treffpunkt hat mit der Pandemie nicht abgenommen, ganz im Gegenteil: «Corona ist wie ein Verstärker, der die akuten Schwierigkeiten der Jugendlichen zum Vorschein bringt.»

Jetzt, wo oft ein Elternteil daheim arbeite, kämen viele innerfamiliären Konflikte zum Vorschein. Auch Themen wie Mobbing oder sexuelle Belästigung seien akuter geworden. Oder die Jugendlichen könnten schlicht ihre Freunde nicht mehr sehen, weil generell keine Anlässe mehr stattfänden. Ein Riesenproblem hätten zudem diejenigen, die eine Lehrstelle suchen müssen. «Wir spüren, dass sie jemanden zum Reden brauchen», sagt Rindlisbacher. Sauter spricht in Reinach von einer «Triage»: Man könne im Jugendhaus diejenigen, die konkrete Hilfe bräuchten, an die zuständigen Stellen weiterleiten.

Andererseits – und das ist eine grosse Schwierigkeit in der Jugendarbeit in diesen Tagen – sind die Jugendlichen weniger draussen unterwegs und deshalb schwieriger zu erreichen. Einige Gemeinden haben deshalb die mobile Jugendarbeit verstärkt, wie sie das schon im vergangenen Frühling getan hatten. Sie suchen die Jugendlichen aktiv an deren einschlägigen Treffpunkten auf, in Münchenstein etwa an der Birs.

«Aber mit der Obergrenze von maximal fünf Leuten, die sich treffen dürfen, ist das nicht einfach, wenn man auch noch die zwei Jugendarbeitenden mitrechnet», sagt Thomas Gschwind, Geschäftsführer des Vereins Offene Kinder- und Jugendarbeit Baselland & Region (OKJA). Schliesslich sei es nicht Aufgabe der Jugendarbeitenden, polizeilich das Einhalten der Vorschriften durchzusetzen. Zudem erreicht man mit der mobilen Jugendarbeit die Jüngeren gar nicht. Und manchen verbieten die Eltern rauszugehen, aus Angst vor einer Ansteckung.

Deshalb versuchen die Fachpersonen, noch stärker als bisher über Social Media die Beziehungen zu den Jugendlichen aufrechtzuerhalten. «Die digitalen Kanäle funktionieren, aber nicht für alle und nicht für alles», sagt Gschwind. «Es brauche eine Grundbeziehung, und die gibt es nur physisch.»

Stadt möchte komplettes Contact-Tracing

In Basel-Stadt sind die Jugendtreffs weiterhin als Freizeiteinrichtungen eingestuft und müssen zu bleiben. Ausnahmen zur Bundesverordnung, dass Freizeiteinrichtungen explizit geschlossen bleiben, hält der Kanton nur für unter 16-Jährige und im Bereich Kultur und Sport für möglich. Das Erziehungsdepartement schreibt auf Anfrage: «Die Bundesregelung erscheint durchaus nachvollziehbar, da im Unterschied zur Schule oder zum Vereinssport in einem Jugendtreff ein allfälliges Contact-Tracing sehr viel schwieriger abzuwickeln wäre, da in der Schule oder im Verein immer die gleichen Personen anwesend sind und man sehr rasch auf deren Daten zurückgreifen kann.»

Statt drinnen auf dem Vorplatz

Der Reinacher Gemeindeverwalter Sauter ist anderer Meinung. Man müsse sich fragen, was wichtiger sei: «Entweder die Jugendlichen fallen zwischen Stuhl und Bank, mit den entsprechenden Folgekosten; oder man nimmt das kleine Risiko einer Ansteckung im Jugi im Kauf.» Und Gschwind betont die Bedeutung niederschwelliger Einrichtungen: «Bevor sich die Jugendlichen unkontrolliert draussen aufhalten, gibt man ihnen lieber geordnete Treffmöglichkeiten.»

Die Basler Jugendlichen müssen in diesen Tagen trotz der kantonalen Regeln nicht ohne Unterstützung auskommen. Der Verein Jugendarbeit Basel, der acht Jugendtreffs betreibt, empfängt sie an den meisten Orten in Basel vor den Jugendhäusern, ist der Website zu entnehmen. Zudem hält man auf digitalen Kanälen den Kontakt aufrecht.