Birsfelden
Die Katastrophe von Fukushima macht eine Austiefung salonfähig

Ein vor einem Dutzend Jahren abgeschriebenes Projekt wird nach Fukushima wieder zu einem ernsthaften Thema: Der Verwaltungsrat des Kraftwerks Birsfelden hat beschlossen, die Vertiefung des Rheins erneut zu überprüfen.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Ein Ausbaggern des Rheins zwischen Kraftwerk und Wettsteinbrücke brächte zusätzlichen Strom für 10000 Haushalte. Kenneth Nars

Ein Ausbaggern des Rheins zwischen Kraftwerk und Wettsteinbrücke brächte zusätzlichen Strom für 10000 Haushalte. Kenneth Nars

Das Kraftwerk hatte für das Vorhaben bereits 1998 vom Bund und vom deutschen Bundesland Baden-Württemberg eine Konzession erhalten, verzichtete danach nicht zuletzt wegen Forderungen aus Fischereikreisen und drohender Rechtsstreitigkeiten aber auf dessen Weiterverfolgung.

Vor drei Jahren versuchte der Baselbieter Landrat Klaus Kirchmayr (Grüne) der zusätzlichen Stromproduktion mittels Rheinaustiefung und damit grösserem Gefälle mit einem Postulat neuen Schub zu verleihen. Doch die Regierung versenkte das Ansinnen gleich mit einem Multipack an Gründen – sie machte unter anderem mögliche Turbinenschäden, drohende Hochwasser, die die auszubaggernden Bereiche schnell wieder mit Geschiebe füllen würden, und Konzessionsschwierigkeiten geltend – in einer der untersten Schubladen.

Von dort hat es nun Sascha Jäger nach dem Beschluss des Verwaltungsrats wieder hervorgeholt. Jäger ist seit einem halben Monat Direktor des Kraftwerks Birsfelden, und er sagt zur Bedeutung des Projekts: «Für mich persönlich ist die Rheinvertiefung eines der grössten Vorhaben und hat hohe Priorität.» Denn um die Energiewende zu schaffen, müsse man an «allen Ecken» von der Förderung der Effizienz übers Sparen bis hin zum Ausbau der erneuerbaren Energien schauen.

Kraftwerk ist wichtiger Player

Bei der Rheinaustiefung steht laut Jäger der Perimeter unterhalb des Kraftwerks bis zur Wettsteinbrücke zur Diskussion. Dabei sei eine Erhöhung der Stromproduktion von jährlich etwa 25 Gigawattstunden (GWh) zu erwarten, was für 10000 Haushaltungen reiche. Das Kraftwerk Birsfelden, der mit Abstand grösste Stromproduzent in der Region, erzielte im Durchschnitt der letzten zehn Jahre eine jährliche Strommenge von 565 GWh, was einem Fünftel der Produktion des kleinsten Schweizer Atomkraftwerks in Mühleberg entspricht.

Zum Vergleich: Die Industriellen Werke Basel gehen davon aus, mit den geplanten neun Windturbinen auf dem Chall pro Jahr 36 GWh Strom produzieren zu können.

Gibt der Verwaltungsrat grünes Licht für die Vertiefung der Rheinsole, rechnet Jäger mit einer Projektdauer von drei bis fünf Jahren. Als grösste Hürden sieht er «die Knacknuss Konzession» und allfällige Einsprachen. Letzteren versucht Jäger allerdings vorzubeugen: «Ich will alle Partner von Anfang an ins Boot nehmen und ihre Bedenken berücksichtigen.»

Entscheid in halbem Jahr

Wie der Verwaltungsrat des Kraftwerks Birsfelden die Ampel tatsächlich stellen wird, dürfte sich schon bald weisen. Die Baselbieter Regierungsrätin Sabine Pegoraro, die dem Gremium als Vizepräsidentin angehört, sagt: «Wir befinden uns im Moment in der Phase einer vertieften Vorprüfung. In Grössenordnung von einem halben Jahr wird das Geschäft im Verwaltungsrat auf dem Tisch liegen.»

Und Markus Stöcklin, Leiter der Rechtsabteilung der Bau- und Umweltschutzdirektion, ergänzt, dass die in der Beantwortung von Kirchmayrs Postulat vorgebrachten Gründe gegen das Projekt nicht aus der Welt geschafft seien, dass aber in der Energiepolitik «alles drastisch geändert hat und heute Interessenabwägungen möglicherweise anders erfolgen».