Hochwasserschutz
Die Krux mit den Sandsäcken

Manche Gemeinden statten Einwohner mit Sandsäcken aus, in Muttenz müssen sie gekauft werden. Der kantonale Feuerwehrinspektor bleibt skeptisch: Es komme auf den richtigen Umgang an.

Julia Gohl
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In Muttenz stehen Sandsäcke für allfällige Überschwemmungen bereit - sie werden aber nicht an die Bevölkerung abgegeben.

In Muttenz stehen Sandsäcke für allfällige Überschwemmungen bereit - sie werden aber nicht an die Bevölkerung abgegeben.

Juri Junkov

Beim Anruf der bz am Montagnachmittag liefen die Vorbereitungen in Muttenz gerade auf Hochtouren. Bei den neuralgischen Punkten richtete die Gemeinde, die in den letzten Monaten gleich mehrmals von Hochwasser betroffen war, Sandsack-Depots ein. Denn man möchte bereit sein, falls der in den kommenden Tagen angesagte Regen die Bäche wieder zum Überlaufen bringt. Die Idee ist allerdings nicht, dass sich auch Anwohner bei diesen Depots bedienen können. «Prävention ist Sache der Anwohner», erläutert Gemeindeverwalter Aldo Grünblatt. «Die Sandsäcke sind für den Einsatz gedacht, für den die Gemeinde zuständig ist.»

Deshalb empfiehlt sie der Bevölkerung, ihre Hauseingänge, Kellertüren und Garagentore mit eigenen Sandsäcken zu schützen. Diese könnten beim Muttenzer Kies- und Sandunternehmen Meyer-Spinnler erworben werden, teilt der Gemeinderat mit. Dort wurde man im Zusammenhang mit dem ersten Hochwasser vor bald zwei Monaten zum ersten Mal vom Zivilschutz gebeten, Sandsäcke abzufüllen. «Seither haben wir mehr als 1000 Stück verkauft», sagt Kieswerkleiter Manuel Rodriguez. Zu den Abnehmern gehörten die Gemeinden Muttenz und Pratteln sowie zahlreiche Privatpersonen.

Eine gute Geste für Frenkendörfer

Gratis werden Sandsäcke in Frenkendorf an die Bevölkerung abgegeben, wo das Hochwasser ebenfalls kräftig gewütet hat. Damals habe die Gemeinde gemerkt, dass sie an ihre Kapazitätsgrenzen stosse, erzählt Gemeindepräsident Roger Gradl. «Alle haben nach Sandsäcken geschrien, aber es ist nicht so einfach, diese so schnell bereitzustellen.» Als «gute Geste» habe die Gemeinde nun gratis Sandsäcke an Betroffene ausgeliefert. Es sei nie Thema gewesen, den sowieso schon geschädigten Liegenschaftsbesitzern auch noch die Säcke in Rechnung zu stellen. Kostenpflichtig sind die Sandsäcke hingegen in Arisdorf. Die ebenfalls vom Hochwasser betroffene Gemeinde hat eine Sammelbestellung aufgenommen und gibt die Säcke zum Einkaufspreis weiter. Damit die Leute diese richtig lagern und einsetzen, gibt die Gemeinde dazu ein Infoblatt ab.

Keine Mauern bauen

Wie wichtig der richtige Einsatz der Sandsäcke ist, weiss der kantonale Feuerwehrinspektor Werner Stampfli. «Der Ruf nach Sandsäcken ertönt jetzt überall und ist verständlich. Aber: Das Thema ist viel komplexer, als es scheint», betont er. Dass Gemeinden Sandsäcke abgeben oder deren Anschaffung empfehlen, sei grundsätzlich nicht falsch. Aber es komme auf den richtigen Umgang mit den Säcken an. «Die Idee ist nicht, dass jeder Hausbesitzer eine Mauer aus Sandsäcken um seine Liegenschaft baut, damit das Wasser daran vorbeifliesst, und wer in den Ferien ist, hat dann die Überschwemmung.» Sinnvoll sei nur der Schutz von Türen oder Kellerfenstern.

Im Kanton seien bei jeder Ortsfeuerwehr, bei den Feuerwehrstützpunkten sowie beim Amt für Militär und Bevölkerungsschutz insgesamt über 10'000 Sandsäcke vorhanden. Das reiche, so Stampfli. Innerhalb weniger Minuten könnten die Säcke eingesetzt werden, wenn nur kleinere Bereiche betroffen sind. Schwieriger würde es bei grossflächigem Hochwasser. Und sinnvoll sei der Einsatz der Säcke nur, wenn das Wasser etwa zurück in den Bach oder auf eine Wiese geleitet werden könne.

Sandsäcke seien neben vielen anderen Massnahmen nur ein kleines Element der Lösung. «Wir schützen uns ja auch nicht nur mit Pulverlöschern gegen Feuer.» Vor allem sollten die vorgesehenen Hochwasserschutzmassnahmen in Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und den Gemeinden umgesetzt werden, so Stampfli. Erst dann helfe der Schutz mit Sandsäcken. «Demnächst kommt ein Präventionsgesetz in den Landrat, das bei Neubauten die Gefahrenkarte mitberücksichtigen aber auch Beiträge an freiwillige Schutzmassnahmen ermöglichen soll.»