Folgen des Klimawandels
«Die Mittel von früher reichen nicht mehr»: Sind die Bauern Opfer oder Täter?

Regionale Bauernbetriebe werden von den künftigen Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen sein – gerade durch Wassermangel, wie es seitens des Baselbieter Amts für Umweltschutz und Energie heisst. Doch Ebenrain-Leiter Lukas Kilcher nimmt die Landwirte als Mitverursacher in die Pflicht.

Bojan Stula
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Die Landwirtschaft ist stark vom Klimawandel betroffen.

Die Landwirtschaft ist stark vom Klimawandel betroffen.

Patrick Lüthy

Lukas Kilcher, die Landwirte werden häufig nur als Opfer des Klimawandels dargestellt. Ist diese Vorstellung nicht zu einfach?

Lukas Kilcher: Dieses Bild ist tatsächlich unvollständig. Wir befinden uns in einer Dreieckssituation. Die Landwirtschaft ist zugleich Mitverursacherin und Betroffene des Klimawandels. Sie kann aber auch Teil der Lösung des Problems werden.

Reden wir zuerst über die Verursacherrolle der Bauern. Inwiefern beschleunigt die Landwirtschaft den Klimawandel?

Die Verursachertätigkeit beginnt beim Boden. Durch intensive Bodenbearbeitung wird der Boden stärker durchlüftet. Das führt zum Abbau organischer Substanz und damit zur Abgabe von Kohlendioxid in die Atmosphäre. Hohe Stickstoffdüngung hat Lachgasemmissionen in die Atmosphäre zur Folge. Der negative Klimaeffekt von Lachgas ist 300-mal so hoch wie CO2.
Kritisiert wird immer wieder der hohe Ressourceneinsatz, vor allem in der Fleischproduktion.
Das ist so: Wird bei der Fütterung von Nutztieren getreide- oder soya-basiertes Kraftfutter eingesetzt, so steht dieses einerseits in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Andererseits werden zusätzlich Treibhausgas-Emissionen beim Anbau, Transport und am Ende der tierischen Verdauung verursacht. Die Konzentration der landwirtschaftlichen Verarbeitung auf immer weniger Standorte akzentuiert das Problem noch zusätzlich.

Lukas Kilcher, Leiter Landwirtschaftliches Zentrum Ebenrain «Hohe Stickstoffdüngung hat Lachgasemmissionen in die Atmosphäre zur Folge. Der negative Klimaeffekt von Lachgas ist 300-mal so hoch wie CO2.»

Lukas Kilcher, Leiter Landwirtschaftliches Zentrum Ebenrain «Hohe Stickstoffdüngung hat Lachgasemmissionen in die Atmosphäre zur Folge. Der negative Klimaeffekt von Lachgas ist 300-mal so hoch wie CO2.»

Zur Verfügung gestellt

Und wie schwer wiegt die Opferrolle der Bauern tatsächlich?

Konnten früher Ernteschwankungen oder andere witterungsbedingte Einflüsse mit den klassischen Mitteln der guten und intelligenten landwirtschaftlichen Praxis begegnet werden, so genügen diese Mittel heute nicht mehr.

Sondern?

Zur Erhaltung der Ertragssicherheit in einem Klima mit extremeren Witterungsschwankungen sowie höherem Druck durch Krankheiten und Schädlinge muss im Anbau immer mehr in die Erhaltung der Ertragssicherheit investiert werden. Also etwa durch Installationen von Bewässerungs- und Frostschutzanlagen, Schutz der Kulturen vor Witterungseinflüssen, Netzen gegen Insekteneinflug und generell intensiverem Pflanzenschutz. Das verteuert aber die Produktion und stellt manche Landwirtschaftsbetriebe vor grosse finanzielle Herausforderungen.

Welche Schlüsse ziehen Sie persönlich aus diesen von Ihnen geschilderten Mechanismen?

Künftig muss es vor allem um einen sparsameren und effizienteren Umgang mit den natürlichen Ressourcen gehen; also in erster Linie bei Boden, Dünger und Wasser. Besonders im Baselbiet sind die Wasserressourcen bereits heute knapp und werden mit dem Klimawandel noch knapper, wie jüngst am Medienanlass des Amts für Umweltschutz und Energie ausführlich dargestellt wurde.

Ebenrain-Tag in Sissach: Fleisch, Konsum und was uns das Tier wert ist

Was ermöglicht ethisch vertretbare Fleischproduktion und was ethisch vertretbaren Fleischkonsum? Der Ebenraintag vom Sonntag hat mit einer Schaumetzgerei der Bevölkerung Anschauung und Diskussion geboten zu Fleischverbrauch, Qualität und Wertschätzung gegenüber dem Tier. Im Zeitalter von eingeschweissten Koteletts und Hackfleisch aus dem Schlauchbeutel rücke das Tier für Konsumentinnen und Konsumenten immer weiter weg, stellt das Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain in seiner Pressemitteilung fest.

«Wer weiss heute, wie Tiere artgerecht gehalten und gefüttert werden? Wer weiss, wie ein Tier zerlegt wird und wie eine Wurst entsteht?» Der Ebenrain habe dieses Thema gewählt, um einen Beitrag zur Diskussion über Fleischverbrauch, Qualität und Wertschätzung zu leisten. «Nutztiere gehören zur Geschichte der Menschheit. Das Tier bietet den Menschen wertvolle Proteine, Felle, Hofdünger und Vieles mehr.» Ebenrain-Leiter Lukas Kilcher fordert: «Wertschöpfung darf es ohne Wertschätzung für das Tier nicht geben.»

Sandra Knecht, Künstlerin aus Buus, hat mit ihrem Team ein Schwein auseinandergebeinelt und von den Innereien über Rauchwüste bis zu Edelstücken zubereitet. «Gutes Fleisch ist, wenn der Bauer von Geburt bis zum Tod des Tieres dabei ist», erklärt sie. Sie beziehe für Ihr Lokal «Chnächt» in Basel nur Fleisch von Betrieben, die auf diese Weise arbeiten.

Das Thema Tierwohl und der vielfältige Bauernmarkt haben über 6500 Besucherinnen und Besucher an den Ebenrain gelockt. 33 Marktfahrer boten am Bauernmarkt die Vielfalt des kulinarischen Reichtums aus dem Baselbiet zum Genuss feil. (bz)

Was bedeutet dies für die Bauern?

Wenn die bisherigen technischen und finanziellen Massnahmen nicht mehr greifen, der Klimawandel über den Schädling Kirschessigfliege gar die Kraft hat, durch das Absterben der Hochstammbäume bereits mittelfristig Landschaften zu verändern, dann braucht es neue Lösungsansätze. Und zwar Lösungen, die über die rein technischen Hilfsmittel wie etwa eine Bewässerungsanlage hinausgehen.

Konkret?

Chancen bieten modernste Techniken wie noch sparsamere Applikationstechniken bis hin zur Nanotechnologie und IT, heute diskutiert unter dem Stichwort Landwirtschaft 2.0.

Das heisst, ohne Computereinsatz sind die Landwirte künftig aufgeschmissen?

Nein, ein wichtiger Lösungsansatz beginnt auch beim Handfesten: Beim Boden, indem man diesem nicht Kohlenstoff entzieht, sondern in Umkehrung des Prozesses gezielt CO2 bindet und dem Boden wieder zuführt.

Wie macht man das am besten?

Indem Humus aufgebaut wird. Somit kann der Boden mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen und diese auch besser speichern, sodass sie den Pflanzen länger zur Verfügung steht. Dies kann durch Zuführen von Biomasse geschehen, in Form von tierischen Hofdüngern, kompostierten organischen Materialien und mit luftstickstoff-bindenden Pflanzen als Gründünger. Das sind durchaus bereits bekannte Techniken, die nicht nur im Biolandbau angewendet werden. Vielleicht brauchen wir künftig einen wachsenden Teil der Fläche zur Produktion von Biomasse- und Düngepflanzen. Biomasse kann auch in schnell wachsenden Hecken wie Weiden produziert werden. So wird die Landwirtschaft vom Opfer und Mitverursacherin gleichzeitig zum Problemlöser für den Klimawandel. Das wäre dann die Landwirtschaft 3.0.

Die Landwirtschaft ist vom Klimawandel betroffen, verursacht ihn mit aber schützt auch davor

Betroffene: Landwirtschaft muss sich dem Klimawandel anpassen

- Speicherfähigkeit der Böden für Wasser und Nährstoffe erhöhen

- Angepasste Sorten und Kulturen wählen

- Kulturen schützen und bewässern

- Resilienz der Anbausysteme erhöhen

Klimaschützerin: Landwirtschaft schützt vor Klimawandel

- Kohlenstoff im Boden fixieren (CO2-Senke)

- Klimagase durch schonende Bodenbearbeitung reduzieren

- Ressourceneffizienz verbessern

- Nutzungsdauer der Tiere verlängern

- Sparsame Applikationstechniken

Mitverursacherin: Landwirtschaft verursacht Emmissionen

- Kohlendioxid (CO2) aus Bodenbewirtschaftung

- Stickoxide (N2O) aus Böden

- Methan (CH4) aus Wiederkäuermägen

- Ammoniak (NH3) aus Hofdünger

- Treibstoffverbrauch auf dem Hof

- Düngerproduktion mit Erdöl

- Importe und Transporte

Sie nennen als Schlüssel-Technik der Zukunft die sogenannte Ressourceneffizienz. Was ist damit genau gemeint?

Landwirtschaftliche Erträge verlieren schnell an Wert, wenn sie unter Einsatz von unverhältnismässigen Ressourcen wie Futter, Dünger, Wasser, Pflanzenschutzmittel und Energie erfolgen. Eine Kuh, die ohne oder mit nur sehr wenig Kraftfutter und Arzneimitteln pro Jahr nur eine mittlere Milchmenge gibt, kann sich als wertvoller erweisen als eine, die mit hohem Kraftfuttereinsatz die doppelte Menge erzeugt, dafür aber auch kürzer lebt wie ihre scheinbar weniger leistungsfähige Kollegin. Eine Strategie zur Verminderung der Methanbildung ist die längere Lebensdauer der Tiere, wodurch die unproduktive Emission während der Aufzucht im Vergleich zur Lebensleistung verringert werden kann.

Welche Rolle kann Ihr Ebenrain-Zentrum dabei spielen?

Das Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain fördert zum Beispiel im Rahmen des Ressourcenprogramms Ammoniak eine verlustarme Lagerung und Ausbringung von Gülle. Die wertvolle Ressource Hofdünger gilt es möglichst effizient einzusetzen. Mit dieser Massnahme können gleichzeitig Ammoniak-Emissionen reduziert werden. Aber auch in der Ausbildung und Beratung gewinnen klimaschonende Techniken einen grösseren Stellenwert.

Und worauf müssen die Konsumenten künftig stärker achten?

Die Ressourceneffizienz wird dann zur Win-win-Situation, wenn die unter optimalem Ressourceneinsatz produzierten Nahrungsmittel auch auf dem Markt stärker gefragt und wertgeschätzt werden. Dazu braucht es Konsumentinnen und Konsumenten, welche diese Leistungen der Landwirtschaft würdigen und nicht den billigsten Preis über alles andere stellen. Dasselbe gilt für Verarbeitungs- und Handelspartner der Landwirtschaft. Wir alle sind gefordert, verantwortungsvoll im Sinne der Nachhaltigkeit zu denken und zu handeln.

Am 24. September stimmen wir über den Verfassungsartikel zur Ernährungssicherheit ab. Wieso kümmert diese Frage niemanden, wie sich im inexistenten Abstimmungskampf zeigt?

Weil die Schweiz in ihrer derzeitigen Luxussituation all die klimatisch bedingten Ausfälle noch durch Importe kompensieren kann, sodass die Konsumentinnen und Konsumenten kaum negativ betroffen sind. Ja, sie profitieren mitunter sogar noch von den tieferen Preisen der Importprodukte. Die Frage ist aber: Wie lange haben wir diese Kompensationsmöglichkeiten noch? Denn schliesslich sind die traditionellen Agrarexportländer gleich oder möglicherweise noch stärker von den Folgen der Klimaveränderungen betroffen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung. Die Forderung nach mehr Autarkie in der Nahrungsmittelproduktion ist auch im Hinblick auf die Welternährung angebracht. Die Schweiz muss hier mehr Verantwortung übernehmen.