Helikoptereltern
Die Schwelle zwischen liebevoller Fürsorge und erdrückendem Kontrollwahn

Kinderpsychologin Denise Tinguely erklärt, warum Eltern ihre Kinder heute zu sehr bemuttern und welche Gründe Schuld dafür sind. Tinguely erklärt welche Probleme im Alltag dazu führen, dass sich Eltern immer mehr Sorgen um Ihre Kinder machen.

Boris Burkhardt
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Tinguely spricht über Eltern, die Ihre Kinder zu sehr bemuttern.

Tinguely spricht über Eltern, die Ihre Kinder zu sehr bemuttern.

Keystone

Frau Tinguely, unterscheiden sich Helikoptereltern von Elterntaxis nur durch die Wahl des Gefährts?

Denise Tinguely: Diese Begriffe sind Metaphern.

Das klingt nicht, als ob sie mit diesen Metaphern einverstanden wären.

Einmal mehr hat man einen Begriff kreiert, um Eltern anzuprangern. Was ist das für eine Gesellschaft? Sollten wir nicht besser von einer Helikoptergesellschaft sprechen? Es sind die Eltern, die observiert werden, natürlich von Menschen, die meinen, genau zu wissen, wie man «richtig erzieht».

Aber ist es nicht so, dass Eltern heute schlechter loslassen können als noch vor zwanzig Jahren?

Die verschiedenen Familienformen, der Anspruch auf Karriere, die Betreuung der Kinder in der Kita und so weiter erzeugen bei Eltern oft das ungute Gefühl, etwas nicht recht zu machen. Täglich hören sie, was sie alles falsch machen. Der Leistungsdruck und die Angebote zur Frühförderung erzeugt bei Eltern bereits in den ersten Kindheitsjahren den Anspruch, ihre Kinder mit mehreren Autofahrten in die unzähligen Kurse bringen zu müssen. Allein die Organisation führt oft zu Stress und unnötigen Auseinandersetzungen, um rechtzeitig vor Ort zu sein.

Übertreiben es die Eltern damit nicht? Wo liegt die Schwelle zwischen liebevoller Fürsorge und erdrückendem Kontrollwahn?

Für die Eltern ist es wichtig, ihren Kindern die Aufgaben entsprechend dem individuellen Entwicklungsstand zu überlassen. Wenn Eltern in Dauerstress oder aus falschem Ehrgeiz handeln, fehlt ihnen oft die Ruhe und das Interesse zu beobachten, was ihr Kind bereits selbstständig erledigen kann. Für die Entwicklung des Selbstwertgefühls ist es wichtig, dass die Kinder ihre Selbstwirksamkeit erleben und Stolz auf die selbst erbrachten Leistungen entwickeln können. Im Spiel allein und mit Gleichaltrigen, in den alltäglichen Verrichtungen und in der spielerischen Mithilfe macht das Kind elementare Erfahrungen und wichtige Lernprozesse.

Sind Elterntaxis dann ein prototypisches Beispiel für das Helikoptereltern-Phänomen?

Man sollte die Eltern fragen, was sie zu den Taxifahrten motiviert. Die Elterntaxis können ein typisches Phänomen einer Übergangssituation in der Entwicklung des Kindes sein. Sämtliche Übergangssituationen verunsichern Kind und Eltern. Oft führt diese Verunsicherung zu seltsamen Lösungen. Der Stress, dass das Kind pünktlich in den Kindergarten kommt, ist gross. Bei Zeitknappheit entsteht die Verlockung, das Kind mit dem Auto zu fahren. Statt die Eltern zu verurteilen, brauchen sie Unterstützung, wie sie ihr Kind in dieser Übergangsphase begleiten können. Wenn die Eltern sich vom Kind zeigen lassen, wie verantwortungsbewusst es die Strasse überquert, wird das Kind in seiner Selbstwirksamkeit bestärkt und die Eltern beruhigt, weil sie sehen, wie ihr Kind handelt.

Ist die Umwelt heute gefährlicher geworden, dass Kinder mehr Schutz nötig hätten?

Die täglichen Medienberichte über Kindesentführung, sexuelle Übergriffe und so weiter schüren Ängste und «beflügeln» die Fantasien der Eltern, dass all dies ihrem Kind passieren könnte. Diese Angst ist berechtigt; die Lösung besteht aber nicht in der verstärkten Kontrolle, sondern darin, dass das Kind befähigt wird, diese Situationen zu meistern.

Warum kann man dann Eltern nicht klarmachen, dass sie mit ihrem Verhalten andere Kinder gefährden, wenn sie zum Beispiel ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren?

Es wäre sinnvoll, die Eltern nach ihren Motiven zu fragen und mit ihnen gemeinsam zu überlegen, welche anderen Lösungsmöglichkeiten es gibt. Manche Eltern sind derart verstrickt in ihren Ängsten, dass sie keine Lösungsansätze mehr finden und die Gefahr besteht, dass sich bleibende Beziehungsmuster zu den Kindern einspielen. In diesem Fall ist es empfehlenswert, eine Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen.

Sind Sie selbst eine «Helikoptermutter»?

Wie gesagt ist der Begriff «Helikoptermutter» ein oberflächliche Beschreibung einer grundsätzlichen Problematik. Selber kenne ich die Gefühlslage allerdings sehr gut, im Zweifelsfalle zu kontrollieren. Als meine damals 16-jährige Tochter mir mitteilte, sie werde nach Mitternacht nach Hause kommen, packte mich die pure Angst. Ich befürchtete Vergewaltigung, KO-Tropfen im Glas, Alkoholabstürze und so weiter. Am liebsten wollte ich es ihr verbieten oder besser noch: sie einsperren. Natürlich wusste ich, dass das nicht geht. Also erzählte ich ihr meine Bedenken. Sie lachte und meinte: «Aber Mami, das weiss ich doch alles schon. Wir verbringen den Abend nur in der Gruppe und ich trinke immer direkt aus der Flasche und schaue, wie sie geöffnet wird.» Ich war beruhigt und sicher, weil sie sich damit auseinandergesetzt und Lösungen gefunden hatte.