Kettenreaktion
«Die Situation ist in der Region durchzogen» – Bienen kämpfen mit dem Klima

Mehr Wärme, mehr Blattläuse, weniger Bienen – so heisst die neuste Kettenreaktion.

Andreas Hirsbrunner
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Mindestens zwölf Grad und Windstille – solches Flugwetter lieben die Bienen.

Mindestens zwölf Grad und Windstille – solches Flugwetter lieben die Bienen.

Armin Leuenberger

Es sind Frühlingstage angesagt und damit Zeit für die Bienen, auszufliegen. Aber wegen der vielen Bedrohungen lautet die Frage von Jahr zu Jahr banger: Fliegen sie überhaupt noch?
Ja, lautet die Antwort des obersten Bienenfachmanns in der Region. Doch Marcel Strub, Leiter der Fachstelle Bienen der Kantone Baselland, Basel-Stadt und Solothurn, ergänzt: «Die Situation der Bienen ist in der Region durchzogen. Es gibt Imker mit etlichen und Imker mit keinen Verlusten.» Der Gefahrenmix ist bekannt: Varroa-Milbe, Pestizide, mangelndes Blütenangebot namens grüne Wüste und Klimaerwärmung.

Dass im vergangenen Winter relativ viele Bienen vor allem in höheren Lagen zwischen Langenbruck und Oltingen eingingen, ist der Klimaerwärmung zuzuschreiben: Weil es im vergangenen Sommer überdurchschnittlich warm war, vermehrten sich die Läuse stärker und produzierten nicht wie gewöhnlich bis Ende Juli, sondern bis in den Herbst hinein Waldhonig.

Diesen sammelten die Bienen und zehrten danach in der kälteren Jahreszeit davon. Doch der darin enthaltene dunkle Farbstoff von den Tannen belaste den Darm der Bienen, sodass sie vermehrt Kot absetzen müssten, erläutert Strub. Und das machten sie wegen der Kälte drinnen, was zu vielen Bakterien und zum Ableben zahlreicher Bienen führte.

Tempo überfordert Bienen

Die Klimaerwärmung hat viele Aspekte. Ein anderer könnte vor allem für Imker und Obstbauern zum Problem werden. Strub erklärt: Ein Bienenvolk startet nach dem Winter mit 8000 bis 10'000 Individuen in die Saison. In den nächsten Wochen vervierfacht es diesen Bestand. Dabei waren die Bienen bis anhin optimal auf die Natur abgestimmt. Die erste Nahrung boten die blühenden Weiden. 40 Tage später begann die Hauptnahrung der Bienen, die Obstbäume und der Löwenzahn, zu blühen. 40 Tage vergehen auch von der Eiablage der Königin bis zum Ausfliegen der Biene.

Das hiess bis anhin, dass zur vollen Blust auch die Bienen im Vollbestand ausfliegen konnten. Strub: «Obstbäume und Löwenzahn blühen wegen der Erwärmung immer früher. Dadurch ist die Bienenmannschaft kleiner, die Pollen sammelt.» Das bedeutet unter dem Strich, dass die Obstbäume schlechter bestäubt werden können und weniger Honig für die Imker anfällt.

Dazu kommt die Problematik der grünen Wüsten: Die Bauern mähen früher, weil junges Gras mehr Nährwert hat und mehr Nährwert mehr Milch bedeutet. Dadurch fehlt den Bienen vor allem der blühende Löwenzahn.

Wehrhafte Bienen züchten

Bei den Pestiziden entwarnt Strub insofern, dass Imker und Obstbauern zusehends besser zusammenarbeiten würden. Das heisst, dass der Obstbauer den Imker rechtzeitig vor einer anstehenden Spritzung warnt, sodass der Imker seine Bienen in der gefährlichen Zeit drinnen behält. Strub räumt in diesem Zusammenhang mit der verbreiteten Meinung auf, dass es den Stadtbienen wegen der Pestizideinsätze besser gehe als den Landbienen: «In der Stadt herrscht das Problem, dass Hobbygärtner sehr oft überdosiert Insektizide spritzen.» Auf dem Land sei dagegen mittlerweile eine neue, besser ausgebildete Bauerngeneration am Ruder.

Gross bleibt die Varroa-Problematik. Die aus Asien eingeschleppte Milbe legt Eier in die Bienenlarven und saugt Blut von den Bienen. Strub sagt dazu: «Die Imker behandeln ihre Bienenvölker regelmässig. Dabei überlebt immer ein gewisses Quantum an Milben. Somit züchten wir eigentlich die Widerstandsfähigen weiter.» Ein Ansatz sei, Bienen zu züchten, die die Milben als Feinde erkennen und hinauswerfen würden. Bis das allenfalls greife, vergingen aber noch Jahre.

Die Zahl der Imker und Bienenvölker blieb im Baselbiet in den vergangenen Jahren ziemlich stabil. 2018 zählte man 462 Imker mit knapp 6000 Völkern. Die meisten übrigens im Bezirk Sissach, weil dieser traditionelles Kirschenanbaugebiet ist.