Bildungsstreit
Die Starke Schule Baselland überflutet das Bildungswesen mit Initiativen

Die Prozesse zur Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos) und zur Durchsetzung des Lehrplans 21 haben eine regelrechte Flut von Initiativen nach sich gezogen. Die bz gibt eine Übersicht.

Yannette Meshesha
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Die Starke Schule Baselland wirbt kräftig für ihre vielen Initiativen. Hans-Martin Jermann

Die Starke Schule Baselland wirbt kräftig für ihre vielen Initiativen. Hans-Martin Jermann

Hans-Martin Jermann

«Eltern, Schüler, Schülerinnen und Lehrpersonen brauchen endlich Klarheit und die Schulen Planungssicherheit», erklärte Florence Brenzikofer, Präsidentin der Grünen Baselland, nach den letzten Abstimmungen zum Bildungsgesetz im vergangenen Juni. Davon kann jedoch noch lange nicht die Rede sein.

Die Prozesse zur Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos) und zur Durchsetzung des Lehrplans 21 haben eine regelrechte Flut von Initiativen nach sich gezogen. Dafür zeichnet vor allem das Komitee Starke Schule Baselland verantwortlich, das nach sechs Bildungsinitiativen noch weitere zur Abstimmung bringen möchte.

Zur Übersicht dieser politischen Schlacht um das Bildungswesen beantwortet die bz die drängendsten Fragen.

1. Wer gehört zum Komitee Starke Schule Baselland?

Der Vorstand setzt sich aus der Kunststudentin Saskia Olsson (Geschäftsleiterin), Studentin Alina Isler, den Sekundarlehrern Michael Pedrazzi und Martin Friedli sowie den Landräten Jürg Wiedemann und Regina Werthmüller zusammen. Das Komitee sorgte mit umstrittenen Massenmails an Lehrpersonen bereits mehrmals für Unmut bei Bildungsdirektorin Monica Gschwind, die seit Amtsantritt versucht, Ruhe in die unübersichtliche Bildungslandschaft zu bringen. SP-Präsident Adil Koller schlägt vor: «Der neue Lehrplan soll nun auf allen Stufen umgesetzt werden, damit ein Klassenzug sämtliche Stufen durchlaufen kann. Danach braucht es eine Standortbestimmung und eine Auswertung, wo Verbesserungen nötig sind.»

Elternlobby reicht Petition ein

«Lasst uns unsere Schule»

Auch in anderen Bereichen des Bildungswesens wird viel diskutiert: Die Elternlobby Baselland überreichte gestern die Petition «Lasst uns unsere Schule» mit 2544 Unterschriften der Landeskanzlei. Damit reagiert sie auf die geplante Sparmassnahme des Kantons, die Elternbeiträge von 2500 Franken jährlich für Kinder an nicht staatlichen Schulen zu streichen. Es wird betont, dass einige Kinder auf alternative Schulmodelle angewiesen seien. Sollten die Beiträge gestrichen werden, müssten viele auf die Staatsschule umsteigen. Das hätte laut Elternlobby kostenintensive Folgen. Mehr Schüler bedeuten mehr Klassen, was auf Dauer ein räumliches Problem darstellt. Und heilpädagogische Massnahmen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen würden dann vermehrt nötig, sodass die Einsparung der Elternbeiträge den Kanton letztlich teurer zu stehen käme, als wenn die Eltern sich weiterhin die private Einschulung leisten können. Die Elternlobby beklagt auch, dass vor allem finanziell weniger starke Familien betroffen seien, sodass Privatschulen zu einem Privileg für Besserverdienende würden.

2. Welche Initiativen gab es bisher?

Im Juni 2016 standen nebst der Verankerung schulischer Brückenangebote im Bildungsgesetz zwei Änderungen zur Abstimmung. Die Einführung des Lehrplans 21 sollte Sache des Parlaments werden und nicht direkt beim Bildungsrat liegen. Dies wurde von 52,7 Prozent der Stimmenden abgelehnt. Der Verzicht auf Sammelfächer wurde jedoch angenommen, weshalb die Fächer Geschichte, Geografie, Physik, Biologie, Chemie, Hauswirtschaft und Wirtschaft im Kanton Baselland weiterhin separat unterrichtet werden. Der Lehrplan 21 musste diesbezüglich angepasst werden.

3. Was beinhalten Harmos und Lehrplan 21 überhaupt?

Mit einer Mehrheit von 56,5 Prozent bejahte das Baselbieter Stimmvolk 2010 den Beitritt zum Harmos-Konkordat. Damit wurde die obligatorische Schulzeit von elf Jahren festgesetzt, einem gemeinsamen Lehrplan mit übergeordneten Zielen für die ganze Schweiz zugestimmt und ein neuer Bildungsstandart bestimmt, der mehr auf Recherchefähigkeiten als auf Faktenwissen setzt. Von 2010 bis 2014 hat die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz den Lehrplan 21 erarbeitet, der diese Ziele in den Volksschulen umsetzen sollte.

4. Welche Initiativen stehen vonseiten der Starken Schule noch aus?

Am beunruhigendsten für die Harmos-Befürworter ist die seit 2014 hängige Initiative zum Austritt aus dem Konkordat. Der Lehrplan 21 und die angebliche Überforderung der Sekundarschüler durch zwei Fremdsprachen werden kritisiert. Gegen mehrere Fremdsprachen auf Primarstufe und das Fremdsprachenprojekt Passepartout stehen ebenfalls Initiativen aus. Der neue Lehrplan wird auf Primarstufe bereits seit dem Schuljahr 2015/2016 angewendet, neue Lehrmittel sind also schon in Verwendung und Lehrpersonen darauf geschult. Zwei weitere ausstehende Initiativen fordern den niveaugetrennten Unterricht in den Promotionsfächern und ein Universitätsstudium statt Pädagogischer Hochschule für Lehrpersonen.

5. Welche Ziele verfolgt die Starke Schule aktuell?

Der neuste Wurf des Komitees fordert die eindeutige Festschreibung konkreter Lerninhalte im Lehrplan, was eine Abkehr vom kompetenzorientierten Lernen bedeutet, wie es im Lehrplan 21 vorgesehen ist. Die Sammelfrist für Unterschriften ist am 18. Oktober abgelaufen. Ergebnisse werden voraussichtlich an der heutigen Pressekonferenz bekannt gegeben.