Zwölf Zusammenstösse
Die Strasse als Todesfalle: Vergangene Woche starben so viele Rehe wie kaum je im Winter

Die Behörden rufen zur Vorsicht auf. Im Baselbiet häufen sich derzeit Verkehrsunfälle mit Wildtieren. Grund sind wohl die aktuellen Wetterverhältnisse.

Andreas Hirsbrunner
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Dämmerungszeit ist für viele Rehe Todeszeit. Die letzte Woche war besonders krass.

Dämmerungszeit ist für viele Rehe Todeszeit. Die letzte Woche war besonders krass.

Keystone

Die Behörden schlagen Alarm und mahnen zur Vorsicht: Allein in der vergangenen Woche seien der Baselbieter Polizei zwölf Unfälle mit Rehwild gemeldet worden, teilten Polizei und Jagdverwaltung gemeinsam mit. Zwar lassen in einem Jahr um die 600 Tiere auf den Baselbieter Strassen ihr Leben – Tendenz steigend -, aber der Zeitpunkt der aktuellen Häufung der Unfälle sei ungewöhnlich, sagt der Baselbieter Jagdverwalter Holger Stockhaus.

Denn Rehe, die zusammen mit Füchsen mit je um die 200 Tiere jährlich häufigste Opfer von Crashs mit Autos sind, kämen im Normalfall vor allem im Herbst unter die Räder. Stockhaus erklärt: «Heikel ist es vor allem Ende Oktober nach der Zeitumstellung, wenn sich Berufsverkehr und Dämmerung plötzlich überschneiden.» Die Dämmerung morgens und abends ist die Hauptzeit für Rehe, vom Unterstand im Wald zu den Wiesen als ihren wichtigsten Futterstellen zu wechseln.

Salz lockt auf Strassen

Wieso denn jetzt diese Unfallhäufung mitten im Winter? Stockhaus hat zwei Erklärungen dafür: «Da ist zum einen das Salz. Die Rehe lecken Streusalzresten auf und bleiben dadurch länger auf der Strasse.» Das andere sei die gegenwärtige Schneelage. Das zwinge viele Tiere zu längeren Wegen, weil im Wald weniger Futter verfügbar sei und viele Wiesen unter geschlossenen Schneedecken lägen.

Überfahrene Wildtiere

Im Bezirk Arlesheim ist der Blutzoll am höchsten

Rekordhohe 634 Wildtiere kamen im letzten Jagdjahr zwischen April 2017 und März 2018 auf den Baselbieter Strassen ums Leben; neuere Zahlen sind nicht verfügbar. Davon betroffen waren 204 Füchse, 197 Rehe, 116 Dachse, 65 Steinmarder, 27 Wildschweine und 25 andere Tiere, darunter ein Gämsbock. Obenaus schwang im Jagdjahr 2017/2018 bei den überfahrenen Tieren der Bezirk Arlesheim mit 142, dicht gefolgt von den beiden Bezirken Liestal und Sissach mit je 136 toten Tieren.

Keine Rolle spielt für Stockhaus bei der Unfallhäufung der Rehbestand. Dieser bewege sich derzeit im üblichen, langjährigen Rahmen. Wobei Stockhaus diesen Rahmen grosszügig abstecken muss, weil er nur auf Schätzungen beruht: 3000 bis 4000 Rehe im ganzen Kanton.

Dass Wildschweine, obwohl ebenfalls zahlreich vorhanden im Kanton, weit weniger häufig Opfer von Verkehrsunfällen werden, erklärt sich Stockhaus mit deren Verhalten. Sie seien vorsichtiger, könnten Gefahren besser abschätzen und seien später nachts als Rehe unterwegs. Wieso werden Salzreste auf den Strassen plötzlich zu einer Falle fürs Rehwild, gesalzen wird bei Schneefall schliesslich seit Urzeiten? Stockhaus bleibt vage: «Eine Rolle spielen könnte dabei, dass Salz heute nicht mehr gestreut, sondern mit Flüssigkeit angereichert verteilt wird.» Für Details verweist er aufs Tiefbauamt.

Unfälle an elf Orten

Dort staunt Strasseninspektor Urs Hess etwas: «Wir haben in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert an unserem Winterdienst-System. Wir bringen das Salz schon lange angefeuchtet auf die Strassen, damit es nicht weggewindet wird.» Eine Solelösung komme nur auf Autobahnen zum Einsatz. Natürlich, so Hess weiter, sei vergangene Woche mit den winterlichen Verhältnissen im oberen Kantonsteil etwas mehr gesalzen worden. Aber insgesamt werde heuer wegen der besseren Dosierbarkeit weniger Salz ausgebracht als früher.

Auffällig ist, dass sich die zwölf Kollisionen auf elf Orte zwischen Ettingen und Zeglingen mit Schwerpunkt Oberbaselbiet und nicht auf bekannte Hotspots wie Allschwil-Oberwil oder Bubendorf-Hölstein verteilen. Einzig in Langenbruck sei es zu zwei Unfällen gekommen, sagt Polizeisprecher Adrian Gaugler. Menschen kamen übrigens bei den Unfällen keine zu Schaden.

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