Sanierung
Die Strasse durch Reigoldswil zerbröckelt

Die Sanierung der Kantonsstrasse durch Reigoldswil lässt auf sich warten. Seit Jahrzehnten blockieren Anwohner die Erneuerung.

Michel Ecklin
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Trottoir, naturnahes Ufer, Hochwasserschutz: Das fehlt derzeit an der Reigoldswiler Kantonsstrasse.

Trottoir, naturnahes Ufer, Hochwasserschutz: Das fehlt derzeit an der Reigoldswiler Kantonsstrasse.

Nicole Nars-Zimmer niz

Wie viele Anläufe der Kanton genommen hat, um die Kantonsstrasse in Reigoldswil zu sanieren, kann niemand genau sagen. Schon vor 50 Jahren soll es solche Pläne gegeben haben, danach in den 80er-Jahren und um die Jahrtausendwende. Umgesetzt wurde nichts. Inzwischen ist der Sanierungsbedarf nur noch dringender geworden. Sowohl mit dem Auto als auch mit dem Bus oder mit dem Velo rumpelts immer heftiger am unteren Eingang des Dorfs. Über weite Abschnitte fehlt ein Trottoir, auch für Velofahrer ist es eng. Die Mauer zwischen Strasse und der Hinteren Frenke bröckelt, zudem verlangt der Hochwasserschutz eine grössere Abflusskapazität des Bachs.

Der politische Wille wäre da. 2012 sprach der Landrat einen Projektierungskredit für eine kombinierte Sanierung von Bach und Strasse. Und auch der Reigoldswiler Gemeinderat möchte vorwärts machen. «Die Attraktivität der Gemeinde steht auf dem Spiel», sagt Gemeinderat Fritz Sutter. Und dass der Belag langsam zur Gefahr für alle Verkehrsteilnehmer wird, darüber sind sich im Dorf alle einig.

Trotzdem kommt das neuste Sanierungsprojekt des Kantons nicht vorwärts. Denn die Schwierigkeiten sind seit einem halben Jahrhundert die gleichen: Die Anwohner des Bachs und der Strasse müssten Land abgeben – und das wollen sie nicht. Andreas Abt zum Beispiel, dessen Haus zwischen Strasse und Bach steht, soll ein Stück seiner Terrasse hergeben für eine Uferbefestigung, die er gar nicht möchte. «In den vergangenen 40 Jahren hatten wir gerade mal eine Überschwemmung», sagt er. Er versteht nicht, warum der Kanton das Bachbett 80 Zentimeter tiefer legen und die Mauern ersetzen will. Seiner Meinung nach braucht es gar keinen Hochwasserschutz. Strasse und Trottoir könne man über den Bach überhängend bauen, dann brauche es keine Landabtretungen.

Ein alter Baum müsste weg

Andere Anwohner wehren sich dagegen, dass ihre Gärten verkleinert werden, damit der Bach eine schräge, naturnahe Böschung erhält. Einige beklagen, der Kanton zahle keinen Ersatz für ihre privaten Brücken über die Hintere Frenke. Und nicht zuletzt kritisierte der Denkmal- und Heimatschutz, dass für ein Trottoir die Mauer eines denkmalgeschützten Bauerngartens weichen müsse, ebenso ein alter Baum.

Was die Anwohner am meisten ärgert: Der Kanton saniert nicht nur gegen ihren Willen – er lässt sie auch noch dafür zahlen. Das sieht das kantonale Gewässerschutzgesetz nämlich bei Hochwasserschutzmassnahmen vor. Abts Kritik geht sogar so weit, dass er dem Kanton unterstellt, den Kostenanteil für die Bachsanierung zu erhöhen, damit mehr Anwohnerbeträge fliessen.

Alternativ können die Anwohner ihr Land kostenfrei abgeben, womit der Kanton Bachanstösser und damit entschädigungspflichtig würde. Doch das ist für viele Anwohner keine Lösung. «Mehrere Handvoll Einsprachen» seien hängig, sagt Jonas Woermann, in der Bau- und Umweltschutzdirektion für den wasserbaulichen Teil des Sanierungsprojekts verantwortlich.

Dabei hatte das Tiefbauamt mit Workshops versucht, die Anliegen der Anwohner ins Projekt einfliessen zu lassen. Doch alle konnte man nicht berücksichtigen. Auf den Hochwasserschutz zum Beispiel könne man nicht verzichten, erklärt Woermann. «Wenn ihr Haus mal unter Wasser steht, verstehen die Anwohner warum.» In einer Machbarkeitsstudie habe man 2010 einen Entlastungsstollen geprüft, aber als zu teuer und anfällig beurteilt. Eine über dem Bach hängende Strasse widerspreche allen Bestrebungen, Gewässer naturnaher zu gestalten. Und wie viel die Strassen und wie viel die Bachsanierung koste, sei im technischen Bericht klar aufgelistet, ansonsten gebe es keine Bundessubvention.

Der Rechtsweg steht offen

21 Millionen Franken soll die Sanierung insgesamt kosten. Davon gehen 7 Millionen in den Wasserbau, von denen der Bund voraussichtlich 35 Prozent übernimmt. Die rund 50 Anstösser berappen eine Million Franken, wobei der Kanton selber der grösste Anstösser ist. Woermann hat Verständnis, dass die Anwohner nicht mitziehen wollen. «Es ist definitiv eng in Reigoldswil», weiss auch er. Er rechnet damit, dass die Regierung nicht alle Einsprachen abweist. Und dann stünde noch der Rechtsweg offen. Damit müssten die Reigoldswiler ein Mal mehr auf eine bessere Dorfzufahrt warten – für unbestimmte Zeit.

Gemeinderat Sutter sieht immerhin einen Hoffnungsschimmer. Derzeit saniert der Kanton den Dorfplatz. «Auch da waren die Leute im Voraus sehr kritisch», sagt er. «Aber sie werden Freude am neuen Platz haben und darum die Strassensanierung unterstützen.»