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Die Tempo-30-Gegner verlieren an Fahrt

Einzelne Strassen mit reduziertem Tempo reichen manchen Baselbieter Gemeinden nicht mehr. In Pratteln und Sissach soll das ganze Dorf zur 30er-Zone werden. Eine Bestandsaufnahme.

Boris Burkhardt
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Pratteln machte den Dorfkern schon früh zu einer 30er-Zone. Eine Initiative will jetzt Tempo 30 im ganzen Dorf einführen. Martin Töngi

Pratteln machte den Dorfkern schon früh zu einer 30er-Zone. Eine Initiative will jetzt Tempo 30 im ganzen Dorf einführen. Martin Töngi

Die Mentalität der 50er-, 60er-Jahre halte sich sehr hartnäckig in manchen Köpfen, erklärt SP-Landrat Ruedi Brassel den teilweise grossen Widerstand gegen 30er-Zonen im Baselbiet. In jenen Boom-Jahren hätten sich die Autos «ein Recht auf die Strasse» erwirkt. Dorfstrassen hätten immer mehr die Funktion übernommen, Leute von A nach B zu bringen. «Diese Mentalität erodiert aber langsam», sagt der Kantonsparlamentarier, der ausserdem im Prattler Gemeinderat für die Sicherheit zuständig ist.

Pratteln selbst gehört zu den Baselbieter Pionieren in Sachen Langsamfahren: In den 90ern wurden bereits drei Quartiere als 30er-Zonen ausgewiesen. Für die angekündigte Einwohnerinitiative, die flächendeckend Tempo 30 fordert, rechnet sich Brassel gute Chancen aus, obwohl eine Initiative selben Inhalts 1995 scheiterte. «Es findet im Denken eine Umkehr statt», ist er sich sicher: «Die Strassen werden wieder mehr als Begegnungsstrassen für die Bewohner wahrgenommen.»

Vorteile ganz «physisch»

Jenseits dieser mentalen Veränderungen sind die Gründe pro Tempo 30 für Basels VCS-Vizepräsidenten Simon Trinkler ganz physisch: Der Bremsweg sei kürzer, die Wucht des Aufpralls geringer, die Todesrate stark rückgängig. Dazu komme die Lärmreduzierung bei niedrigerer Geschwindigkeit. Den Widerstand im Baselbiet sieht Trinkler, selbst ein Grünen-Landrat, in der starken Verkehrslobby unter den bürgerlichen Parteien.

In Pratteln ist Tempo 30 jedoch keine linke Einzelaktion. Laut Brassel ergänzt sich das Konzept «bestens» mit der beschlossenen Parkraumbewirtschaftung und dem Massnahmenplan zu Schwachstellen beim Fussgänger- und Veloverkehr. In den 90er-Jahren seien die Abstimmungen noch «im ideologischen Grabenkampf versumpft»; heute würden die Argumentationen sachlicher geführt. Deshalb ist sich Brassel sicher: «Wenn die 30er-Zone einmal eingeführt ist, will sie keiner mehr abschaffen.»

Das bestätigt Gemeindeverwalter Thomas Schaub für Frenkendorf, wo seit letztem Jahr auf allen Quartiersstrassen Tempo 30 gilt. Vor der Gemeindeversammlung hatte es kontroverse Stimmen gegeben, die bei der Abstimmung einbezogen worden seien: Zwei Drittel stimmten schliesslich dafür. Heute sei Tempo 30 «kein Thema mehr» in Frenkendorf.

Auch Sissach steht im Dezember vor der Wahl, Tempo 30 vom bisherigen Nordwesten auf alle Wohnquartiere auszuweiten. Obwohl Gemeinderat Martin Hauswirth nicht weiss, wie gross die Opposition gegen die 30er-Zone ist, schaut er der Abstimmung optimistisch entgegen. Der Gemeinderat stehe jedenfalls geschlossen dahinter.

«Agglo ist offener für Tempo 30»

Nach Hauswirths Theorie stellt Sissach im Oberbaselbiet allerdings eine Ausnahme dar: Er vermutet nämlich, dass das Unterbaselbiet aufgrund der Stadtnähe aufgeschlossener sei für Tempo 30. In der Tat gibt es in den kleinen Oberbaselbieter Gemeinden kaum 30er-Zonen: Geschwindigkeit sei dort kein grosses Thema, weil es kaum Durchgangsverkehr gebe, folgert VCS-Mann Trinkler. Dennoch wünsche sich der Verkehrs-Club auch in einigen Oberbaselbieter Ortskernen Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Wenn Sissach die Ausnahme im Oberbaselbiet ist, ist Allschwil die Ausnahme im Unterbaselbiet. Mit 57 Prozent erteilten die Allschwiler 2009 der flächendeckenden 30er-Zone eine klare Absage: Mit 49 Prozent, sagt Josua Studer, sei die Wahlbeteiligung für Allschwil extrem hoch gewesen. Der SD-Einwohnerrat warnte damals in der Diskussion im Ortsparlament: «Wir werden gnadenlos Tempo 30 bekämpfen, egal wie.»

Deutliche Abnahme von Unfällen

Ganz so militant wie damals sieht Studer die Sache heute nicht mehr: Über einzelne Strassen, zum Beispiel den Baselmattweg, könne man immer noch reden. Eine flächendeckende 30er-Zone für das ganze Dorf sei aber rausgeschmissenes Geld. Messungen im Nachbarort Schönenbuch hätten gezeigt, dass die Autos aufgrund des Verkehrs de facto nicht schneller als 30 Stundenkilometer fahren könnten. Studer sieht in den geplanten Massnahmen eher Kontraproduktives für die Verkehrssicherheit: Slalomfahrten durch versetzte Parkreihen förderten die Unübersichtlichkeit; der Rechtsvortritt verleite speziell Velofahrer dazu, vor Kreuzungen nicht mehr angemessen abzubremsen.

Dieser Argumentation kann Polizeisprecher Meinrad Stöcklin allerdings nicht ganz folgen: Er liest aus der Statistik eine deutliche Abnahme von Unfällen in 30er-Zonen ab. Ausserdem stellt er klar: «Kaum ein Unfall in einer 30er-Zone hat die Ursache darin, dass eine 30er-Zone eingerichtet wurde.»

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