«Hochstamm läbt»
Die Titterter Obstbaum-Fee hilft Bauern, ihre Äpfel zu verkaufen

Monika Schweizer konnte Bauern ins Boot holen – zum Vorteil von allen.

Andreas Hirsbrunner
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So gefällts ihr: Monika Schweizer inmitten von Hochstammbäumen. Martin Töngi

So gefällts ihr: Monika Schweizer inmitten von Hochstammbäumen. Martin Töngi

Martin Toengi

Sie ist das lebende Gegenargument zur landläufigen Meinung, ein Einzelner könne sowieso nichts bewirken: Monika Schweizer hat in Titterten nicht nur fertig gebracht, dass in den letzten sechs Jahren 250 neue Hochstamm-Obstbäume gesetzt wurden, sondern auch, dass die Bauern ihre Früchte verkaufen können. Schweizer wird zwar die Hände verrühren, wenn sie das liest, und auf ihr Team verweisen. Aber die 62-jährige Präsidentin des lokalen Natur- und Vogelschutzvereins ist unbestritten das Zugpferd des 2010 gestarteten und jetzt Ende Jahr auslaufenden Projekts «Hochstamm läbt».

Die Idee dazu kam Schweizer vor acht Jahren nach dem ersten Titterter Mosttag. Schweizer: «Mir wurde klar, dass wir mehr machen müssen als Äpfel auflesen und Nistkästen aufhängen. Wir mussten einen Weg finden, die Hochstammbäume zu erhalten. Denn sie zählen letztlich fürs Landschaftsbild und für die Vögel.» Und dieser Weg konnte nur über neue Absatzkanäle für die Früchte führen, denn nur wenn ein Bauer diese zu einem anständigen Preis absetzen kann, ist er bereit, die Bäume zu pflegen und abgehende zu ersetzen.

Also wurde der Ertrag aus dem ersten Mosttag in die Erarbeitung eines Vorprojekts mit dieser Stossrichtung investiert. Seither flossen noch viele Franken in «Hochstamm läbt»: Swisslos Fonds, Binding-Stiftung, Fonds Landschaft Schweiz, die Gemeinde Titterten sowie der Basellandschaftliche Natur- und Vogelschutzverband sprangen auf und steuerten zusammen 134 000 Franken bei. Mit 181 000 Franken der grösste Brocken jedoch kam vom Titterter Natur- und Vogelschutzverein: Hinter diesem Betrag steht der Einsatz des Vorstands und der Mitglieder, wenn er mit 40 Franken pro Stunde vergütet worden wäre – also 4525 Stunden ehrenamtliche Arbeit, wovon knapp die Hälfte von Monika Schweizer geleistet wurde.

Pralinen als Renner

Diesem grossen Input steht ein grosser und teils auch überraschender Output gegenüber: Titterten zählt heute, wo landauf, landab die Zahl der Hochstammbäume kontinuierlich zurückgeht, 2700 Exemplare – so viele wie schon lange nicht mehr. Und keiner der elf Bauern, die am Projekt teilnehmen, muss seine Früchte in die normalen Verkaufskanäle liefern, wo die Anforderungen an Perfektion und Grösse im Gegensatz zu den Abnahmepreisen stetig steigen. Heute wird ein Grossteil der Titterter Äpfel und Birnen in der dorfeigenen Mosterei verarbeitet und gewinnbringend verkauft, ein Grossteil der Kirschen an Marktständen in Basel, Engelberg und Interlaken direkt an den Kunden gebracht und der Rest dieser Früchte sowie Mirabellen und Zwetschgen getrocknet oder in Pralinen und Schokolade verarbeitet und in fünf Läden in Titterten, Reigoldswil, Ziefen, Liestal und Gelterkinden vertrieben.

Auch Coop habe grosses Interesse an den Produkten gezeigt, erzählt Schweizer, aber dafür seien sie nicht der richtige Partner: «Coop will grosse Mengen, wir verarbeiten jedoch nur so viel, wie die Titterter Bäume hergeben.» Vor allem das «Edel-Süsse», also die «Kirschträumli», «Pomeretli», «Mirabellen-Truffes» und wie die Pralinen alle heissen, hätten sich zu richtigen Rennern entwickelt.

Zum Output des Projekts «Hochstamm läbt» gehörte aber auch die gezielte finanzielle Unterstützung der Bauern und der Confiseurin, die das «Edel-Süsse» herstellt, bei der unerlässlichen Anschaffung von Produktionshilfsmitteln wie Trocknungsanlage, Schälmaschine, Entsteiner, Trempierapparat, Kühlzelle und Gefrieranlage. Und natürlich kostete auch der Aufbau des ganzen Marketings eine Stange Geld.

Einen Lohn beziehen auch jene Fachleute, die die Bäume schneiden, wenn das die Bauern nicht selbst machen wollen. Dazu macht Schweizer mit den Bauern, aber auch mit Privaten, einen jeweils dreijährigen Vertrag: Sie überlassen dem lokalen Natur- und Vogelschutzverein die Früchte ihrer Apfel- und Birnenbäume, dafür kommt der Verein für die Baumpflege auf.

Schweizer hatte beim Projekt «Hochstamm läbt» das Glück, vor allem auf Personen mit Fachwissen aus dem eigenen Dorf zählen zu können. So wirken eine Grafikerin, eine Umweltfachfrau, ein Finanzverwalter und etliche andere aus Titterten mit, darunter auch der Gemeindepräsident, der das Computerprogramm für die digitalisierte Sortenbestimmung bei der Bestandesaufnahme der 2700 Hochstammbäume geschrieben hat. Und Schweizer, frühpensionierte Berufsberaterin, ist so etwas wie die Allrounderin, die alles koordiniert.

Lieber Titterten als Neuseeland

Mit den Gewinnen aus den jährlichen Mosttagen – derzeit läuft die neunte Saison – und den Abgaben, welche die Produzenten aus dem Verkaufserlös leisten, konnten im Übrigen etliche Rückstellungen gemacht werden. Diese sorgen nun dafür, dass «Hochstamm läbt» über das offizielle Projektende von Ende 2016 ohne Unterstützung von aussen weiterläuft.

Schweizer ist also für Titterten ein Glücksfall. Dass sie überhaupt im Bergdorf gelandet ist, ist jedoch ein Zufall: Als Schweizer vor 35 Jahren mit ihrem Mann nach einem längeren Aufenthalt in Neuseeland in die Schweiz zurückkehrt war, wohnte sie in Birsfelden. Doch dort gefiel es ihr wegen der Enge und der fehlenden Natur nicht, worauf ihr ein Freund als Alternative zur definitiven Auswanderung nach Neuseeland ein Probewohnen in Titterten vorschlug. Mit den Reizen von Titterten konnte Neuseeland offensichtlich nicht mithalten, und aus dem Probewohnen wurde ein Dauerwohnen. Titterten ist umgekehrt somit auch ein Glücksfall für Monika Schweizer.

www.hochstamm-laebt.ch