Tagsatzung
Die vielfältige Kultur bündelt ihre Kräfte

Mehrere hundert Personen setzten sich in Liestal mit der Kultur auseinander. Nach diesem «Happening» gilt es nun ans Werk zu gehen, ohne sich zu verzetteln.

Jürg Gohl
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Engagiert diskutieren Kulturvertreter an der Tagsatzung. Martin Töngi

Engagiert diskutieren Kulturvertreter an der Tagsatzung. Martin Töngi

bz Basellandschaftliche Zeitung

Wenige Tage zuvor war eine starke Ungewissheit zu spüren. Am späten Samstagabend durften Regierungsrat Urs Wüthrich und Niggi Ullrich, der Leiter des Kulturellen im Kanton, zufrieden, sehr zufrieden auf den Tag zurückblicken: Der so genannten Tagsatzung, die Wüthrich stets als Experiment und damit als Risiko bezeichnet hat, wurde von allen Seiten Lob zuteil (siehe auch «Sonntag» von gestern). Am öffentlichen Treffen in Liestal, an der alle an Kultur Interessierten willkommen waren, wurde ein Tag lang in allen Formen über Kultur diskutiert. Katja Gentinetta, «Sternstunde»-Moderatorin und frühere Vizedirektorin von Avenir Suisse, sprach in ihrer Tagesbilanz von einem «Happening» der Kultur und forderte dazu auf, nun ans Werk zu gehen, ohne sich zu verzetteln. Urs Wüthrich, der es lieber politisch mag, bezeichnete den Anlass als «Manifestation der Kultur».

Heute bemühen sich die Veranstalter des Anlasses mit dem Epizentrum im Hotel Engel, der Zahl der Beteiligten näher zu kommen. Am Desk haben sich rund 250 eingeschrieben, 260 Personen haben sich zuvor in der Internet-Plattform zur Tagsatzung zu Wort gemeldet, nicht erfasst werden konnten die Leute, die sich nur kurz zeigten oder auf der Strasse eher unverhofft mit der grossen Kulturdebatte in Berührung kamen. Die offene Form des Anlasses erschwert diese Bilanz. «Es waren erfreulich viele Leute», bilanziert Wüthrich, «und es waren vor allem alle Leute, das heisst alle Interessengruppen, vertreten.»

Ein Fazit der Tagsatzung liess sich bereits am späten Samstagabend ziehen. Die Vertreter des vielfältigen Gebildes, das leichtfertig unter dem Sammelbegriff «Kultur» vereint wird, zeigten von Beginn an eine hohe Solidarität, keine Form wurde gegen eine andere ausgespielt. Und als die SVP am Abend in ihrer Lounge lieber ein Ländler-Trio aufspielen liess, statt vergeblich auf Gäste zu warten, um mit ihnen über ihre Sicht der Kultur zu sprechen, verstiess dies wohl ein wenig gegen die Spielregeln, passte aber bestens ins Gesamtbild des Tages. Massgeblich zum Erfolg beigetragen hat, dass das sehr offene Programm, das den einen oder anderen Besucher verwirrt, vielleicht sogar überfordert hat, strikte durchgezogen wurde und dass die technisch anspruchsvolle Regie sowie die Moderation von externen Kräften gut bewältigt wurden.

Mehr als ein Jahrmarkt der Kultur

Gleichwohl handelte es sich beim grossen Treffen um weit mehr als ein Jahrmarkt der Kultur. In verschiedenen Debattier-Gruppen wurden nicht nur Probleme erkannt, sondern zugleich auch Lösungen vorgeschlagen und Forderungen zu Papier gebracht. Neben dem Dauer-Thema, dem Ruf nach mehr Subventionen, waren das etwa eine bessere Vernetzung mit Basel-Stadt, Förderung der Volks- und der Jugendkultur oder mehr Kultur in den Schulunterricht.

Der Begriff Tagsatzung, welcher der Geschichte der Eidgenossenschaft entlehnt ist, verrät es bereits: Am Samstag wurde viel debattiert, viele kluge Sätze und klare Forderungen wurden aufgeschrieben, sowie Gesprächsrunden aufgezeichnet. Beschlossen wurde nichts. Nun werten externe Kräfte das Material aus, und daraus entsteht dann der Entwurf zum geforderten Baselbieter Kulturleitbild, das dann nicht dem Vorwurf ausgesetzt werden kann, an einem einsamen Beamtenschreibtisch entstanden zu sein. Bezeichnend dafür war einer der vielen Slogans des Tages: «Stammtisch statt Schreibtisch.» Am Forum forderte Urs Wüthrich deshalb alle auf, die Impulse aufzunehmen und nun nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen: «Wir müssen jetzt alle dran bleiben.»