«Nicht der richtige Moment»
Diego Stoll verzichtet – Kathrin Schweizer steht mit einem Bein in der Regierung

Diego Stoll will 2019 aus persönlichen Gründen nicht Regierungsrat werden. Auch Urs Kaufmann verzichtet auf eine SP-interne Bewerbung. Damit steigen Kathrin Schweizers Wahlchancen markant.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Jung und trotzdem schon politisch anerkannt: Landrat Diego Stoll.

Jung und trotzdem schon politisch anerkannt: Landrat Diego Stoll.

Kenneth Nars

Herr Stoll, Sie haben über die Ostertage weniger nach Eiern gesucht als nach einer Entscheidung, ob Sie sich SP-intern für eine Regierungsratskandidatur zur Verfügung stellen sollen. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Diego Stoll: Ich werde nicht kandidieren.

Wieso?

Als die Idee einer Kandidatur letzten November parteiintern sowie von Exponenten anderer Parteien an mich herangetragen worden ist, kam das für mich eher überraschend. Solche Gedankenspiele waren damals für mich sehr weit weg. Inzwischen habe ich mich aber intensiver damit auseinander gesetzt und auch mit Vertrauenspersonen wie Claude Janiak und meinem Landratskollegen Thomas Bühler gesprochen. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass für eine Kandidatur in meiner jetzigen Lebenssituation nicht der richtige Moment ist. Ich bin letzten Herbst in einer Liestaler Anwaltskanzlei Partner geworden und das ist ein längerfristig angelegtes Projekt. Zudem möchte ich in den nächsten zwei Jahren meine Dissertation zum Thema Kinderunterhalt schreiben. Und zum Dritten möchte ich meinen politischen Rucksack noch weiter füllen. Ich bin ja erst seit drei Jahren Landrat. Nach meinem Dafürhalten ist es jetzt reichlich früh, um die nächste Ebene zu erklimmen. Aber es freut mich natürlich, dass man mir das Regierungsamt zutraut.

Die Aussicht, als jüngster Regierungsrat in die Annalen der Baselbieter Geschichte einzugehen, hat zu wenig gereizt?

Ich finde Eitelkeit generell einen schlechten Ratgeber in der Politik. Ich habe mir diese Frage auch gar nie gestellt. Auch Überlegungen taktischer Natur, ob ich jetzt parteiintern und später allenfalls an der Urne Wahlchancen hätte, standen für mich nicht im Vordergrund, sondern allein, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für mich ist. Und solche Fragen entscheide ich aus meinem Inneren heraus und nicht taktisch.

Das könnte bei einer Wahl von
Kathrin Schweizer heissen, dass die nächste Chance erst in zwölf Jahren kommt.

Vielleicht kommt sie auch gar nie mehr, weil dann eine andere Person im Vordergrund steht. Das nehme ich in Kauf. Ich mache keine Karriereplanung. Aber wenn es später ein Fenster für eine Regierungskandidatur gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass ich mich dann bewerbe.

Apropos Kathrin Schweizer: Sie verzichtet zugunsten einer möglichen Regierungskandidatur auf das sichere Nationalratsmandat. Erhält jetzt nicht jeder parteiinterne Gegenkandidat angesichts dieses Opfers den Anstrich eines Verräters?

Mein Entscheid fiel unabhängig von jenem von Kathrin Schweizer. Die SP funktioniert aber nicht so, dass man sich gegenseitig irgendwelche Rollen zuschiebt. Wer unser Kandidat ist, das ist ein demokratischer Entscheid von der Parteibasis. Ich finde im übrigen Kathrin Schweizer eine sehr fähige Kandidatin, die mich überzeugt.

Sie gelten für viele Bürgerliche als wählbar. Heisst das, dass Sie kein richtiger Sozialdemokrat sind?

Wenn man mein politisches Wirken sowie mein Abstimmungsverhalten verfolgt, dann sieht man klar, dass ich für die sozialdemokratischen Grundsätze einstehe. Ich definiere jeweils für mich rote Linien, die ich nicht überschreite. Solche Linien sind etwa das Sparen bei der Uni, ohne dass man deren Wertschöpfung miteinbezieht. Oder der flächendeckende Lohnabbau beim Staatspersonal. Ich glaube, dass das für das Gedeihen unseres Kantons schädlich ist, weil es entscheidend ist, dass wir gutes Personal haben. Daneben gibt es für mich Bereiche, in denen ich kompromissbereit bin. Ich funktioniere halt nicht nach einem Schwarz-Weiss-Muster, das davon ausgeht, dass der Gegenüber immer falsch liegt. Wenn ich mich denn etikettieren muss, dann so, dass ich eher am sozial-liberalen Flügel politisiere.

Sie werden im Liestaler Einwohnerrat über alle Parteigrenzen hinweg geschätzt. Das Gleiche ist Ihnen nun auch im Landrat nach kürzester Zeit gelungen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Wenn ich jetzt von Erfolgsrezept reden würde, hiesse das ja, dass ich mich selbst des Erfolgs rühmen würde. Ob ich das habe, weiss ich nicht. Ich kann aber sagen, wie ich funktioniere: Ich gehe respektvoll mit meinen Mitmenschen um, attestiere ihnen, dass auch sie Gutes erreichen wollen, und gestehe ihnen eine andere Überzeugung zu. Das führt wohl dazu, dass man mich ebenfalls respektvoll behandelt. Und ich nehme die parlamentarische Arbeit sehr ernst und versuche, die Geschäfte inhaltlich zu beherrschen. Das ermöglicht eine sachliche Argumentationsebene, auf der auch eher Kompromisse erzielt werden können.

Sehen Sie sich längerfristig eher in der Legislative oder in der Exekutive?

Ich kann mir ein Exekutivamt sehr gut vorstellen – sei das in der Kantonsregierung oder im Liestaler Stadtrat. In einem Kollegialgremium kann man fernab der politischen Bühne Kompromisse schmieden, die das Gemeinwesen als Ganzes vorwärts bringen.