Münchenstein
Dieses Schweizer Paar lebt im Keller – die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig

Eine IV-Rentnerin und ihr Mann hausen im Untergeschoss eines Mietshauses. Seit einem Hirnschlag ist die Frau auf der linken Körperhälfte gelähmt. Das Paar hat sich unzählige Male für andere Wohnungen beworben, vergeblich.

Benjamin Wieland
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Ehepaar Kern aus Münchenstein
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Das schlimmste sei die fehlende Küche: Das Ehepaar Kern aus Münchenstein in seiner Bleibe im -1.
Das schlimmste sei die fehlende Küche: Das Ehepaar Kern aus Münchenstein in seiner Bleibe im -1.

Ehepaar Kern aus Münchenstein

Roland Schmid

Die Kerns aus Münchenstein bewohnen ein besseres Kellerabteil, seit über sieben Jahren schon. Doch den Humor hat das Paar nicht verloren. «Wenn Putin spinnt und Russland angreift», sagt Frau Kern, «sind wir wenigstens als erste im Luftschutzraum!»
Ihren Vornamen will sie nicht in der Zeitung sehen, auch nicht ihr Gesicht. Frau Kern muss genügen. «Mich kennen schon genug Leute», sagt die 52-Jährige. Aber ihr Mann, der dürfe schon aufs Bild, «Aber er soll bitteschön den Bauch einziehen!», sagt sie zum Fotografen der «Schweiz am Wochenende». «Sonst muss ich mich noch schämen.»

Seit Hirnschlag gelähmt

So ironisch das tönt – die düstere Bleibe, in der Frau und Herr Kern festsitzen, haben sie sich selbst ausgesucht. Die Wohnung mieteten sie 2010. Damals sass Frau Kern noch nicht im Rollstuhl und ihr Mann musste sich nicht fast rund um die Uhr um sie kümmern. Die Kerns sind Wirte. Jahrelang schmissen sie das Club-Restaurant des FC Münchenstein, standen sechs Tage die Woche in der Küche.

Die Bleibe im ersten Untergeschoss in einem Mehrfamilienhaus schien ihnen ideal: nah beim Clubhaus, günstig, klein. Das bedeutete: wenig Putzen, wenig Aufräumen – dafür mehr Zeit für anderes. Dass die 2-Zimmer-«Wohnung» keine Küche hat, habe keine Rolle gespielt, sagt sie: «Wir waren ja fast nie zu Hause, weil wir so viel arbeiteten. Manchmal übernachteten wir sogar im Clubhaus. Unser Leben fand dort statt.»

Frau kommt nicht in die Toilette

Doch dann ein folgenschwerer Entscheid. 2012 übernahmen die Kerns einen zweiten Betrieb. Das war wohl zuviel. 2014 erlitt Frau Kern eine Hirnblutung. Sie erinnert sich: «Es war der 13. Dezember, ein Samstagmorgen. Plötzlich spürte ich einen Stich im Kopf. Meine Hände machten nicht mehr das, was ich wollte.»

Minuten später fiel sie um. Zehn Tage Koma. Als sie wieder aufwachte, war die linke Körperhälfte gelähmt. Bis heute kann die gebürtige Philippinerin, die mit 16 Jahren nach England kam und mit 22 ihren heutigen Mann kennenlernte, nur kurze Strecken gehen, mithilfe des Rollators. Das linke Gesichtsfeld ist eingeschränkt. An Arbeit ist nicht mehr zu denken.

Die Wohnung, die sie gemietet hatten, weil sie so günstig war und weil sie kaum zu Hause waren, wurde zur Falle. Das Badezimmer ist zu schmal für den Rollstuhl. Auch hat das Gebäude keinen Lift. Herr Kern, soeben 60 geworden, muss seine Frau tragen, wenn sie auf die Toilette oder aus dem Haus muss. «Das Schlimmste ist aber», sagt sie, «dass die Wohnung keine Küche hat. Ich habe mein Leben lang gekocht. Kochen ist meine Leidenschaft, meine Passion.» Eine Elektro-Kochplatte muss heute genügen, um Vorgekochtes aufzuwärmen.

Das Paar hat sich unzählige Male für andere Wohnungen beworben, vergeblich. Die Wohnungsnot ist gross, gerade in Münchenstein. Bei den Kerns kam aber noch etwas hinzu: Betreibungen: «Als wir noch berufstätig waren», sagt Herr Kern, «waren wir ein wenig nachlässig mit den Rechnungen. Nach dem Unfall waren wir verschuldet, konnten unmöglich alle Ausstände gleich zurückzahlen.»

Zweieinhalb Jahre musste Frau Kern auf ihre IV-Rente warten. Etwas über 4000 Franken kämen heute zusammen, sagt er, inklusive Ergänzungsleistungen. Für die Miete könnten sie maximal 1200 Franken aufwenden. Der gelernte Plattenleger kann nichts zum Haushaltsbudget beitragen: Die Pflege seiner Frau, mit der er seit 27 Jahren verheiratet ist, absorbiert ihn komplett.

Wohnungsnot in Münchenstein

Bei der Gemeinde weiss man vom Paar im Keller. Die Kerns haben einen Beistand. Auch bei der Wohnungssuche half die Gemeinde mit, und sie stellte eine Mietzinsbestätigung aus, sodass potenzielle Vermieter wissen, dass der Zins direkt von der Gemeinde überwiesen wird.

Auskünfte zum Fall sind nicht erhältlich, Datenschutz. Aber: «Es ist schon so: In Münchenstein fehlen Wohnungen, und mit Einschränkungen wird’s noch schwieriger, etwas Passendes zu finden», sagt Gemeindepräsident Giorgio Lüthi. Die Leerstandsquote liege im Fünf-Jahres-Schnitt bei 0,5 Prozent, landesweit seien es 1,1 Prozent.

«Wir haben natürlich reagiert. Aber das Problem ist nicht von Heute auf Morgen gelöst.» Lüthi verweist auf diverse Projekte. Rund 1300 Wohnungen sollen in den kommenden Jahren in Münchenstein entstehen, eine stattliche Zahl für den Vorort mit 12'200 Einwohnern. Doch die Kerns brauchen ihre neue Wohnung jetzt. Sie sagt, sie wären sogar mit eineinhalb Zimmern zufrieden. Ob in der Agglomeration oder in Basel, das sei egal.
Nur etwas müsste diese Wohnung haben: eine Küche. «Wenn ich wieder kochen könnte, wäre ich glücklich!»