Schuhhandel
Dieter Spiess zieht Gewerkschafts-Zorn auf sich

Im Fernsehmagazin «Rundschau» bezeichnet der frühere SVP-Kantonalpräsident Dieter Spiess Mindestlöhne als «DDR-Methode». Die Reaktion auf Spiess' Tirade liess nicht lange auf sich warten. Die Gewerkschaft Unia verlangt von ihm Wiedergutmachung.

Bojan Stula
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Dieter Spiess in der Rundschau

Dieter Spiess in der Rundschau

Zur Verfügung gestellt

Da ist der «Stuhl» des SRF-Magazins «Rundschau» für Dieter Spiess tatsächlich heiss geworden. Von Moderator Sandro Brotz in die Enge getrieben, schoss der frühere Baselbieter SVP-Kantonalpräsident am Mittwochabend mit einer Breitseite in Richtung Gewerkschaften zurück: Mindestlöhne seien eine «DDR-Methode», Gesamtarbeitsverträge (GAV) im 21. Jahrhundert ein «Auslaufmodell» und Gewerkschaften ohnehin überflüssig. Diese würden aus Eigennutz bloss die Mitarbeiter aufhetzen, um aus der Schuhbranche neue Mitglieder «heranzupeitschen». Alle Branchen, die einem GAV unterliegen, hätten als Folge «Arbeitsplatzvernichtung» zu verzeichnen.

Der 64-jährige Schuhladen-Inhaber aus Gelterkinden setzte sich als Zentralpräsident des Schweizerischen Schuhhändler-Verbandes im «Rundschau»-Studio gegen Dumpinglohn-Vorwürfe zur Wehr. Unter anderen ging es um den Fall einer Schuhverkäuferin der Discount-Kette Reno, die für einen Stundenlohn von 16.95 Franken arbeitet. Jede dritte Schuhverkäuferin in der Schweiz verdiene weniger als 4000 Franken monatlich, folgerte Daniel Lampart, der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB). Deshalb fordert die Unia in der Schuhbranche die Einführung eines Mindestlohns von 4000 Franken.

Dicke Post von der Unia

Das sagt die Unia zum Auftritt von Dieter Spiess in der Rundschau

Medienmitteilung der Unia:

Dieter Spiess, Präsident des Schweizerischen Schuhhändlerverbandes, bezeichnete gestern Abend in einem Rundschau-Interview Gesamtarbeitsverträge als «Auslaufmodell». «Gewerkschaften braucht es nicht», so Spiess im O-Ton. Die Unia findet: Angesichts der weit verbreiteten Tieflöhne hat gerade der Schuhhandel dringend Massnahmen nötig, die akzeptable Arbeitsbedingungen und einen anständigen Mindestlohn garantieren.

Angesprochen auf die in der Schuhverkaufsbranche verbreitete Lohndrückerei mit Löhnen von zum Teil weit unter 4000 Franken für eine 100%-Stelle behauptete Verbandspräsident Spiess in der Rundschau, Gesamtarbeitsverträge würden «nichts bringen». Und weiter: «Mindestlöhne, gleich welcher Höhe, sind eine DDR-Methode».

Wenn hier etwas an „DDR-Methoden" erinnert, dann ist es diese schier unglaubliche Leugnung und Verdrehung von Tatsachen. Die Probleme der Arbeitnehmendem im Schuhverkauf sind dringlich, das Gesprächsangebot der Unia steht. Die Unia verlangt von Arbeitgeberpräsident Spiess, dass er seine ideologischen Scheuklappen ablegt und seine am TV behauptete Gesprächsbereitschaft nun unter Beweis stellt.

Zwar sei Reno in der Branche tatsächlich als «Schwarzes Schaf» bekannt, gab Spiess zu, doch zog er die betreffende Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik stark in Zweifel. Er könne sich nicht vorstellen, dass diese Angaben stimmen. Hier würden Zahlen aus der Textilbranche mit jenen der Schuhbranche vermischt. Bei ihm in Gelterkinden verdienten alle Mitarbeiter mehr als 4000 Franken, was der Lohnempfehlung seines Verbandes entspreche.

Die Reaktion auf Spiess' Tirade liess nicht lange auf sich warten. «Wenn hier etwas an ‹DDR-Methoden› erinnert, dann ist es die schier unglaubliche Leugnung und Verdrehung von Tatsachen», schimpfte die Gewerkschaft Unia am Donnerstag in einer landesweiten Mitteilung über Spiess. Insbesondere stiess ihr sauer auf, dass Spiess sich vor laufender Kamera «als gesprächsbereites Opfer einer Hetzkampagne darstellt». Tatsächlich hätte ihm die Unia bereits im Februar ein Gesprächsangebot für sozialpartnerschafliche Zusammenarbeit im Schuhhandel unterbreitet, das aber seitens des Verbands bis heute unbeantwortet geblieben sei.