Wirtschaftsforum Binningen
Digitale Zukunft: Die skeptischen Stimmen kamen aus dem Publikum

Am Wirtschaftsforum Binningen wurden von den Referenten vorwiegend idealisierte Zukunftsbilder gemalt.

Alan Heckel
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Binninger Wirtschaftsforum
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Lukas Ott
Mike Keller (links) und Herbert Kumbartzki
Mike Keller

Binninger Wirtschaftsforum

Alan Heckel

«Spannend» war das Adjektiv, das Mike Keller am häufigsten brauchte. Und spannend war es in der Tat, was am 3. Wirtschaftsforum Binningen im Kronenmattsaal vorgetragen und diskutiert wurde. Nachdem die Runde 50 Minuten überzogen hatte, brach Keller sanft ab. «Stoff und Inputs reichen ja problemlos für einen weiteren Anlass», konstatierte der Binninger Gemeindepräsident treffend.

«Zeit(t)räume – Siedlungsraumentwicklung im Spannungsfeld von Trends, Visionen und Realität» lautete das Thema, das rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörer angelockt hatte. Der Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung der Siedlungsräume «wird zu einem grossen Wandel führen», so Keller. «Die Frage ist, ob wir diesem aktiv oder reaktiv begegnen.»
Das erstes Referat des Abends über den «Siedlungsraum der Zukunft» kam von Regula Ruetz.

Die Direktorin von Metrobasel wagte einen Ausblick, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Raum und Infrastrukturen haben könnte. In einem Kurzfilm wurde eine mögliche Zukunftsvision aufgezeigt. «Fliegende Autos? Das wär doch was», meinte Ruetz augenzwinkernd, ehe sie wieder ernst wurde: «Die Bevölkerung und die Anzahl Fahrzeuge werden in den nächsten zehn Jahren weltweit zunehmen. Das Ziel muss also sein, den motorisierten Verkehr zu reduzieren.»

Besser die eigenen Beine

Geht es nach Ruetz, wird der Individualverkehr in Zukunft an Bedeutung verlieren. «Bevorzugt werden je länger je mehr die eigenen Beine, das Velo und der öV.» Welche Prognosen oder Visionen tatsächlich eintreffen werden, konnte die Metrobasel-Direktorin natürlich nicht voraussagen, warnte aber davor, mit Rezepten aus dem vergangenen Jahrhundert zu planen. «Das ist definitiv keine Lösung!» Dann war die Reihe an Lukas Ott, der in «Die trinationale Stadtregion der kurzen Wege» aufzeigte, dass die Stadt der Zukunft gleichzeitig die Stadt der kurzen Wege ist. Der Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt erklärte, dass die stark unternutzten Industrieareale und Mischgebiete das grösste Potenzial für die Schaffung von Wirtschafts- und Wohnflächen darstellen würden. Im Kanton Basel-Stadt sei genug Platz vorhanden, um beides bis 2035 weiterzuentwickeln.

Den «Handel im Wandel» stellte dagegen Walter Schenkel vom Verein Metropolitanraum Zürich in den Fokus. Der Politologe zeigte fünf mögliche Szenarien für die Zukunft auf und machte klar, dass keines davon eine Prognose sei. Dass das Gewerbe aber im Zeitalter der Digitalisierung aktiv werden muss, steht für Schenkel fest. «Andernfalls hat man ja gesehen, was mit Nokia passiert ist.»

Nach den zukunftsorientierten Referaten kam Herbert Kumbartzki auf die Bühne. Der Leiter Finanz- und Risikomanagement der BLKB stellte so etwas wie den gegenwartsbezogenen Gegenpol dar und schilderte im Gespräch mit Mike Keller, wie sich seine Bank in der heutigen Zeit ständig anpassen müsse. «Unsere Kunden wollen mittlerweile beides – jederzeit übers Handy Transaktionen machen und für die komplizierten Sachen persönlich mit dem Berater sprechen.» Für mittelständige Unternehmen stelle dies eine Herausforderung dar. «Wir müssen entscheiden, was ist ein Hype und welche Entwicklungen wir nicht verschlafen dürfen», so Kumbartzki.

Gewinner sind die Monopolisten

Die komplette Runde diskutierte im Anschluss noch weiter, ergänzt durch die Binninger Gemeinderätin Eva-Maria Bonetti. Diese war von den «schönen Visionen ausserordentlich beeindruckt». Was überhaupt auffiel, war, dass alle Experten ziemlich unkritisch in die Zukunft blicken. Ein Zuschauer, der später eine Frage stellte, nannte es gar «naiv». Weiter sagte der Mann Dinge wie «Wachstum ist nicht gleich Lebensqualität», «Ich will durch den Gebrauch einer App keinen Billettschalter abschaffen» oder «Ich bedauere es, dass unsere Kinder vom Handy gesteuert werden» – und erhielt dafür den lautesten Applaus des Abends.

Nun outeten sich die Fachleute doch noch als kritische Zeitgenossen im Zusammenhang mit der Digitalisierung. «Jede Medaille hat zwei Seiten», sagte Keller. Kumbartzki ging noch weiter: «Diese unglaubliche Zukunftsgläubigkeit ist gefährlich, vor allem wenn man bedenkt, dass sämtliche Gewinner der Digitalisierung wie Google oder Amazon eine Monopolstellung haben. Es braucht in diesem Zusammenhang unbedingt einen politischen Prozess und eine Wertediskussion.»