Vater und homosexuell
«Du bist trotzdem mein Vater»

Papi – und schwul: Thomas Fingerlin hat es sehr viel Mut gekostet, seinen beiden Kindern die Wahrheit zu sagen. Mit dem heutigen Vatertag wird er sich zusätzlich bewusst, dass sich seine Offenheit gelohnt hat.

Marcel Friedli
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bz Basellandschaftliche Zeitung

Thomas Fingerlins Tochter, etwas über 20 Jahre alt, stürzt weinend aus ihrem Zimmer, nachdem ihr Vater ihr eben gesagt hat: Ich stehe auf Männer. Sie hat das Gefühl, der Papi werde ihr weggenommen. Darum hofft sie innig, all das sei nur eine Flause, die wieder gehe, so wie sie gekommen sei.

Das liegt sechs Jahre zurück. Heute ist der Ex-Freund ihres Vaters ein guter Shoppingpartner für sie. «Hinter diesem Gesinnungswandel», erzählt der 58-jährige Thomas Fingerlin, der in Muttenz aufgewachsen ist und lange in Lausen gewohnt hat, «steckt viel Arbeit. Viele Gespräche waren nötig.» Es sei für ihn sehr schön, dass «mich meine Tochter nun genau so akzeptiert, wie ich bin».
Ob das auch bei seinem Sohn der Fall sein würde?, fragte er sich vor sechs Jahren. Damals nimmt Thomas Fingerlin eigens vier Wochen Ferien, um nach Südafrika zu reisen, in das Land, in welchem sein Sohn als Missionar arbeitet. Er druckst herum; schliesslich ist es sein Sohn, der ihn bei einem Spaziergang am Strand ermutigt, ihm zu eröffnen, was er auf dem Herzen hat.

«Du hast einen schwulen Vater!» Sein Sohn umarmt ihn. «Du bist trotzdem mein Vater!» Diese Reaktion seines Sohns habe er als beglückend und unfassbar erlebt, erzählt der Single, der von seiner Frau geschieden ist, aber ein gutes Verhältnis zu ihr hat. «Manchmal kommt zuerst das, was man zuletzt erwartet hat.»

Über Weihnachten und Neujahr hat Thomas Fingerlin seinen Sohn in Südafrika erneut besucht. Mit einem schwulen Freund, der aber nicht sein Partner ist. Am Anfang sei noch etwas Zurückhaltung spürbar gewesen, aus der aber mehr und mehr Sympathie gewachsen sei. Die Konfrontation mit dem Thema Homosexualität habe bei seinem Sohn Spuren hinterlassen: Als eine lesbische Arbeitskollegin von der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, habe er ein gutes Wort für sie eingelegt. «Er hat heute Verständnis und Respekt für Schwule und Lesben. Mein Schwulsein hat sich also gelohnt.»

Denn bevor Thomas Fingerlin es seinen beiden Kindern und seiner Frau eröffnen konnte, hatte er jahrelang im Clinch gelebt. Im Clinch zwischen dem aktuellen Leben mit seiner Familie und seinem Wunsch, seine Homosexualität zu leben. Doch er hatte Angst davor, seine Frau zu verlieren. Angst, seine beiden Kinder würden ihn verschmähen. Und er hatte Angst, von der Freikirche verstossen zu werden, in deren Leitung er damals war.

Seine Seele aber sprach über den Körper: Er war dauernd erkältet, Magen und Darm machten ihm zu schaffen; er klemmte einen Finger ein, zog sich immer wieder Schürfungen und Verstauchungen zu. Gespräche mit einem Psychiater, schlaflose Nächte und der Kontakt mit den schwulen Vätern der Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel (habs) waren nötig, bis er sich selber sein Schwulsein endlich eingestehen konnte.

Durch sein Coming-out habe sich die Beziehung zu seinen beiden Kindern vertieft: «Es ist noch mehr Respekt und Achtung auf beiden Seiten spürbar.» Darum sei es für sie nicht notwendig, den Vatertag speziell zu feiern. Weil Thomas Fingerlin das Vatersein ein grosses Anliegen ist, organisiert er bei den habs einmal pro Monat ein Treffen für Männer in der gleichen Situation wie er: schwul und Papi.