Vorbildfunktion
Eigentlich wollte er Tramführer werden

«Guten Tag. Ich bin von der Cristofoli AG, bin gehörlos und spreche Hochdeutsch». So begrüsst Nicolas Mauli die neuen Kunden. Er ist gehörlos und arbeitet seit 31 Jahren auf dem Bau.

Anna Wanner
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«Guten Tag. Ich bin von der Cristofoli AG, bin gehörlos und spreche Hochdeutsch», so begrüsst Nicolas Mauli die neuen Kunden, bevor er mit seiner Arbeit loslegt. Das Sprüchlein ist entwaffnend und clever: Mauli verweist direkt auf seine Behinderung, stellt aber im gleichen Zug klar, dass er bestens kommunizieren kann.

Der 48-jährige Plattenleger ist erfahren – hat er doch schon 31 Dienstjahre auf dem Buckel. Seine Aufträge bei Privatkunden vollendet er ohne fremde Hilfe. Dass er nichts hört, behindert den Handwerker Mauli nicht. Trotzdem reagieren viele Kunden überrascht, wenn er alleine vor der Türe steht. «Kann der das?» ist ein Zweifel, der ihm oft begegnet. Er legt sich erst, wenn der Plattenleger zu arbeiten beginnt.

Berührungsängste der Kunden

Es ist fünf Uhr abends. Mauli sitzt in Bauarbeitermontur am Konferenztisch seines Arbeitgebers: Überhose, feste Schuhe und ein warmer Pulli. Trotz des anstrengenden Tages wirkt er nicht müde, sondern ist ins Gespräch vertieft. Konzentriert liest er von den Lippen der Dolmetscherin und folgt ihren flinken Händen. Im Arbeitsalltag kann er oftmals nicht auf den Luxus einer Gebärdensprache-Dolmetscherin zurückgreifen.

Probleme mit der Kommunikation entstehen dann, wenn sich die Kunden scheuen, ihn auf der Schulter anzutippen, um seine Aufmerksamkeit zu erhalten. «Manchmal spüre ich, wenn jemand im Raum ist. Doch immer zurückschauen mag ich nicht.» Deshalb ist er auf die Mitarbeit der Kunden angewiesen. Unterhalten kann er sich auf Hochdeutsch und mit Zeichensprache. Wenn alles nichts hilft, dienen Block und Bleistift als Kommunikationsmittel.

Nach anderen Problemen im Arbeitsalltag gefragt, weicht Mauli zunächst aus: «Ich bin zufrieden, dass ich selbstständig arbeiten kann.» Natürlich könne er nicht beurteilen, ob Kunden hinter seinem Rücken lästern. Die Skepsis der Kunden entsteht durch Vorurteile. Mit handwerklichem Geschick hat seine Hörbehinderung nichts zu tun. «Intelligenz und Können sind da», ergänzt Ivan Rodella, der seit mehr als 20 Jahren mit Mauli zusammenarbeitet.

Abbau von Vorurteilen

Um die Vorurteile weiter abzubauen, engagiert sich Mauli auch für das Projekt «Die Charta», das die Integration von Behinderten in den ersten Arbeitsmarkt fördert (bz berichtete). Mauli ist überzeugt, dass Behinderte den anderen Arbeitnehmern oftmals in nichts nachstehen: «Sonst würden sie sich nicht für die Stelle bewerben. Zweifler finde ich mühsam. Und Chefs, die Menschen mit Behinderung prinzipiell ausschliessen, verstehe ich nicht.» Es sei wichtig, dass Behinderten eine Chance gewährt werde, indem ihnen eine Stelle zur Verfügung angeboten wird.

Wie er denn selbst zu seiner Stelle gekommen sei? «Ich habe keine Bewerbungen oder Briefe geschrieben. Ich bin persönlich vorbeigegangen und habe mich vorgestellt», erinnert sich Mauli. «Nur so lassen sich Vorurteile abbauen.»

Höhepunkte und geplatzte Träume

Mauli führt ein erfülltes Leben. In seiner Freizeit besucht der eingefleischte FCB-Fan am liebsten Spiele seines Clubs. Die Stimmung im Stadium sei nicht nur durch Vibrationen der Trommeln und den Lärm der Fans spürbar, sondern auch durch den Gesichtsausdruck der Zuschauer. «Auch wir fluchen, wenn die Mannschaft am Tor vorbei spielt», schmunzelt Mauli. Neben seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, dem FCB, besucht er auch Italienisch-, Grill- oder Weiterbildungskurse mit Freude.

Einen Traum konnte der Lebemann wegen seiner Behinderung nicht ausleben: «Eigentlich wollte ich Tramführer werden.» Doch auch Plattenlegen sei eine schöne Arbeit. «Ausserdem höre ich den Baulärm nicht», witzelt Mauli. Ein gewisser Ernst kehrt ins Gespräch zurück, als er erzählt, dass er vor 15 Jahren die Meisterprüfung nicht habe machen können, weil auf dem Bau viel telefoniert werden müsse. «Und natürlich möchte mich mein Chef als Plattenleger behalten», sagt Mauli selbstbewusst.