Arboldswil
Ein Besuch im Restaurant Rudin – aus Gwunder zum «Schangi»

Das Restaurant Rudin ist eine ganz spezielle Beiz. Die bz war unter Stammgästen.

Simon Tschopp
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Wirtin Elsbeth Rudin (links) bedient Gäste am Stammtisch.Fotos: Nicole Nars-Zimmer

Wirtin Elsbeth Rudin (links) bedient Gäste am Stammtisch.Fotos: Nicole Nars-Zimmer

Nicole Nars-Zimmer niz

Altes Bauernhaus, Fassade teils renoviert, Eingangstüre in die Jahre gekommen. Drinnen in der heimeligen Gaststube ein dominanter, brauner Kachelofen, Bilder von einst an den Wänden, währschafte Vorhänge, schlichte Bänke, Stühle und Tische. Daran eine Handvoll Gäste, mehrheitlich Männer. Über dem Stammtisch thront ein ausgestopfter Kopf eines Keilers, den 1938 der damalige Wirt Karl Rudin-Rudin erlegt hatte. Wir sind beim «Schangi».

Das ist die Kultbeiz von Arboldswil, offiziell Restaurant Rudin, geführt von der Familie Rudin in vierter Generation (siehe Box). Der Name «Schangi» stammt von Jean. So hatte der erste Wirt mit Vorname geheissen, auch Nachfahren wurden so getauft. Jeweils von dienstags bis samstags treffen sich am Abend vor allem Stammgäste beim «Schangi». Aus Arboldswil, aus umliegenden Dörfern. Sogar aus Olten kommt hin und wieder ein Frühpensionierter vorbei, der im Baselbiet aufgewachsen ist.

«Ein Bier, Elsbeth!»

Der Tschoppenhöfer Peter Minder besucht das Restaurant alle drei, vier Wochen. «Wenn ich etwas gehört habe und gwundrig bin, gehe ich zum ‹Schangi›», sagt der 72-Jährige. «Dort erfährt man immer, was läuft. Und ich treffe altbekannte Leute», erzählt der frühere SVP-Landrat und meint weiter, dass die Ambiance in der Gaststube ganz speziell sei. Minder wuchs auf einem Hof auf und besuchte früher in Arboldswil die Schule. Deshalb kennt er hier viele Leute.

Man tauscht sich über Gegenwärtiges und Vergangenes aus. Ein Mann erzählt in extenso über seine berufliche Karriere bei einer Bank und bei einer Pensionskasse. «Das waren noch Zeiten, als wir gegen Ziefen Eishockey-Matches gespielt haben», berichtet ein 64-Jähriger aus Bretzwil. «Schangi» Rudin, Restaurantbesitzer zusammen mit seiner älteren Schwester Elsbeth, blendet weiter zurück und weiss von Vorfahren, dass während des Zweiten Weltkriegs im ersten Stock über dem Restaurant sich die Schule einquartierte, weil das Schulhaus niedergebrannt war.

«Ein Bier, Elsbeth!», ruft jemand. «Zahlen, bitte!», ein anderer. Elsbeth Rudin (66), die seit ihrer Kindheit im Restaurant tätig ist, fühlt sich wohl in ihrer Rolle. Servieren, Geld einkassieren, dazwischen sitzt sie zu den Gästen und unterhält sich mit ihnen. Sie lacht, wenns lustig ist, setzt bei nachdenklichen Themen ernste Miene auf. Die Gilberte von Arboldswil.

«Hier spricht man über Gott und die Welt. Aber wenn falsches Zeug geredet wird und es mir nicht passt, verschwinde ich», sagt Hansruedi Walliser. «Aber wo findet man heute noch solche Beizen?», fragt er sich und stellt fest: Das sei vorbei. Kontakte fänden heute vielmals via Smartphone statt. Der Bubendörfer ist jede Woche zweimal beim «Schangi». Weil er hier viele Leute von früher trifft. Auch aus Ziefen, wo er einst gearbeitet hat.

Ein Ziefner Rentner erzählt, wie er vor Jahren sonntags mit seiner Familie oft Spaziergänge nach Arboldswil unternommen hat. «Man musste beim ‹Schangi› fast reservieren», erinnert er sich. Hinten im Säli, das heute nicht mehr zum Restaurant gehört, hatte es zusätzliche Tische. Vor 40, 45 Jahren seien an Sonntagen über Mittag Beiz und Säli meistens proppenvoll gewesen.

Arbeiter, Angestellte, Gemeinderäte

Früher bot das Restaurant Rudin ganze Menüs an. Heute werden noch Getränke serviert, ab und zu wünscht ein Gast ein Eingeklemmtes. «Und Speck brauchen wir noch viel», sagt Elsbeth Rudin. Einst hatte das Gasthaus an sechs Wochentagen von morgens bis Mitternacht offen. «Damals kamen mehr Wanderer vorbei, alles hat geändert», gibt die Wirtin zu bedenken. Aber für sie alleine sei es genug. Heute ist das Restaurant jeweils am Nachmittag geschlossen, abends stehen die Türen offen, bis die letzten Gäste gegangen sind.

Arbeiter, Angestellte, Gemeinderäte – die Kundschaft beim «Schangi» ist vielfältig, Leute aus allen sozialen Schichten. Nach dem Proben kommen am Abend auch Vereine. «Unser Restaurant ist ein Treffpunkt fürs Dorf; früher war es noch bedeutender», weiss Elsbeth Rudin.

Die Gäste verabschieden sich einzeln. «Danke. Tschau, bis zum nächsten Mal», erwidert die 66-Jährige jeweils. Sie wirte noch, solange sie möge. Wenn Elsbeth Rudin aber aufhört, ist vermutlich Lichterlöschen beim «Schangi». Für immer.