Altersvorsorge
Ein Konto für Zeit statt Geld

Eine neue Form der Freiwilligenhilfe findet ihren Weg ins Baselbiet. Mit einer Art vierten Säule soll man künftig Zeit ansparen können. Der Verein Kiss («keep it small and simple») steht in der Schweiz hinter diesem Modell der Altersvorsorge.

Julia Gohl
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Wer betagten Menschen im Alltag hilft, profitiert später selber.

Wer betagten Menschen im Alltag hilft, profitiert später selber.

Archiv/Peter Gerber

Die Schweiz hat ein Problem – und im Baselbiet ist es besonders gross: Die Bevölkerung wird immer älter. Um Geld zu sparen, wird versucht, die älteren Menschen möglichst lange zu Hause zu betreuen. Dabei ist auch Freiwilligenarbeit eine Hilfe. Neu wird solche auch nach dem Konzept der Zeitvorsorge geleistet – eine Art vierte Säule, auf der man Zeit statt Geld fürs Alter anspart.

Das Prinzip ist einfach erklärt: Menschen, die fit sind, leisten freiwillige Einsätze für Personen, die wegen ihres Alters oder anderer gesundheitlicher Probleme eingeschränkt sind. So können Freiwillige etwa Einkäufe für Betagte erledigen. Für jede geleistete Stunde Arbeit wird den Freiwilligen dann eine Stunde auf ihrem «Konto» gutgeschrieben, die sie später einlösen können, wenn sie selber auf Hilfe angewiesen sind.

Bottmingen-Oberwil legen los

In der Schweiz ist es allen voran der Verein Kiss (kurz für «keep it small and simple», halte es klein und einfach), der dieses Modell vorantreibt. Bisher ist er mehrheitlich in der Innerschweiz aktiv. Nun steht der erste Baselbieter Ableger in den Startlöchern: Kiss Bottmingen-Oberwil. Gegründet wurde die Genossenschaft letzten November, etwa Ende Mai soll es richtig losgehen mit dem Beziehen und Erbringen von Leistungen.

«Die Zeitvorsorge ist ein guter und wichtiger Beitrag, um die hohen Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen», ist die ehemalige Bottminger Gemeindepräsidentin Anne Merkofer überzeugt, die beim ersten Baselbieter Kiss-Projekt die Federführung hat. Das erhofft sich auch die Baselbieter Regierung gemäss ihrer Antwort auf ein Postulat zum Thema Zeitvorsorge 2015: Sollten im Kanton erfolgreiche Kiss-Genossenschaften entstehen, sei «daher eine finanzielle Unterstützung zur Weiterführung durch Gemeinden und Kanton zu prüfen».

Interesse an breiter Palette

Noch finanziert sich Kiss Bottmingen-Oberwil durch Sponsorenbeiträge. Ausserdem hat die Genossenschaft 15 000 Franken aus dem Lotteriefonds erhalten, um das Projekt voranzutreiben. Von den Gemeinden wird Kiss unterstützt, indem sie die Räumlichkeiten im Bottminger Zentrum (BOZ) unentgeltlich nutzen darf. Finanzielle Unterstützung habe man nicht beantragt. «Den Rückhalt der Gemeinde haben wir aber, was sehr wichtig ist», so Merkofer. Das bestätigt auch der zuständige Bottminger Gemeinderat Philipp Bollinger: «Wir sind interessiert daran, dass im Bereich Altersbetreuung eine möglichst breite Palette an Angeboten besteht, von freiwillig bis professionell.»

Diese breite Palette ist manchen Kritikern ein Dorn im Auge. Sie sagen, die Zeitvorsorge würde bestehende Organisationen konkurrenzieren. Das glaubt Merkofer nicht, die mit anderen Organisationen im Austausch ist. «Im Gegenteil: Wir können voneinander profitieren. In anderen Kiss-Genossenschaften wird das teilweise schon gut vorgelebt. Es ist eine Herausforderung, dass auch wir den anderen Vereinen die Angst nehmen und aufzeigen, wie sie von der Kiss-Infrastruktur profitieren können.»

Merkofer interessiert sich schon länger für das Thema Zeitvorsorge und hatte es damals als Gemeindepräsidentin in die Plattform Leimental eingebracht. «Dort war man aber der Meinung, solche Bewegungen sollen aus der Bevölkerung und nicht von Seite der Gemeinde entstehen», erzählt sie. Dieser Überzeugung ist Reto Wolf, Gemeindepräsident von Therwil und Vorsteher der Plattform Leimental, noch immer. «Aber wir werden das Projekt in Bottmingen und Oberwil mit Wohlwollen und Interesse verfolgen.»