Kirschbaum
Ein Liestaler Kirschbaum ist für die Klimaforscher Gold wert

Seit über 100 Jahren wird der Blütebeginn eines Wildkirschbaumes im Liestaler Wald aufgezeichnet. Forscher können daraus Rückschlüsse auf den Klimawandel ziehen. Jetzt widmete sich sogar eine Tagung dem berühmten, im Volk aber kaum bekannten Baum.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Susanne Kaufmann und Andreas Buser vor dem Kirschbaum.

Susanne Kaufmann und Andreas Buser vor dem Kirschbaum.

Nicole Nars-Zimmer

Er ist völlig unspektakulär, unterscheidet sich in nichts von seinen Artgenossen und trotzdem ist er einer der am besten beobachteten Bäume in der Schweiz: der Wildkirschbaum im Liestaler Wald oberhalb des Ortsteils Burghalden. Am Samstag widmeten nun auch die Schweizer Phänologen – Phänologie ist die Lehre vom Einfluss des Wetters und des Klimas auf die Entwicklung von Pflanzen und Tieren – ihre Jahrestagung diesem Baum.

Seit 1894 unter Beobachtung

Was den Liestaler Wildkirschbaum so speziell macht, erläuterte die Biologin und Mitarbeiterin des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain, Susanne Kaufmann: «Das Aufblühdatum des Baums wird seit 1894 aufgezeichnet.» Und diese lange Beobachtung zeigt eine klare Vorverschiebung des Blütebeginns und ist somit ein weiteres Indiz für eine Klimaerwärmung: Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts taten sich die Blüten im langjährigen Schnitt Mitte April auf, mittlerweile ist dieser Zeitpunkt auf Ende März gerutscht. Als Datum kommt jeweils jener Tag in die inzwischen von Meteo Schweiz geführte Statistik, an dem 25 Prozent der Blüten offen sind.

Begonnen habe mit den Aufzeichnungen Eduard Heinis, «wahrscheinlich aus Interesse an der Landwirtschaft», sagte Kaufmann. Heinis war Lehrer, Regierungsrat und Strafanstaltsdirektor und kaufte in der Nähe des Baums einen Hof. Seit sieben Jahrzehnten ist für die Beobachtung der Leiter der Obstbaufachstelle im Ebenrain verantwortlich. Das ist heute Andreas Buser, der die zehn Meter über dem Boden liegende Krone jeweils mit dem Feldstecher nach Blüten absucht.

Lange spielte das Aufblühdatum nicht nur für die Statistik, sondern auch für die Planung der Kirschenernte eine Rolle. So errechneten Wissenschaftler im Jahr 1946 aufgrund der aufgezeichneten Daten zum Beispiel, dass die Spitze der Baselbieter Kirschenernte im Mittel 83 Tage nach dem Aufblühen des Liestaler Baums stattfand.

Bei Ernte mehr Barrierenwärter

Der Baum war somit selbst für die SBB von Bedeutung, wie Kaufmann mit einem Schmunzeln erwähnte: In einem Papier von 1970 hätten die SBB darauf hinwiesen, dass es für sie wichtig sei, das Datum der Kirschenernte früh zu kennen, um für den Abtransport der Früchte rechtzeitig zusätzliche Lokomotiven, Wagen, Personal und Barrierenwärter bereitstellen zu können. Doch inzwischen ist das Blühen der Liestaler Wildkirsche nicht mehr relevant für die Planung der Kirschenernte. Andreas Buser: «In den letzten 15 Jahren hat das Sortenspektrum gewaltig gewechselt und der Blütezeitpunkt des Liestaler Kirschbaumes ist zu früh für Prognosen.» Erntevoraussagen würden heutzutage Ende Mai gemacht, massgebend seien die angefallenen Temperatursummen. Und Buser fügt an: «Gegenüber dem Normaljahr 2012 sind wir temperatursummenmässig jetzt zwölf Tage im Rückstand.» Er rechnet heuer Anfang Juli mit dem Beginn der Kirschenernte.

Zurück zur Liestaler Wildkirsche: Die Blütezeit des jetzigen Baums wird seit 1968 aufgezeichnet, nachdem der seit 1894 beobachtete Vorgänger eingegangen war. Die beiden Bäume hatten zuvor identische Aufblühdaten. Und bereits hat Buser zwei Ersatzbäume in unmittelbarer Umgebung für den Fall ausgemacht, dass der aktuelle Baum das Zeitliche segnet. Zumindest eine Gefahr eines vorzeitigen Ablebens hat man inzwischen gebannt: Seit zwei Jahren wissen die Liestaler Förster offiziell, dass der in der Fachwelt berühmte Liestaler Wildkirschbaum bei allfälligen Schlägen ein Tabu ist.