Modelleisenbahnen
Ein Loki-Wunder: Märklin liebt das Baselbiet

Nach Sissach und Baselland kriegt nun auch Gelterkinden seine eigene Loki im Massstab H0. Das ist mehr als nur bemerkenswert. Und die Märklin-Verantwortlichen rechnen wiederum fest mit einem Verkaufserfolg.

Bojan Stula
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Alain Bruggisser hat nur noch wenige Stück an Lager. Bos

Alain Bruggisser hat nur noch wenige Stück an Lager. Bos

Festtage für die Baselbieter Modelleisenbahner: Kaum ist die deutsche Traditionsfirma Märklin dem Konkurs entronnen, treibt sie bereits wieder ihren Neuheiten-Ausstoss in die Höhe. Dabei hat sie es ganz besonders auf den freundeidgenössischen Landkanton abgesehen. Nach der Ae 6/6 «Baselland» im vergangenen Jahr wird die Weltmarke im vierten Quartal 2012 gleich nochmals eine Lokomotive herausbringen, die den Rampassen die Freudentränen in die Augen treibt: die Elektrolok «Gelterkinden» der SBB-Serie Re 6/6 f; natürlich im weltweit beliebtesten und wichtigsten Massstab H0.

Die allererste hiess «Sissach»

Das ist mehr als nur bemerkenswert. Das ist ein eigentliches (Loki-) Wunder. Immerhin wurden vom legendären SBB-Original 89 Exemplare gebaut, von denen 88 unter der neuen Bezeichnung Re 620 noch immer im Einsatz stehen. Jede einzelne von ihnen trägt den Namen einer Schweizer Ortschaft. Aber nein, ausgerechnet dem Baselbiet fällt die Ehre anheim, nach der «Kantonslok» Ae 6/6 gleich nochmals für eine Märklin-Miniatur den Namensgeber zu spielen. Altgediente H0-Sammler erinnern sich daran, dass bereits 1973 die Firma Lima die allererste massstabsgetreue Ae 6/6 unter dem Namen «Sissach» entwickelte. 40 Jahre später kriegen endlich auch die Gemeindenachbarn ihre eigene H0-Loki.

Für Alain Bruggisser, den Inhaber des Gelterkinder Hobby-Shops, ist klar, wem das zu verdanken ist: ihm selbst. «Beim letzten Treffen mit den Märklin-Repräsentanten habe ich die Bemerkung fallen lassen, dass man nach der ‹Baselland› nun doch die ‹Gelterkinden› herausbringen könnte», sagt Bruggisser und lächelt dabei verschmitzt. Der begeisterte Eisenbähnler hat im Kindergartenalter noch selbst die Taufe der echten «Gelterkinden» miterlebt – was um das Jahr 1978 herum gewesen sein dürfte. Inzwischen hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und gehört zu den versiertesten Modelleisenbahn-Spezialisten im Oberbaselbiet.

Wenn die Hersteller Neuheiten wie die «Baselland» oder die «Gelterkinden» herausbringen, rennen die Stammkunden Bruggissers Türe ein. Von der 339 Franken teuren «Baselland» hat er stolze 33 Stück an den Sammler gebracht. Beim Basler Spezialisten Bercher & Sternlicht am Spalenberg war sogar das gesamte Kontingent im Nu ausverkauft. Wen wundert es also, wenn Bruggisser und andere Schweizer Fachhändler ihre Beziehungen zu Märklin spielen lassen, um den nächsten Verkaufscoup zu landen?

Mehr als 1000 Exemplare

Märklin-Mediensprecher Eric-Michael Peschl hat allerdings eine weit zufälligere Erklärung für das Baselbieter Loki-Wunder: «Als unsere beiden Formen-Rechercheure in der Schweiz unterwegs waren, um die Vorbilder zu vermessen und abzufotografieren, ist ihnen gerade die ‹Gelterkinden› vor die Linse geraten. Also stützt sich unser Modell auf dieses Vorbild.» Am Märklin-Hauptsitz in Göppingen hält man die schweizerische Re 6/6 für eine der «schönsten Elektroloks» überhaupt, weshalb sie seit ihrem Ersteinsatz Mitte der 1970er-Jahre zum festen Modellsortiment der Traditionsmarke zählt. Immer wieder erscheinen Neuauflagen oder Neukonstruktionen dieses Typs.

Wie bei der «Baselland» rechnen die Märklin-Verantwortlichen bei der «Gelterkinden» fest mit einem Verkaufserfolg. Die weltweite Auflage wird über 1000 Exemplare betragen und danach nicht wieder aufgelegt. «Wir haben auch in Deutschland viele Sammler von Schweizer Lokomotiven, wobei die meisten Exemplare natürlich in der Schweiz verkauft werden», sagt Peschl zu den Absatzmöglichkeiten.

Zuerst wird programmiert

Übrigens: Wer beim Thema Modelleisenbahn noch an den simplen Schienenkreis von anno dazumal und das Drehen am Trafo-Regler denkt, hat das letzte Jahrzehnt verschlafen. Wenn heute einer seine H0-Loki auf die Schienen stellt und am Regler dreht, dann passiert zunächst einmal gar nichts. Denn das teure Stück will zunächst in die volldigitalisierte Datenbank der «Mobile Station» einprogrammiert sein, ehe es sich auch nur einen Zentimeter vorwärtsbewegt. Dafür können in der schönen neuen Digitalbahn-Welt ein Dutzend Züge gleichzeitig auf der Anlage herumkurven, und die technischen Wunderwerke im Massstab 1:87 haben jede Menge Extras auf ihren Mikrochips gespeichert. Laut Katalog bietet die 22,2 Zentimeter lange «Gelterkinden» elf digitale Zusatzfunktionen an: vom einschaltbaren Fernlicht, über authentische Fahrgeräusche bis hin zum Signalpfiff und Bremsenquietschen.

Wer sie sein Eigentum nennen will, muss sich allerdings bis zum Herbst in Geduld üben und dann mindestens 350 Franken im Sparschwein übrighaben. Alain Bruggisser und die anderen Fachhändler in der Region wird’s freuen.