Kulturnacht Liestal
Ein nachgebautes Flüchtlingslager in Liestal mit Bild und Ton aus echten Lagern

Im nachgebauten Flüchtlingslager an der Liestaler Kulturnacht stellt der Fotograf Joel Sames seine Bilder aus Flüchtlingslagern aus. Tonmeister Christof Stürchler ergänzt diese mit Tonaufnahmen.

Jocelyn Daloz
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Flüchtlingslager Joel Sames Kulturnacht Liestal 2019
3 Bilder
Die Schülerinnen und Schüler entdeckten, wie die Verhältnisse eines Flüchtlingslager aussehen.
Verschiedene Ton- und Bildeindrücke erzeugen eine bedrückende Stimmung.

Flüchtlingslager Joel Sames Kulturnacht Liestal 2019

Kenneth Nars

Es ist dunkel. Man hört den Regen auf Zeltblachen prasseln, das Geräusch eines Feuers, das Brummen des Verkehrs in der Ferne. Irgendwo singt ein Mann auf Arabisch. Überall liegt Abfall herum. Kerzen und Scheinwerfer leuchten aus verschiedenen Ecken.
Die Kinder der Primarklasse 5B des Schulhauses Gestadeck gehen auf Kartonpfaden zwischen den Zelten und erkunden den Raum mit Taschenlampen. Sie setzen sich in die Zelte, wo Bildschirme Videos aus Flüchtlingslagern im Balkan, in Calais, Dunkerque und Paris zeigen. Manchmal erscheinen lachende, warm gekleidete Menschen, manchmal brennende Zelte. Und inmitten dieser Rekonstruktion menschlichen Elends sind Bilder des Fotografen und Mitgründers des Flüchtlingsprojektes Rastplatz, Joel Sames, ausgestellt.

Im Rahmen der Kulturnacht hat der Liestaler Fotograf im Kulturort Hilmig beim Ziegelhofareal ein Flüchtlingslager nachgebaut. Der Tontechniker Christof Stürchler ergänzte die Exponate mit einer Audio-Installation, die Originaltöne aus den Flüchtlingslagern abspielt. Die Bilder, die Töne, die Filme haben Joel Sames und seine Organisation, die den Flüchtlingen vor Ort Essen, warme Kleider und Unterstützung bietet, gesammelt.

In der folgenden Bildergalerie sehen Sie die Arbeit von Rastplatz in den letzten Jahren:

Flüchtlinge in der Nacht an der serbokroatischen Grenze.
21 Bilder
Rastplatz-Fotograf Joel Sames: «In der Nacht war die Hölle los.»
Eindrücke aus dem Projekt «Rastplatz». Die damalige Ausgangslage, als das Projekt entstand: An der französischen Küste des Ärmelkanals strandeten jahrelang Menschen, die Asyl in England suchen. Sie sassen im Schlamm der Flüchtlingslager fest und waren der Gewalt der Polizei, der konkurrenzierenden Mafiagruppen sowie den Regenschauern Nordfrankreichs ausgeliefert.
Inmitten dieses Elends befand sich im Winter 2016 eine Handvoll Helfer des Baselbieter Projektes «Rastplatz». Joel Sames aus Lausen ist einer von ihnen. Der freischaffende Fotograf hat das Projekt mitinitiiert, das seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 aktiv ist.
Sie begleiteten die Flüchtlingskarawanen im Balkan, etablierten sich im Schlamm von Dunkerque oder den dunklen Ecken der französischen Hauptstadt.
...
Oft fühlten sich die Helfer und er auch hilflos vor dem ganzen Elend, das sie nicht eindämmen konnten, höchstens hie und da ein wenig lindern. Die Bilder, die er während seines Engagements mit Rastplatz in Paris erschuf, wird er an der Kulturnacht Ende November in Liestal ausstellen in einer begehbaren Installation.
«In unserer Kultur werden wir nicht dazu erzogen, nach dem zu suchen, was uns erfüllt. Wir werden dazu erzogen, einen Zweck zu erfüllen», sagt Sames.
Das Projekt wird im November in Liestal ausgestellt.
Die Eindrücke sind markant.
Dokumente des Alltags.
Und Dokumente langer, kalter Nächte.
Elend, aber auch Hoffnung wurden dokumentiert.
Und es geschah vieles in jenen Nächten.

Flüchtlinge in der Nacht an der serbokroatischen Grenze.

Joel Sames

Bevor die Installation am kommenden Samstag der Öffentlichkeit zugänglich ist, organisierte Sames Schulbesuche, um den Schülern einen Einblick in den Alltag von Flüchtlingen zu geben. Und um ihnen eine Botschaft mitzugeben: «Jeder kann etwas machen. Ich bin nur ein normaler Mensch aus Liestal, der helfen wollte.» Deshalb hat er sich entschieden, seine Bildserie «Nuits Blanches», die er während seiner nächtlichen Streifzüge durch Paris realisiert hat, in die Installation einzubetten.

15. Kulturnacht «Lichtblicke» in Liestal

Die Lichtblicke Kulturnacht Liestal 2019 präsentiert morgen Samstag zum 15. Mal ein reiches kulturelles Programm aus zahlreichen Kultursparten. Mit dem Kulturpass kann das Publikum über hundert Einzelveranstaltungen entdecken. Neben der Ausstellung von Joel Sames im Hilmig beim Ziegelhof-Areal bietet die Kulturnacht Stummfilme mit Live-Improvisation im Kino Sputnik, Flashmobs im Stedtli, unzählige Konzerte, Theaterstücke, Spoken Words- und Live-Performances in Restaurants, Bars und an weiteren Veranstaltungsorten an.

Die Musikvielfalt reicht von Mozart bis hin zu Electro-Acts und Jazzmusik mit Loopbox und Alphorn. Bei einigen Mitmach-Angeboten werden die Zuschauer auch direkt ins künstlerische Schaffen miteingebunden.

Das gesamte Festivalprogramm finden Sie auch online unter https://lichtblicke-liestal.ch/.

Nuits blanches zeigt Flüchtlinge in den Strassen und in Flüchtlingslagern von Paris bei Nacht:

Unter Brücken, in Nischen und an der Autobahn – an den Unorten der Stadt Paris – hausen rund 1500 bis 3000 gestrandete Flüchtlinge aus aller Welt.
10 Bilder
Unwürdig, menschenverachtend und beklemmend.
Die Szenerien im diffusen Licht der Nacht, das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz verweisen auf die Gegensätzlichkeit von persönlichem Engagement und Empathie und der Gleichgültigkeit der westlichen Gesellschaft.
«Während die Stadt schläft und sich die Flüchtlinge einen Platz zum Übernachten suchen, bewegen wir uns möglichst unbemerkt durch die Nacht
Nuits blanches, von Joel Sames.
Nuits blanches, von Joel Sames.
Nuits blanches, von Joel Sames.
Nuits blanches, von Joel Sames.
Nuits blanches, von Joel Sames.
Nuits blanches, von Joel Sames.

Unter Brücken, in Nischen und an der Autobahn – an den Unorten der Stadt Paris – hausen rund 1500 bis 3000 gestrandete Flüchtlinge aus aller Welt.

Joel Sames

Im Elend des Lagers brennt das Licht der Kindheit

Die Schulklasse von Lehrer Samuel Hagmann und Andreas Saladin entdeckt am Donnerstag das Flüchtlingslager. Die Schüler stellen zahlreiche Fragen und zeigen sich sichtlich interessiert. Aber sie machen sich den Raum auch schnell zu eigen und fangen mit kindlicher Neugier an, zwischen den Zelten Verstecken zu spielen. Lorena, 10 Jahre, fasst die Situation so zusammen: «Wir haben zwar ein bisschen gespielt, aber wenn wir an die Menschen dachten, die so leben müssen, fanden wir es nicht mehr lustig.»

In ihrer Klasse hat die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Ein junger Syrer hat die syrische Flüchtlingskrise gar selbst erlebt, hat mit der Familie Aleppo verlassen, auf einem Schlauchboot Griechenland erreicht und die Balkanroute genommen. Yesra wurde im Jahr 2008, drei Monate nach der Ankunft ihrer irakischen Eltern in der Schweiz, geboren. Sachins und Yasmins Eltern flüchteten vor dem Krieg in Sri Lanka.

Joel Sames erzählt seine Erlebnisse aus dem Balkan, Paris und Dunkerque. Die Klasse hört stumm zu, während der Fotograf vom Schlamm, von den Ratten und der Essensknappheit erzählt.

Danach führen die Kinder eine Diskussion und beweisen, dass sie das Thema ernstnehmen. Der elfjährige Cristiano weist darauf hin, dass europäische Länder Waffen in Staaten verkauften, wo diese in Kriegen eingesetzt werden und deswegen Flüchtlinge nach Europa kommen. Ein anderer Schüler sagt, dass wir eigentlich alle Ausländer sind. Die Botschaft von Sames scheinen sie verstanden zu haben, wie Lorena beweist: «Wir sind die nächste Generation und könnten viel aus dieser Welt machen.»