Liestal
Ein Reich voller alter Instrumente

Weshalb Dieter Stalder vor gut 25 Jahren das erste Harmonium- und Orgel-Museum Europas eröffnet hat.

Simon Tschopp
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Das erste Harmonium- und Orgel Museum in Europa
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Dieter Stalder in seinem Museum

Das erste Harmonium- und Orgel Museum in Europa

Martin Töngi

Dieter Stalder öffnet die Türe zu seinem Reich. Der Geruch, der entgegenkommt, ist wie im Innern einer Kirche. Die grossen Fenster sind mit Glasmalereien versehen. Drei Stockwerke voller Bijous. Der Besucher kann sich nur durch enge Gänge bewegen. Harmonium reiht sich an Harmonium, Orgel an Orgel. Darauf liegen vereinzelt Notenblätter.

In Vitrinen sind Einzelteile von Instrumenten akkurat angeordnet. An den Wänden hängen Bilder, die Stalder selber gemalt hat. Ein flüchtiger Blick ins Harmonium- und Orgel-Museum in Liestal reicht, um festzustellen, dass dieses Haus etwas ganz Besonderes sein muss.

Lob von Fachleuten

Dieter Stalder hat 1991 das erste Museum dieser Art in Europa eröffnet. Heute mag es zwar nicht mehr das einzige sein. Stalder vermutet in mehreren europäischen Ländern vereinzelt kleinere Sammlungen, in Amerika habe es bestimmt grössere. «Aber qualitativ ist mein Museum die weltweit grösste und beste Sammlung», ist der pensionierte Sekundarlehrer überzeugt. Und sagt das ohne Bluff.

Er habe dies auch von Fachleuten schon mehrfach bestätigt bekommen. Von den Kunst-Harmonien, die es nur in Europa gebe, habe er mit 35 Exemplaren eine unglaubliche Dichte, ergänzt Stalder.

Zu den rund 200 mächtigen bis winzigen Ausstellungsobjekten in Liestal kommen noch 50 weitere alte Instrumente, die der Museumsbesitzer in einer früheren Methodistenkapelle im Kanton Aargau gelagert hat. Der Ton eines Harmoniums wird durch verschieden lange Durchschlagzungen erzeugt, Orgeln haben Pfeifen. «Hinter jedem Harmonium, jeder Orgel steckt eine Geschichte», sagt der 72-Jährige, der stundenlang darüber erzählen könnte.

Dieter Stalder ist nicht nur für Klänge Feuer und Flamme, sondern setzt sich auch intensiv mit dem Bau der Instrumente auseinander. Er spielt auf all seinen Harmonien und Orgeln und hat einen grossen Teil davon sogar selber restauriert. Je mehr Zeit er für einzelne Objekte aufgewendet hat, desto grösser ist seine emotionale Bindung dazu. Stalder ist in dieser Sparte ein ausgewiesener Fachmann, der hin und wieder für Expertisen angefragt wird.

Als Primarschüler fing alles an

«Ich bin ein leidenschaftlicher Sammler, nicht nur von alten Harmonien und Orgeln. Für viele Leute bin ich ein Spinner. Und Spinner sind tatsächlich ein wenig ‹krank›», gibt Dieter Stalder, der auch komponiert und Romane schreibt, unumwunden zu.

Er habe enorm viel Zeit in sein Hobby investiert und tue das immer noch. Das belaste eine Partnerschaft. «Gott sei dank habe ich eine verständnisvolle Frau», seufzt der fünffache Vater und Grossvater von neun Enkelkindern.

Stalder interessierte sich bereits als Primarschüler für derartige Instrumente. Er erinnert sich, wie er dem alten Harmonium im damaligen Schulzimmer während einer Pause die Rückwand abgeschraubt hat, um das Innenleben zu studieren.

Allerdings kam er dem Geheimnis noch nicht auf die Spur. Ab Mitte der Siebzigerjahre begann der Liestaler systematisch zu sammeln. Seine Orgeln stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die älteste ist eine rund 250-jährige Toggenburger Hausorgel, ein Prunkstück. «Auf dieses bin ich besonders stolz. Es ist total faszinierend, dass ein solch altes Instrument noch funktioniert.»

«Ein Wunderwerk»

Die meisten in Dieter Stalders Museum ausgestellten Harmonien wurden in deren Blütezeit zwischen 1860 und 1920 gebaut. Sein Lieblingsstück ist eines der Celesta-Harmonien, die Krönung des Harmonium-Baus. Für Stalder «ein Wunderwerk».

Ein solches Exemplar habe damals auf die heutige Kaufkraft umgerechnet gegen 80 000 Franken gekostet. Diese Harmonien wurden nur in geringer Stückzahl angefertigt.

Stalder kommt allerdings wesentlich günstiger zu solchen Instrumenten, für Raritäten bezahlt er aber auch Liebhaberpreise. Erworben hat er seine Kostbarkeiten primär von privaten Haushalten. «Häufig sind die Leute sehr froh, wenn ihr altes Instrument abgeholt wird. Deshalb habe ich schon die schönsten Sachen gratis gekriegt.» Auch ausgediente Instrumente von Kirchen sind in der Ausstellung zu sehen.

Seit den Anfängen seines Museums hat Dieter Stalder rund 600 Führungen für Gruppen durchgeführt und zusammen mit seiner Frau, die Klavier spielt, Konzerte gegeben. Weit über 10 000 Personen waren bisher zu Besuch. «Die wenigsten davon sind Musiker», erzählt Stalder, «der Grossteil sind Leute, die mit Musik überhaupt nichts am Hut, aber daran den Plausch haben.»

Museums-Zukunft noch offen

Der 72-jährige Dieter Stalder möchte sein Museum, das keine offiziellen Öffnungszeiten hat, noch etwa drei Jahre führen. Weitere Exponate will er nicht mehr erwerben. «Diesbezüglich bin ich wunschlos glücklich, meine Sammlung ist komplett», konstatiert er. Über die Nachfolge hat er sich zwar schon Gedanken gemacht, aber noch ist alles offen. Deshalb schweigt sich Stalder vorläufig aus über die Zukunft seines Reichs, das in einem schmucken Gebäude neben seinem Wohnhaus ausgebreitet ist.

Eine Museumsführung mit Live-Musik dauert eineinhalb Stunden. Anmeldung ist erforderlich unter 061 921 64 10. weitere Infos: www.harmoniummuseum.ch