Waldenburgertal
Ein schillernder Thurgauer stösst auf artige Amtskollegen

Der schillernde «Presi» Christof Rösch aus dem Thurgauer Dorf Hohentannen konnte seine hiesigen, konventionelleren Amtskollegen am Podium des Dreikönigstreffs nicht mitreissen.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Waldenburg ist fast ebenso grün wie das Thurgauer Dorf Hohentannen. Doch die Ideen können nicht eins zu eins vom einen zum andern fliessen.

Waldenburg ist fast ebenso grün wie das Thurgauer Dorf Hohentannen. Doch die Ideen können nicht eins zu eins vom einen zum andern fliessen.

Christian Mundschin

Die Waldenburger Zunft zum oberen Tor rührte ihren traditionellen Dreikönigstreff vom letzten Freitagabend kräftig an, um im gebeutelten Tal so etwas wie Aufbruchstimmung zu wecken. So lud sie mit Christof Rösch aus dem Thurgauer Dorf Hohentannen einen der schillerndsten Gemeindepräsidenten der Schweiz als «Impuls-Referenten» ein und liess das anschliessende Podium mit drei Gemeindepräsidenten und einer Gemeinderätin aus den vier Talgemeinden von Schauspieler Daniel Buser moderieren. Die Talbewohner liessen sich nicht zweimal bitten und marschierten in Hunderter-Formation im «Leuen» auf.

Und sie wurden nicht enttäuscht, zumindest nicht vom ehemaligen Banker und Thurgauer Tausendsassa Christof Rösch. Dieser verwandelte Hohentannen in der Nähe von Amriswil, das 600 menschliche, 4000 schweinische und 1200 Kuh-Köpfe zählt, innerhalb von zehn Jahren von einer überschuldeten Steuerhölle in eine innovative, mit Preisen überschüttete, schuldenfreie Kommune. Das nach dem Grundsatz, langfristig und nachhaltig sowie für- und miteinander zu handeln, sich aber auch selbst zu organisieren, weil das mehr Wertschöpfung ergebe, erläuterte Rösch.

Zu den bemerkenswertesten Aktionen gehörte eine Solarstrom-Offensive mit dem Resultat, dass das Dorf mittlerweile einen Drittel seines Strombedarfs mittels Photovoltaik produziert. Nach der AKW-Katastrophe von Fukushima sagte sich die Gemeinde vom Atomstrom los und kauft seither nur noch atomfreien Strom ein. Wem das nicht passt, der muss sich Jahr für Jahr auf die Gemeinde bemühen und dort explizit mitteilen, dass er günstigeren Atomstrom wolle. Inzwischen machten das noch ganze drei Personen, frohlockte Rösch. Aufsehen erregte 2009 aber auch die Einführung der «Hohentaler». Das sind Gutscheine, die nur beim eigenen Dorfgewerbe einlösbar sind und die an alle Einwohner verteilt werden, wenn die Gemeinde Gewinne einfährt.

Wie bei Asterix und Obelix

Das macht sie oft, denn nebst dem Schuldenabbau hat sie unter Rösch auch viermal den Steuerfuss um insgesamt 25 Prozentpunkte reduziert. Und zwischendurch fördert der asterix- und obelixaffine Gemeindepräsident auch gezielt das dörfliche Zusammengehörigkeitsgefühl, so kürzlich mit einem Wildschweinfest, an dem an einer grossen, gemeinsamen Tafel fünf Exemplare der heimischen Schweine-Armada verzehrt wurden. Dass Hohentannen auf Haus- statt auf Wildschweine setzte, obwohl letztere offenbar eine Plage sind, hat mit Röschs Credo zu tun: «Wildschweine bringen keine Wertschöpfung.»

Der unkonventionelle Gemeindepräsident erntete im «Leuen»-Saal manches Lob, aber seine konventionelleren Amtskollegen auf dem Podium konnte er nicht mitreissen. Sie gratulierten ihm zwar artig, blieben jedoch bei Altbewährtem wie hier einer Arealentwicklung (Hölstein), dort einem «wertschätzenden» Vereinsapéro (Niederdorf) oder der gemeindeübergreifenden Zusammenarbeit, die sich in den vielen Verbünden zeige (alle). Wie er denn den Schuldenabbau geschafft habe, wollten aber Andrea Kaufmann (Waldenburg) und Gabriel Antonutti (Hölstein) schon etwas genauer von Rösch wissen.

Dieser verwies auf die schlankere Verwaltung, den Verzicht auf einen Werkhof, an dessen Stelle ein Bauer als Strassenmeister wirke, etliche reiche Neuzuzüger und den grossen Finanzausgleich. Und Rösch weiter: «Wir haben seit acht Jahren keinen Fürsorgefall mehr, weil man sich bei unserer Dorfstruktur mit Einfamilienhäusern und Bauernhöfen schlecht verstecken kann und wir mit den Vermietern reden.» Da meinte einer aus dem Publikum, man könne das bäuerische Hohentannen nicht mit dem industrialisierten Waldenburgertal vergleichen.

Dass es im «Leuen» doch noch zu etwas Aufbruchstimmung kam, dafür sorgte Andreas Büttiker, Chef der Baselland Transport AG (BLT). Er erinnerte an die bevorstehende, insgesamt 300 Millionen Franken teure Erneuerung der Waldenburgerbahn und rief in den Saal: «Das ist eine Riesenchance, nutzen wir sie. Die BLT hilft mit, dass das Tal aufblüht.»