Schänzlitunnel-Sanierung
Eine Fahrt durchs Nadelöhr: Die neue Umfahrung im Härtetest

Die dreieinhalb Jahre dauernde Sanierung des Schänzlitunnels ist eine Operation am offenen Herzen. Das Prinzip lautet: Der Verkehr rollt, wie hier bei der Ausfahrt Muttenz-Süd, stets auf zwei Spuren weiter, obschon eine Tunnelfahrbahn gesperrt bleibt. Dies geht nur mit dem neuen Bypass über eine provisorische Hilfsbrücke, der im Berufsverkehr am gestrigen Montagmorgen seine Feuerprobe zu bestehen hatte.

Bojan Stula
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 Die entscheidende Stelle: Von der Autobahn-18-Ausfahrt St. Jakob führt die neue Ausweichstrecke im Zickzack-Kurs zur A 2. Während die Autos auf der St. Jakob-Strasse ungewohnterweise keine Vorfahrt mehr haben, kann der Lastwagen ungehindert in Richtung Hilfsbrücke abbiegen.
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 Wegen gesperrter Schänzlitunnelfahrbahn zweigt rechts der Bypass ab.
 Streckenweise wird es auf der A 18 richtig eng.
Neue Verkehrsführung am Schänzlitunnel

Die entscheidende Stelle: Von der Autobahn-18-Ausfahrt St. Jakob führt die neue Ausweichstrecke im Zickzack-Kurs zur A 2. Während die Autos auf der St. Jakob-Strasse ungewohnterweise keine Vorfahrt mehr haben, kann der Lastwagen ungehindert in Richtung Hilfsbrücke abbiegen.

Nicole Nars-Zimmer niz

Schei...!» Der weisse Lieferwagen, der mir morgens um sieben den Weg abschneidet hat es verdammt eilig. Ich fluche lauthals hinter dem Steuer. Ich fahre mit meinem Privatwagen auf der A 18. Ich will die neue Ausweichstrecke und Hilfsbrücke testen, die dafür sorgt, dass der Verkehr in Richtung Basel trotz gesperrter Fahrbahn im Schänzlitunnel zweispurig abliessen kann. Schon kurz nach der Auffahrt Reinach-Nord/Arlesheim, teilen sich die beiden Fahrspuren. Der Lieferwagenfahrer, der von der Auffahrt auf die Autobahn herab stösst, hat wohl das Gefühl, dass er es nicht mehr nach Basel schafft, sollte er jetzt, wie ich, auf der rechten Spur bleiben. Darum zwängt er sich, rechts überholend, vor mich und nutzt die wenigen Meter bis zur Gabelung, um gleich nochmals auf die linke Überholspur zu wechseln.

Es wird die einzige heikle Situation auf meinen mehreren Durchfahrten im Morgenverkehr bleiben. Dazu eine völlig überflüssige. Kurz vor der Ausfahrt Muttenz Süd, ich fahre noch immer in Richtung Basel, kommen die beiden Spuren wieder für einige hundert Meter zusammen. Hier hätte der Lieferwagen nochmals wenige Sekunden Zeit gehabt, um auf die linke Spur zu wechseln – oder eben die Ausweichstrecke über die neue Hilfsbrücke beim Beton-Christen-Areal zu benützen. Denn diese führt zum gleichen Ziel.

Zwingend rechts halten muss sich nur, wer die Ausfahrt Muttenz-Süd nehmen oder weiter zum St. Jakob-Park will. Die anderen beiden A 18-Spuren werden nach der Schänzlitunnel-Ausfahrt wieder zusammengeführt und erlauben, wie seit je an dieser Stelle, entweder in Richtung Basel/Deutschland, nach Birsfelden oder aber auf die A 2 in Richtung Pratteln abzubiegen.

Hauptstrasse ohne Vorfahrt

Da der Verkehr an diesem Montagmorgen dicht und teilweise stockend fliesst, aber nie über eine längere Zeitdauer still steht, bleibt mir genügend (konfliktfreie) Reaktionszeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen. Die Ausweichroute über die Ausfahrt St. Jakob führt zu einer engen S-Kurve, bei der die St. Jakob-Strasse überquert wird. Der Autobahnverkehr hat ab sofort an dieser provisorischen Kreuzung Vorfahrt, die Fahrzeuge auf der St. Jakobsstrasse müssen dagegen ungewohnterweise halten. «Das kann zu kritischen Situationen führen, da Gewohnheitspendler auf der Hauptstrasse an den Vortritt gewöhnt sind», räumt Richard Kocherhans ein, der Leiter der zuständigen Astra-Filiale Zofingen. Darum stehen zwei Verkehrslotsen mit ihren neongelben Vesten an der Kreuzung bereit. Sie greifen aber nur dann mit Handzeichen ein, wenn vor lauter Autobahnverkehr die Fahrzeuge auf der Hauptstrasse stecken bleiben. Verkehrslotse Peter Müller * vom privaten Sicherheitsdienst Kroo-Security hat soeben seine Schicht beendet, die von 6 Uhr früh bis 9 Uhr dauerte. «Keine besonderen Vorkommnisse», vermeldet der erfahrene Wächter. «Der Verkehr lief stets flüssig, Staus habe ich keine beobachtet.» Viel zu tun habe es darum für ihn nicht gegeben, lediglich einige wenige Automobilisten erkundigten sich nach der neuen Situation.

Astra-Leiter Kocherhans kündigt an, dass die Verkehrswachen an dieser Kreuzung wieder abgezogen werden, sobald klar sei, dass sich die Verkehrsteilnehmer an das neue Regime gewöhnt haben, und die Automobilisten auf der St. Jakob-Strasse ohne allzu lange Wartezeiten durchkommen.

Verkehrsführung

Webcams übertragen Livebilder

Voraussichtlich bis Ende 2021 werden die Sanierung des Schänzlitunnels sowie der Neubau des Tunnels Hagnau noch dauern, die zusammen auf 240 Millionen Franken veranschlagt sind. Dank zweier Hilfsbrücken soll der Verkehr auf der A 18 während der Bauarbeiten in beide Fahrtrichtungen stets zweispurig fliessen, auch wenn eine Tunnelspur gesperrt bleibt. Dazu soll ein ganzes Bündel an flankierenden Massnahmen die Verkehrssituation entlasten. Nur eine dieser Massnahmen sind die insgesamt elf Webcams, die auf der Homepage www.epschaenzli.ch/startseite/webcams/ aktuelle Bilder vom Verkehraufkommen zwischen Reinach und der Verzweigung übertragen und alle 20 bis 30 Sekunden aktualisiert werden. «Dies hilft, die Fahrzeiten mit dem Verkehrsaufkommen abzustimmen», schreibt das Bundesamt für Strassen (Astra) auf seiner Homepage zur Schänzlitunnel-Sanierung.

Für die Werktags-Stosszeiten am Morgen zwischen 7 und 8.30 Uhr sowie abends von 16 bis 18.30 Uhr prognostiziert die «Stau-Uhr» des Astra jeweils eine grosse Staugefahr.

Am Abend staut es sich

Zwei Feststellungen drängen sich nach meiner morgendlichen Testfahrt auf, bei der die abschliessende Überquerung der Hilfsbrücke bei Tempo 50 ähnlich glatt verläuft. Bei normalem Verkehrsfluss und mit zunehmender Routine der motorisierten Pendlerströme stellt der A 18-Bypass kein allzu grosses Hindernis dar. «Jedenfalls läufts nicht schlechter als vorher», stellt Astra-Leiter Richard Kocherhans nach der Feuertaufe «bei normalem Verkehrsaufkommen» zufrieden fest. Er selber hat die Situation am frühen Montagmorgen von seinem Büro in Zofingen via Webcam (siehe Box) beobachtet, während seine Mitarbeiter vor Ort ausschwärmten. Am vergangenen Freitag um 22 Uhr wurde der Bypass via Beton-Christen-Hilfsbrücke erstmals für den Verkehr freigegeben. Doch dem morgendlichen Berufsverkehr am Montag nach dem Herbstferien-Ende blickten die Astra-Verantwortlichen mit Spannung entgegen.

Obschon sich dann am Montagabend doch noch Wartezeiten von mehreren Minuten ergeben, da wie üblich die A 2 in Richtung Deutschland überlastet ist, und sich darum der Verkehr auf der A 18 rückstaut, können die Verantwortlichen ein positives Fazit ziehen.
Allerdings auch nur, da es gestern bis in die Abendstunden zu keinem Unfall kam. Dies meine zweite Erkenntnis: Wenn es im Bereich der Schänzli-Baustelle kracht, wird es für alle Beteiligten hässlich, weil dann sofort ganze Fahrspuren ausfallen und nicht umgangen werden können. Zusätzlich wird eine Bergung durch die engen Fahrbahnen erschwert werden. «Aber dies ist bei den meisten Baustellen so», merkt Kocherhans nüchtern an.

Name geändert.