Energie
Elektra Baselland gibt Volldampf unter der Sonne Spaniens

Die konventionelle Stromerzeugung lohnt sich derzeit nicht. Investiert wird in neue erneuerbare Energien. Die Elektra Baselland (EBL) hat sich 2009 für den Bau eines solarthermischen Kraftwerks in Südspanien entschieden – und würde es wieder tun.

Daniel Haller
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Die Bewölkungskarte auf dem Bildschirm im Kommandoraum zeigt: Die Wolken ziehen im Norden durch. Deshalb hat Calasparra 3000, die Region Basel aber nur 1750 Sonnenstunden.

Die Bewölkungskarte auf dem Bildschirm im Kommandoraum zeigt: Die Wolken ziehen im Norden durch. Deshalb hat Calasparra 3000, die Region Basel aber nur 1750 Sonnenstunden.

Daniel Haller

Urs Steiners Gesicht strahlt im Kraftwerks-Kommandoraum fast so hell wie draussen die 940 Meter langen Absorber-Rohre. Grund für die Freude des EBL-Geschäftsleiters ist die Zahl 29 auf der Anzeige: Das auf 30 Megawatt Leistung ausgelegte solarthermische Kraftwerk im spanischen Calasparra liefert schon Stunden bevor die Sonne den Zenit erreicht 29 Megawatt – Volldampf.

Eigentlich funktioniert das Kraftwerk Puerto Errado 2 (PE 2) wie ein Atom- oder Kohlekraftwerk: Man erhitzt Wasser und treibt mit dem Dampf über eine Turbine den Generator an.

Hier aber liefern nicht Atomspaltung oder fossile Brennstoffe die Wärme, sondern die Sonne. Deren Strahlen bündelt man mit beweglichen Spiegelreihen so, dass sie sich in 8 Meter Höhe in den Absorberrohren treffen und dort Wasser auf 275 Grad erhitzen. Dieses verdampft bei 55 Bar Druck und liefert den Antrieb für die beiden Turbinen. 3000 Sonnenstunden und die wegen der tiefen Luftfeuchtigkeit besonders günstig einfallenden Sonnenstrahlen liefern so brutto bis zu 50 Gigawattstunden im Jahr: also Strom für 15 000 Haushalte.

Abstauben obligatorisch

In Betrieb ist PE 2 seit August 2012. Dabei gab es beim weltweit ersten Kraftwerk dieses Typs Kinderkrankheiten. So musste die Mannschaft lernen, wie man das Kraftwerk am Morgen anfährt: Fokussiert man die Spiegel auf der ganzen Länge gleichzeitig, kommt es zu Überhitzungen mit Schnellabschaltungen. Also muss man zuerst jene Rohre erhitzen, die der Turbine am nächsten sind.

Dann erwies sich Staub als das grösste Problem im Solarfeld. Zwar reinigt man mit wassersparenden Spezialrobotern die Spiegel in der Nacht. Doch in den Sekundärreflektoren, welche die Absorber-Rohre umhüllen, sammelte sich Staub. «Das bekamen wir erst in den Griff, als wir den Betrieb ab März 2015 selber übernahmen und dafür die EBL España gegründet haben», berichtet Steiner einer Gruppe von EBL-Delegierten, die er durch PE 2 führt.

Die grössten Schwierigkeiten gabs im konventionellen Teil: Vibrationen führten zu Verschleiss an den Turbinenschaufeln. Es zeigte sich, dass eine Baufirma bei den Fundamenten gepfuscht hatte. Seit diese als Garantieleistung erneuert wurden, sind die Vibrationen weg. «Unser grösstes Risiko war, dass wir das Werk nicht zum Laufen kriegen», blickt Steiner zurück. Dann hätten die EBL und die weiteren Teilhaber 85 Millionen Euro in die südspanische Halbwüste gesetzt.

Das habe «schlaflose Nächte gekostet»: Die EBL war zu Beginn mit 85 Prozent am Kraftwerk beteiligt und hält bis heute die Mehrheit von 51 Prozent. «Das hat uns andererseits erlaubt, auf Probleme mit raschen Entscheiden zu reagieren.»

Rendite gestutzt

Probleme gab es nicht zu knapp: Bankenkrise, Staatsverschuldung, Eurokrise. Spanien stutzte die bereits zugesagte Förderung mehrmals: «Wir rechneten mit einer Eigenkapitalrendite von gut über 10 Prozent, was angesichts der Entwicklungs-, Länder- und Technologie-Risiken gerechtfertigt war», berichtet Steiner. Die spanische Förderung erneuerbarer Energien sei grosszügig gewesen. «Und es gab auch ‹Bschiss›.» In der Tat kursieren Geschichten über «Solarstrom»-Lieferanten, die mit Dieselgeneratoren nachgeholfen hätten.

Im neuen Fördermodell gebe es nun eine Vergütung auf das investierte Kapital, andererseits übernehme der Staat die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem Markt-Strompreis.

Diese ist, solange Kapitalkosten auf dem Kraftwerk lasten, beträchtlich: Rund 25 Euro-Cents kostet die Kilowattstunde. Auf dem Markt bekommt man in Spanien dafür um die 5,5 Cents. «Unsere Rendite liegt nun noch einige Prozent-Punkte über einem Investment in langfristige Staatsanleihen», erklärt Steiner. Dies sei angesichts der erreichten Stabilität des Returns «okay».

Entscheid fiel vor Fukushima

Dass die spanische Regierung die Regeln änderte, wurde anschliessend in der Schweiz zum Politikum: «Beseelt von den Prophezeiungen der vom Bund forcierten ‹Energiewende› haben diverse Schweizer Energieproduzenten und Verteilwerke grosse Summen im In- und Ausland in erneuerbare Energien investiert, um von marktverzerrenden Subventionen aller Art profitieren zu können», formulierte der damalige Baselbieter SVP-Nationalrat Caspar Baader 2013 eine Interpellation.

Die Nachfrage bei weiteren PE 2-Investoren ergibt ein anderes Bild. Bei den Industriellen Werken Basel (IWB, 12 Prozent Anteil) fiel der Investitionsentscheid noch vor deren Auslagerung als selbstständiges Unternehmen. «Die Investition wurde 2009 von der damaligen Werkskommission des Kantons Basel-Stadt beschlossen, nachdem das Basler Geothermie-Projekt sistiert werden musste», berichtet IWB-Sprecher Erik Rummer.

Mit anderen Worten: Die Energiewende wurde mit Auslandsinvestitionen in erneuerbare Energien bereits lange vor dem Atomunfall in Fukushima von den Energieversorgungsunternehmen aus wirtschaftlichen – und nicht aus politischen – Gründen eingeleitet.

Die Mediensprecherin des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ, 10 Prozent) erklärt zwar, Zahlen zu einzelnen Beteiligungen würden nicht veröffentlicht. Dann kommt sie aber zum Schluss: «Mit dem bisherigen Betrieb des Kraftwerks Puerto Errado ist EWZ angesichts der Neuartigkeit der Technologie zufrieden. Unter gleichen Voraussetzungen würde sich EWZ wieder an PE 2 beteiligen.»

Ähnlich sieht man dies bei Energie Wasser Bern (EWB, 6 Prozent Anteil): «Als EVU erachten wir es als unsere Aufgabe, in die nachhaltige Produktion erneuerbarer Energien zu investieren und diese weiter zu entwickeln, weshalb die Investitionsentscheidung auch aus heutiger Sicht richtig war.»

«Erneuerbar» ist attraktiv

Trotzdem fragt sich ein EBL-Delegierter beim Rundgang durch PE 2: «Ist es wirklich eine Aufgabe der EBL als Baselbieter Genossenschaft, hier in Spanien Strom zu produzieren?»

«Die erneuerbare Stromproduktion im Ausland dient den schweizerischen Energieversorgungsunternehmen als Diversifikation ihres Kraftwerkportfolios», kommentiert Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik im Bundesamt für Energie. «Sie sind damit weniger vom Schweizer Strommarkt abhängig und können ihr Portfolio an erneuerbaren Energien steigern. Über die Generierung von Herkunftsnachweisen kann so auch mehr erneuerbarer Strom in die Schweiz importiert werden.»

Zahlen zum Umfang der gesamten Auslands-Investitionen von Schweizer Energieversorgern gibt es keine. Klar ist aber, dass die regulierten Märkte mit ihren garantierten Renditen interessant sind – nicht nur für Schweizer Firmen: Der spanische Energiekonzern Iberdrola, der unter anderem den Strom von PE 2 abnimmt, sieht sich «als weltweiter Leader bei den erneuerbaren Energien».

Auf «Cash online» erklärte Iberdrola-Chef Ignacio Sanchez Galán: «Der Hauptteil des Umsatzes stammt aus dem Ausland.» Auf dem Weg zum grössten Energieunternehmen Europas sei es wichtig gewesen, «dass wir schon vor einigen Jahrzehnten wichtige Schritte hin zu erneuerbaren Energien gemacht haben».

Urs Steiner als Geschäftsleiter der kleinen EBL formuliert es einfacher: «Wenn wir die Subventionen nicht abholen, tun’s andere.» Ausserdem liege der Gewinn nicht nur im Finanziellen: «Dass die EBL bei einem solchen Innovationsprojekt die Führung übernahm, macht sie attraktiv als Arbeitgeber für hoch qualifizierte Kräfte.»

Zudem plane die EBL bereits die Prüfung weiterer Kraftwerke der gleichen Technologie, bei denen sie ihre gewonnenen Erfahrungen einbringt, 10 Prozent selbst übernehme und 90 Prozent Investoren überlasse. Für die Realisierung dieser Projekte müssten sich aber zuerst die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern.