Bruderholzspital
Emotionaler Abstimmungskampf: «Hölzli»-Patienten machen den 21. Mai spannend

Zwölf Krankheiten, zwölf Geschichten, zwei Abstimmungsempfehlungen, ein Fazit: Am 21. Mai wird es spannend.

Michael Nittnaus
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Täglich gehen zig Patienten und Besucher im Bruderholzspital ein und aus. Natürlich hegen sie Sympathien für das Spital, wie es heute ist. Doch längst nicht alle legen deswegen ein Ja in die Urne.

Täglich gehen zig Patienten und Besucher im Bruderholzspital ein und aus. Natürlich hegen sie Sympathien für das Spital, wie es heute ist. Doch längst nicht alle legen deswegen ein Ja in die Urne.

Juri Junkov

Unterschenkelfraktur, Wirbelbruch, Halswirbelbruch, gebrochene Nase, gebrochene Finger, kaputtes Kniegelenk, Kniegelenk-Infektion, Nierenstein, Blutkrebs: Was man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht, versammelt sich Tag für Tag um den Springbrunnen des Bruderholzspitals – und das seit fast 44 Jahren. So auch an diesem Dienstagmittag. Jede Krankheit, jede Verletzung gehört zu einem Patienten, der geschwächt den Hügel ob Bottmingen besteigt, um ihn hoffentlich kerngesund wieder hinter sich zu lassen. Doch zuvor, an der Bushaltestelle, im Park oder eben am Springbrunnen nehmen sich diese Menschen spontan Zeit, mit der bz über «ihr» Spital zu sprechen. Anonym zwar, dafür aber offen und ehrlich.

Etwas wird sehr schnell sehr klar: Die kantonale Abstimmung «Ja zum Bruderholzspital» vom 21. Mai lässt niemanden kalt. Womit die Initianten bereits eines ihrer Ziele erreicht hätten. Des Sieges sicher können sie sich allerdings nicht sein. Sind die Gespräche mit den zwölf zufällig angetroffenen Personen ein Indiz für den Ausgang des Urnengangs, so gäbe es bloss ein knappes Ja: Mit 7 zu 5 sprechen sich die elf Patienten und eine Anwohnerin für das Festschreiben der erweiterten Grundversorgung im Spitalgesetz aus. Die Gründe allerdings sind auf beiden Seiten so persönlich wie verschieden – und längst nicht immer rational.

Befürworter zahlen gerne mehr

So klagt eine Allschwilerin, dass sie lieber ins Basler Unispital gegangen wäre, um ihre gebrochene Nase und den lädierten Hals stationär behandeln zu lassen, die sie sich bei einem Sturz mit ihrem Rollator zugezogen hat. «Aber leider war mein Nachbar schneller und hatte schon das Krankenauto gerufen, ehe ich intervenieren konnte.» So sei sie im Bruderholzspital gelandet. Die schlechte öV-Anbindung sei ein echtes Problem. Gleichwohl unterstütze sie die Initiative. Sie denkt dabei weniger an ihre eigene Lebenswelt, sondern an jene der Leimentaler, die näher am Bruderholz wohnen: «Die brauchen doch auch weiter ein vollwertiges Spital.» Ein Ja aus Solidarität also. Musik in den Ohren der Initianten, ein Problem für die Gegner – immerhin praktisch das gesamte politische Baselbiet.

Serie: Bruderholz-Spital-Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Serie: Bruderholz-Spital-Woche Vor der Abstimmung vom 21. Mai berichten die bz und die «Schweiz am Wochenende» eine Woche lang täglich aus dem und über das Bruderholzspital.

Ähnlich verhält es sich bei einer jungen Frau aus Laufen. Genau: Laufen, der zweite Standort des Kantonsspitals Baselland (KSBL), bei dem die Initiative ein medizinisches Grundangebot sicherstellen möchte. Da es dort keine handchirurgische Abteilung gibt, muss die Frau mit ihren gebrochenen Fingern bereits heute in ein anderes Spital. «Der weite Weg ist für mich kein Problem», sagt sie. Genausogut hätte sie ans Unispital gehen können, da sie persönlich nichts mit dem Bruderholzspital verbinde. Aber: «Ich kenne viele Freunde, Bekannte und Verwandte, die mit ihrer Behandlung hier sehr zufrieden waren.» Daher sei auch sie für den Erhalt des heutigen stationären Angebotes. «Dafür wäre ich auch bereit, mehr zu zahlen.» Die Kosten. Sie sind das Hauptargument gegen die Initiative.

Auf bis zu 25 Millionen Franken jährlich werden sie vom KSBL und der Regierung geschätzt – zu berappen vom Steuer- oder Prämienzahler, da der Bund den Strukturerhalt aus regionalpolitischen Gründen nicht vorsieht. Doch das schreckt nicht alle ab: «Sollen sie die Steuern doch raufsetzen», sagt ein Ehepaar, das aus der Münchensteiner Alterswohnsiedlung Loog hierher fand. Im Alter seien kurze Wege wichtig, das Bruderholzspital biete vorbildliche Betreuung an. Im Unispital dagegen sei alles viel zu hektisch und voll. Nach einem Halswirbelbruch wurde der Mann in Liestal operiert, ist nun aber für die Rehabilitation stationär hier. Etwas, das nach den Plänen der Spitalgruppe beider Basel weiter möglich sein soll. Dennoch sagt er: «Die Pläne der Regierung sind unbefriedigend. Das Bruderholz ist doch ein vollwertiges Spital.» Und dann folgt, was die Initianten um die ehemaligen Bruderholzärzte nur zu gerne hören: «Das Bruderholz ist unser Spital. Wir haben es so aufgebaut. Schon meine Eltern wurden hier behandelt.» Emotionen, ungefiltert. Da nützt kein Wink mit dem Geldbeutel etwas.

Sieben Termine an drei Orten

Auch einen Mann mittleren Alters, der mit eingegipstem Bein im Rollstuhl an der Sonne sitzt, kümmern die Zusatzkosten wenig. Der Binninger mit Unterschenkelfraktur sorgt sich um die Spital-Infrastruktur in der Region: «Schon jetzt gibt es bei Operationen Staus, da können wir doch nicht die Kapazitäten abbauen.» Er selbst warte bisher vergeblich auf seinen OP-Termin. «Und was passiert, wenn plötzlich ein schlimmes Erdbeben kommt und wir jedes freie Spitalbett brauchen?», fragt er.

Ängste. Auch sie befeuern den Abstimmungskampf. Ein weiterer Mann aus Binningen warnt ebenfalls davor, hier und in Laufen das Angebot zu reduzieren: «Passiert etwas Grösseres, werden die Wege für die Betroffenen schon sehr weit.» Gleichzeitig prangert er an, dass sich heute alles um die Kosten dreht. Bestes Beispiel sei er selbst mit seinen Nierenstein-Behandlungen, die er schon mehrfach benötigte: «Früher war ich deswegen dreimal bei einem Arzt, jetzt ist es bereits mein siebter Termin – und das an drei verschiedenen Orten.» Die Urologie ist eigentlich in Liestal angesiedelt, wo der Nierenstein zerstört wurde. Die Kontrollen davor und danach fanden aber in einer vom KSBL übernommenen Praxis in Basel und nun eben auf dem Bruderholz statt. «Drei Orte für eine Behandlung, so wird es immer teurer», klagt der Binninger. Und dennoch: Obwohl die Initiative eine Schwerpunktbildung erschwert, unterstützt er sie.

Jurassier warnt Baselbieter vor Ja

Doch es gibt auch die andere Sicht. So nimmt ein älterer Herr aus Bottmingen die Angst vor einem Erdbeben auf, kommt aber zum umgekehrten Schluss: «Das Bettenhaus ist nicht erdbebensicher und muss ersetzt werden. Das sage ich als Baufachmann.» Deshalb unterstütze er die Pläne der Regierung, den Turm abzureissen und ein Bettenhaus mit rund der Hälfte der heutigen 300 Betten zu bauen. Da er mit MDS, einer Vorstufe von Leukämie, ambulant in Behandlung ist, könnte er weiterhin das Bruderholz besuchen, doch auch mit Basel oder Liestal hätte er kein Problem. «Nostalgie bringt doch nichts. Und das sage ich, obwohl meine Partnerin früher hier gearbeitet hat.» Dass auch Menschen gegen die Initiative sind, obwohl sie eine Bindung zum «Hölzli» haben, ist bemerkenswert. «Für mich ist es schon sehr emotional, da mein Vater hier gestorben ist», sagt eine Patientin aus Oberwil, die wegen Arthrose im Knie ein MRI braucht. Sie sei noch etwas unentschlossen, tendiere aber zu einem Nein. Es sei sinnvoll, in den Spitälern Schwerpunkte zu bilden. «Ob ich nach Basel muss oder aufs Bruderholz, spielt für mich keine Rolle.»

Das sieht eine Frau ähnlich, die an der Bushaltestelle wartet: «Bei Komplikationen geht man ja heute schon ins Unispital.» Selbst keine Patientin, verbindet sie etwas anderes mit dem Betonbau auf dem Hügel: Die Bottmingerin wohnt in der Nähe und benützt oft die Haltestelle. Ihre Haltung – die radikalste der fünf angetroffenen Initiativ-Gegner – zeigt, dass die Nähe zum markanten Gebäude nicht Unterstützung bedeuten muss: «Selbst wenn das Spital komplett verschwinden würde, wäre es nicht schlimm. Der Platz wäre viel besser für Alterswohnungen geeignet.»

Von der nächsten Nähe zum Blick aus der Ferne: Ein Patient wurde aus dem Jura ans Bruderholzspital geschickt, weil keines der Spitäler in Delsberg, Pruntrut, Saignelégier oder im bernischen Moutier Infektionen am Kniegelenk behandeln könne. «Ich bin jetzt schon 14 Tage hier und seit Ende 2015 war ich bereits acht Mal hier. Man kann also sagen: Ich kenne das Bruderholzspital.» Im Jura habe man eine Reorganisation der Spitäler bereits hinter sich: «Wir haben gelernt, dass nicht überall alles angeboten werden muss, um eine gute Versorgung zu gewährleisten.» Sein Fazit: «Jeder Baselbieter, der rechnen kann, muss die Initiative ablehnen.»

7 zu 5 für die Initiative lautet das nackte Resultat dieses Besuchs zur Mittagszeit. Wenn man aber etwas mitnehmen kann, dann das: Dahinter stehen zwölf völlig unterschiedliche Geschichten. Genau das macht die Abstimmung so unvorhersehbar – und so spannend.

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