Schuldenkrise
Er weiss, wie Deutschland alle Schulden los wäre

Alexander Dill, Wirtschaftsforscher aus Basel, erobert Deutschlands Medien mit einer kühnen, einfachen Idee.

Andreas Maurer
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bz Basellandschaftliche Zeitung

Begonnen hat alles mit einem Artikel im «Spiegel». Darin hat Alexander Dill seine Idee lanciert. Im Internet wurde der Text 300000-mal angeklickt. Für ein Wirtschaftsthema ist das enorm viel. Seither tingelt Dill durch Deutschlands Medien. Das habe er dem jungen, mutigen «Spiegel»-Redaktor zu verdanken: «Greift in Deutschland ein grosses Medium ein Thema auf, wagen es danach auch die anderen.» Zum Beispiel die ARD mit einem längeren Beitrag.

Dills Vorschlag ist kühn, aber simpel. Er hat ausgerechnet, dass Deutschlands Staatsschulden auf einen Schlag getilgt werden könnten, wenn alle Deutschen dem Staat einmalig 20 Prozent ihres Nettovermögens abgeben würden. Sonst bezahlen die Deutschen keine Vermögenssteuer. Sie wurde abgeschafft.

Schäuble meldet sich

Da viel Vermögen in Immobilien steckt, geht Dill davon aus, dass viele Leute eine Hypothek aufnehmen müssten, um ihren Beitrag zur Tilgung der Staatsschulden zu bezahlen. Dass alle Deutschen den gleichen Prozentsatz abgeben müssten, findet er gerecht: «Denn die meisten Deutschen haben null Vermögen.» Und es sei sehr selten, dass Leute Vermögen besässen, aber kein Einkommen.

In der Politik kommt der Vorschlag aus Basel sehr schlecht an. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seine Ablehnung persönlich in einem Brief mitgeteilt. Die gleiche Begründung hat diese Woche auch Hermann Otto Solms, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, in einem E-Mail an Dill geschickt: «Das wäre kontraproduktiv und würde das Kapital ins Ausland treiben.»

Er bezahlt seinen Beitrag freiwillig

Trotzdem hält Dill seinen Vorschlag weiterhin für realistisch. Die Zeit könnte dafür schneller reif sein, als man denke: «Steigt der Zins für Staatsanleihen weiter, geht Deutschland entweder pleite oder muss die Steuern erhöhen.» Die Vermögensabgabe ist keine neue Idee: 1952 sanierte Kanzler Konrad Adenauer auf diese Weise den Staatshaushalt. Dill: «Das war hart, führte aber zum deutschen Wirtschaftswunder.»

Um zu demonstrieren, dass es ihm ernst ist, hat Dill eine Initiative lanciert: Der 51-Jährige ruft alle Deutschen dazu auf, freiwillig ihren Beitrag zur Tilgung der Staatsschulden zu bezahlen. Bisher sind 14000 Euro zusammengekommen. Dill selber überweist 1500 Euro. Dafür stellt der Staat offizielle Tilgungszertifikate aus. «Wir zeigen, dass die Bürger Verantwortung übernehmen», sagt Dill.

Den Medienrummel geniesst der Wissenschafter: «Es ist ja nicht so, dass ich auf der Strasse erkannt werde.» Dass gerade er aktuell mit dieser Idee Schlagzeilen auslöst, liegt für ihn auf der Hand: «Ich bin im Moment der Einzige mit einem Tilgungsplan.»

Image-Gewinn, da Institut in Basel

Ist Alexander Dill mediengeil? Seine Antwort: «Ja, ich habe kein schlechtes Gewissen, das zu sagen, auch wenn es einen negativen Touch hat. Zieht Carl Hirschmann besoffen durch Zürich, sind alle Zeitungen voll. Deshalb ist es gut, wenn andere Themen forciert werden.» Die Sozialforschung müsse in der Gesellschaft breit diskutiert werden: «Denn was nützt es, wenn ich nur im stillen Kämmerlein forsche?» Dass seine wissenschaftliche Berechnung so stark beachtet werde, sieht er als Erfolgsbestätigung. Für die Aufmerksamkeit ist er aber auch aus einem anderen Grund dankbar: «Ich brauche Öffentlichkeit, da unser Institut neu ist.»

Im Basler Unternehmen Mitte hat der deutsche Soziologe 2009 ein privates Institut für Gemeingüter und Wirtschaftsforschung gegründet. Mittlerweile beschäftigt es sieben Leute. Das Forschungsbüro profitiere von einem Image-Gewinn, da es in Basel liege: «Die Deutschen assoziieren mit der Schweiz soziale Verantwortung. Nur wenige sehen sie als kapitalistische Steuerinsel.»

Altmodischer Forscher

Persönlich arbeitet Dill gerne in Basel, da das soziale Klima hier besonders gut für seine Forschung sei: «Hier haben diese Themen eine Chance, da die Leute Mut zur Innovation haben. Es herrscht eine kreative Stimmung.» Gleichzeitig mag es der Sozialforscher auch altmodisch: «Ich kleide mich zum Beispiel gerne konservativ. Ich hatte Sehnsucht nach einer alten Stadt wie Basel.» Dass er noch nicht in Basel wohnt, sondern immer noch im 40 Kilometer entfernten Sulzburg (D), hat einen einfachen Grund: «Ich verdiene noch nicht so viel, dass ich es mir leisten könnte, mit meiner Familie in Basel zu leben.»

Vorbild: Schweizer Steuersystem

In der Schweiz wirbt Dill nicht für seinen Vorschlag: «Die Situation ist hier nicht so dramatisch, weil die Zinsen nicht steigen. Ich sehe keine Überschuldungsgefahr.» Würde Deutschland die Vermögensabgabe einführen, wäre Dill dafür, danach ein Steuersystem nach Schweizer Vorbild einzuführen. Denn für Wenigverdiener seien die Steuern in Deutschland viel zu hoch: «Wer 3000 Euro Einkommen hat, muss in Deutschland 56 Prozent an Steuern und Abgaben zahlen. Vom Rest kann man in Lörrach kaum leben, geschweige denn in München.»

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