Eisenbahnlärm
Erst 2020 lassen Güterwagen lärmgeplagte Anwohner ruhig schlafen

Ende Jahr sei das Baselbiet vor Bahnlärm geschützt, sagt das kantonale Amt für Raumplanung. Baselland werde als einer der ersten Kantone den Einbau von Lärmschutzwänden und Schallschutzfenstern entlang der Bahnstrecken abschliessen.

Boris Burkhardt
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Die Ergolz-Linie, hier bei Itingen, ist Teil des europäischen Nord-Süd-Korridors für Güterzüge. bz Archiv

Die Ergolz-Linie, hier bei Itingen, ist Teil des europäischen Nord-Süd-Korridors für Güterzüge. bz Archiv

Der kantonale Lärmschutz-Experte Andreas Stöcklin spricht bereits jetzt von «spürbaren Verbesserungen», vor allem im unteren Baselbiet und im Ergolztal. Die grossen Gemeinden entlang der Bahnstrecke Basel–Olten bestätigen dies.

Alte Bremsen rauben den Schlaf

Allerdings, sagt Stöcklin, gebe es weiterhin Gebiete, die dem Bahnlärm ausgesetzt sind, weil sich die nötigen Massnahmen aus Sicht des Bundes nicht rechnen. Teilweise sei auch der bereits eingebaute Schallschutz ungenügend. Deshalb will der Kanton den bestehenden Lärmschutz bald überprüfen, «um lokale Lücken in den Wänden zu schliessen».

Doch ist es in erster Linie Aufgabe des Bundesamts für Verkehr (BAV) und der SBB, Lärm-«Hotspots» auszumachen. BAV und SBB berechnen anhand der Platzverhältnisse, den Kosten und dem Nutzen, welcher Schallschutz wo infrage käme.

Für übermässig belastete Gebiete wünscht sich der Kanton Schallabsorber, die man direkt an den Schienen anbringt, damit die Vibration sich nicht in die Umgebung überträgt. Doch diese neue Technik werde in der Schweiz aber wohl erst 2015 erfolgen, erklärt Stöcklin.

Auch Robert Degen, Präsident der umstrittenen «Interessengemeinschaft gegen Eisenbahnlärm Pratteln und Umgebung» ist noch nicht zufrieden. Er kennt bereits eine Stelle in Pratteln, die er als «Hotspot» bezeichnen würde. Besonders kritisiert er, dass die Bremsstrecke der Güterzüge vor dem Bahnhof Pratteln im Wohngebiet liegt.

Bahnlärm: Schuld sind die veralteten Bremsen

Laut Bundesamt für Verkehr (BAV) leiden heute in der Schweiz rund 265000 Menschen unter schädlichem Bahnlärm. Dem will das Bundesgesetz über die Lärmsanierung der Eisenbahnen (BGLE) entgegenwirken.

Als Massnahmen sieht das revidierte Gesetz Lärmschutzwände und Schallschutzfenster sowie Umrüstung der Waggons vor (siehe Haupttext). Hauptschuld am Lärm der Güterwaggons tragen die Graugussbremsen: Die gusseisernen Bremsklötze verlieren beim Bremsen stetig Material, das durch die Reibungshitze an den Rädern festgeschweisst wird und diese damit «unrund» macht. Die «holpernden» Räder verursachen dann den grössten Lärm, besonders bei leeren und damit leichteren Waggons. Laut SBB sind bereits 5882 der 6405 Schweizer Güterwaggons und 213 von 500 betroffenen Gemeinden lärmsaniert.

Der Kanton Baselland befürwortet in seiner Vernehmlassungsantwort die BGLE-Revision. Er fordert aber unter anderem, den Schienenbonus zu überdenken: Das Privileg höherer Lärmgrenzwerte (mindestens 5 Dezibel), das die Schiene gegenüber der Strasse geniesse, sei nicht mehr zeitgemäss, da die Bahntrassees heute weit stärker ausgelastet seien als früher. Bahnlärm sei heute nachts ebenso störend wie Strassenlärm.(bob)

www.laerm-sbb.ch

Ähnlich sei es auch in Liestal, wo die Gleise aus dem Adlertunnel wieder auf die Stammstrecke laufen. Der Bund, kritisiert er, berechne für den Schallschutz nur Lärm-Durchschnittswerte: «Sporadischer, lauter Bremslärm bringt die Anwohner aber genauso um den Schlaf.»

Verbot für laute Güterwaggons

Raumplaner Stöcklin macht Degen und anderen lärmgeplagten Anwohnern jedoch Hoffnung: Ab 2020 dürfen keine Güterwagen mehr durch die Schweiz rollen, die einen gewissen Lärmwert übersteigen. Damit würden faktisch die heutigen, lauten Graugussbremsen zugunsten von leiseren Bremsmechanismen verboten (siehe Box).

Weil die Bahnunternehmen nicht alle Güterzüge gleichzeitig umrüsten könnten, rechnet Stöcklin damit, dass sich die Lärmbelästigung durch Güterzüge schon in den nächsten Jahren schrittweise verringert.

Deshalb teilt Stöcklin auch nicht die Sorge Degens über den zunehmenden europäischen Güterverkehr in den kommenden Jahrzehnten: Die Lautstärke eines einzelnen Zuges wecke nachts die Menschen, nicht die Anzahl der Züge. «Die neuartigen Kunststoffbremsen helfen also, den Schlaf der Bahnanwohner zu verbessern», zeigt sich Stöcklin zuversichtlich.