Krimi
Ex-Tatort-Kommissar Charles Brauer: «Oft sehe ich Schwachsinn»

Der deutsche Schauspieler Charles Brauer redet über «Tatort»-Filme, Krimi-Inflation und seine Lesung in Liestal. Kommenden Samstag liest er in der Reihe «Krimi Liestal» aus dem Werk von Edgar Alan Poe.

Mathias Balzer
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Liest gern Patricia Highsmith oder Edgar Allen Poe: Charles Brauer.

Liest gern Patricia Highsmith oder Edgar Allen Poe: Charles Brauer.

Ute Schendel/zVg

Charles Brauer ist ein Urgestein der deutschen Theater- und Filmszene. Er stand auf den grossen deutschen Bühnen, arbeitete mit bedeutenden Regisseuren und hat in zahlreichen Filmen mitgewirkt. Richtig berühmt wurde er an der Seite von Manfred Krug als Hamburger Kommissar der Reihe «Tatort». Der 82-jährige Berliner lebt mit seiner Partnerin, der Bühnenbildnerin Lilot Hegi, in Böckten. Kommenden Samstag liest er in der Reihe «Krimi Liestal» aus dem Werk von Edgar Alan Poe.

Herr Brauer, Sie haben auf den grossen Bühnen im deutschsprachigen Raum gespielt und in zahlreichen Filmen mitgewirkt: Tut es da nicht weh, immer auf den «Tatort»-Kommissar reduziert zu werden?

Charles Brauer: Wissen Sie, es ist nun mal so: Die Prominenz entsteht erst durch solche Formate wie «Tatort». Da können Sie noch so viele Theater- oder Filmrollen spielen, das alles ersetzt nicht eine Serie, in der sie über Jahre hinweg regelmässig gesehen werden. Der «Tatort» war bereits in den Jahren 1986 bis 2001 ein prominentes Format – und ist es ja auch geblieben.

Sie haben kein Problem damit, vor allem als Kommissar wahrgenommen zu werden?

Nein. Es hat ja auch Vorteile. Wenn Sie beispielsweise an einem Privattheater spielen oder Tourneen absolvieren, Lesungen abhalten oder wenn jemand gesucht wird, der John Grishams Romane für Hörbücher liest, dann ist die Rolle als Kommissar von grossem Vorteil. Solche Angebote würden Sie ohne die Popularität durch das Fernsehen gar nicht bekommen. Das ist auch hier in Böckten, wo ich seit 30 Jahren wohne, so: Da wäre doch ohne den Kommissar niemand an eine Lesung gekommen vor 25 Jahren.

Schauen Sie noch «Tatort»?

Ich schau eh wenig Fernsehen, meist Nachrichtenformate wie die hiesige «Tagesschau» oder, aus aktuellem Anlass, die deutsche. Aber ich gehör nicht zu denjenigen, die wegen des «Tatorts» am Sonntagabend nicht erreichbar sind.

Es gibt ja auch immer mehr «Tatorte» . . .

Ja, es sind zu viele. Mein Gott, schauen Sie doch mal, was da an Todesfällen zwischen Weimar und Kiel, zwischen Erfurt und Berlin produziert wird! Manfred Krug und ich haben damals die ersten Jahre zwei Sendungen pro Jahr gemacht. Weil es so erfolgreich war, wurden es dann drei. Aber ich kann mich gut erinnern, welche Probleme wir hatten, um drei gute Drehbücher pro Jahr zu bekommen. Sie können mir doch nicht weismachen, dass gute Drehbuchautoren mittlerweile vom Himmel fallen. Oft sehe ich, wenn ich denn mal einen «Tatort» sehe, ziemlichen Schwachsinn. Da gehe ich lieber ins Kino.

Was macht einen guten Krimi aus?

Es gibt zwei Grundprinzipien: Der Zuschauer sieht zu Beginn den Mord und den Mörder, und begleitet dann die Kommissare dabei, wie sie ihm auf die Schliche kommen. Oder es ist ein Mord passiert, ohne dass wir den Mörder von vornherein kennen. Spannend muss es auf jeden Fall sein. Da beginnt eben die gekonnt gemachte Fiktion, denn wirkliche Polizeiarbeit ist ja stinklangweilig. Da muss so viel minuziöse Kleinarbeit geleistet werden. Würden die Zuschauer das als Film sehen, würden Sie das Programm bereits nach fünf Minuten wechseln.

Guter Krimi ist also mehr als ein Kriminalfall?

Ja, natürlich. Fernsehkrimis leben immer mehr davon, dass wir noch anderes zu sehen bekommen als den eigentlichen Fall: die privaten Verhältnisse der Kommissare, ihre persönlichen Probleme, Mobbing im Betrieb. Es geht vielfach um die Geschichten rundherum.

Wieso lesen Sie in der Reihe Krimi Liestal einen Autor aus dem vorletzten Jahrhundert, Edgar Alan Poe?

Ich habe zu Anfang darüber gestaunt, dass das Palazzo eine so grosse Reihe zu diesem Thema macht. Dann habe ich vorgeschlagen, dass es doch ganz interessant wäre, denjenigen Autor vorzustellen, der die Figur des Detektivs überhaupt in die Literatur gebracht hat. Ich habe diesen Abend schon einige Male gemacht. Ich lese dabei nicht nur Geschichten von ihm, sondern erzähle auch die Geschichte von Poe selbst. Der Autor hatte ja ein unglaubliches Leben, und wir wissen immer noch nicht genau, wie er gestorben ist.

Krimi ist das Genre der Stunde, im Film wie in der Literatur. Wie sehen Sie das?

Es ist doch unglaublich, wie viel es gibt. Ich persönlich sehe gerne Verfilmungen von Mankells Romanen oder Inspector Barnaby, eine dufte Krimiserie. Aber das Genre wird beinah inflationär ausgeschlachtet: Jede Serie, die neu auf den Markt kommt, hat etwas Kriminalistisches, dauernd geht es um Mord und Totschlag ...

Welche Krimiautoren mögen Sie?

Ich bin ein grosser Fan von Patricia Highsmith. Da passiert zwar schon auch mal ein Mord oder ein Unglück. Aber es geht vor allem um die Zwischentöne, um den zwischenmenschlichen Bereich. Das ist für mich hohe Literatur. Hakan Nesser ist für mich auch ein Beispiel dafür, wie Kriminalromane gewichtige Themen transportieren können. Da bekommt der Leser immer noch etwas anderes mit als nur eine flache, doofe Mordgeschichte. Da wird es eben interessant.