Kopf der Woche
Fabiola Bloch: «Ich habe ein Helfer-Syndrom»

Im Oktober 2015 gehörte sie zu den Gründern von «Basel hilft mit». Heute ist Fabiola Bloch die Präsidentin des Vereins. Der bz hat sie verraten, warum sie immer alles für Flüchtlinge gibt.

Simon Tschopp
Merken
Drucken
Teilen
Fabiola Bloch im Laden Zweitleben am Liestaler Zeughausplatz.

Fabiola Bloch im Laden Zweitleben am Liestaler Zeughausplatz.

Nicole Nars-Zimmer niz

Sie hat schon immer geholfen. Eher in ihrem privaten Umfeld: Müttern, Freunden. Dann setzte 2015 die Flüchtlingskrise ein. «Ich wurde von der blossen Ohnmacht überrannt, ich konnte nicht nichts machen», blickt Fabiola Bloch zurück. Die Bilder mit dem kleinen toten Aylan am Strand und dem Lastwagen mit Leichen, die überall zu sehen waren, «gingen so in mich hinein». Bloch gründete mit mehreren Personen im Oktober 2015 den Verein «Basel hilft mit». Dessen Vorläufer war eine Facebook-Gruppe, die einmalig Sachspenden sammelte für Flüchtlinge. «Innert kürzester Zeit kamen jedoch so viele Mitglieder zusammen, dass wir das nicht bei dem einen Mal lassen konnten», berichtet Fabiola Bloch.

Damit hatte sie ihren Fuss drin. Die heutige Vereinspräsidentin half mit, Strukturen hineinzubringen und ein Team zu formen. Man arbeitete und vernetzte sich. «Ich konnte nicht mehr hinaus», beschreibt Bloch ihre damalige Situation und gesteht: «Ich habe ein Helfer-Syndrom. Jetzt kann ich es ausleben.» Sie könne einfach nicht wegschauen. Weshalb sie das tue, wisse sie nicht. «Ich muss es einfach machen.»

Präsidentin, Berufsfrau, Mutter

Auch keine Ahnung hat Fabiola Bloch, wie sie alles unter einen Hut bringt. Die 42-Jährige engagiert sich im Verein ehrenamtlich, wie alle Vorstandsmitglieder und freiwilligen Hilfskräfte. Sie ist in einem 60-Prozent-Pensum als Betreuerin für Schutzbedürftige tätig, davon profitiert sie auch während ihrer Arbeit bei «Basel hilft mit». Schliesslich hat sie zwei Kinder im Alter von 7 und 18 Jahren zu betreuen.

Der Verein, der gegen 70 Mitglieder zählt, betreibt gemeinsam mit Carry The Future seit vier Wochen einen Laden auf dem Ziegelhof-Areal in Liestal. In den Räumen der früheren Brauerei ist auch sein riesiges Depot untergebracht, alles fein säuberlich sortiert. Im Laden Zweitleben am Zeughausplatz werden gespendete Kleider verkauft, die für Flüchtlinge nicht geeignet sind. Schicke Kleider, kurze Röckchen, T-Shirts mit Ausschnitt oder Schuhe mit hohen Absätzen sind nichts für Flüchtlinge. «Zweitleben» findet Bloch einen «super» Begriff mit doppelter Bedeutung. Weil die Sachen ein zweites Leben kriegten, man schmeisse sie nicht weg. «Und es geht auch darum, dass die Geflüchteten und Fliehenden ein ‹zweites› Leben bekommen.»

Die Kaufpreise für die Utensilien bestimmen die Käufer. Der Laden im Baselbieter Kantonshauptort ist noch bis Ende Monat in Betrieb. Bis jetzt ist Fabiola Bloch zufrieden, wie es läuft, auch wenn die Besucherfrequenz gering ist. «Wir haben etwas daraus gemacht, wir sind im Gespräch», meint sie. Der Verein muss sich nun nach einem anderen Lokal umsehen. «Wir haben ein nächstes Projekt in Aussicht. Aber noch ist nicht alles klar», sagt Bloch. Sie ist froh, dass Denkstatt, die das Ziegelhof-Areal zwischennutzt, das Projekt in Liestal ermöglicht hat.

Schon viermal in Flüchtlingscamps

«Basel hilft mit» kooperiert mit mehreren Organisationen. Der Verein beliefert Asylzentren, auch kleine auf dem Land, arbeitet mit der ökumenischen Seelsorge zusammen und gibt Sachen an viele kleine Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) ab. Dafür erhält der Verein kein Geld, er lebt bloss von privaten Spenden. Damit werden hiesige Events für Flüchtlinge und Transporte mit Gütern in Flüchtlingscamps finanziert. Bloch und die drei weiteren Vorstandsmitglieder wissen genau, wo das Geld hinfliesst: «Wir kennen diese Firmen und arbeiten nur mit NGO vor Ort zusammen, die wir sehr gut kennen.»

Die zweifache Mutter war schon dreimal in Serbien und einmal in Griechenland in Flüchtlingscamps. «Dort geht in mir nur wenig vor.» Sie arbeite viel und schlafe wenig. «Schwierig wird es für mich erst wieder zu Hause. Dann kommen alle Bilder hoch, und ich muss das verarbeiten», berichtet sie ohne zittrige Stimme. Sie benötige jeweils ein, zwei Tage, um sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. Danach ist für Bloch wichtig, dass sie mit jemandem darüber sprechen kann. Aber wirklich darüber reden könne sie nur mit Leuten, die auch dort gewesen seien. Fabiola Bloch weilt nie lange in einem Camp. Sie kann sich von den vielen Schicksalen gut abgrenzen. «Man muss psychisch stabil sein», betont sie.

Heute feiert die Flüchtlingshelferin ihren 42. Geburtstag. Was wünscht sie sich? «Mehr tun für Flüchtlinge im Ausland. Sich dafür einsetzen, dass sie dort nicht mehr frieren müssen. Das ist unverantwortlich.» Für ihren Verein hofft sie, dass es mit ihm weiterläuft und er bald eine gute Lokalität findet, in der Laden, Depot und Büro unter einem Dach sind. Von einem Büro kann das «Basel hilft mit»-Team derzeit nur träumen, die Vorstandsmitglieder arbeiten alle von zu Hause aus.

www.baselhilftmit.ch