Strassenverkehr
Fachleute glauben: Die neue H2 wird den SBB Pendler abjagen

Fachleute rechnen nach der H2-Eröffnung mit weniger Autos auf der Rheinstrasse, insgesamt aber mit mehr Verkehr. Und dies nicht nur, weil mehr Strasse zu mehr Verkehr führt. Die Bahn könnte nämlich auch Pendler an die Strasse verlieren.

Andreas Hirsbrunner
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Noch liegt die verkehrliche Achillesferse beim Hülftenkreisel. Wo wird sie in Zukunft sein?

Noch liegt die verkehrliche Achillesferse beim Hülftenkreisel. Wo wird sie in Zukunft sein?

Martin Toengi

Noch stehen bei der H2 die Kosten von einer halben Million Franken für das Eröffnungsfest im Mittelpunkt. Doch von weit grösserem Gewicht sind die Auswirkungen auf den Verkehr, die der neue Abschnitt der Schnellstrasse von Liestal nach Pratteln haben wird. Dieser steht den Automobilisten ab 11. Dezember zur Verfügung. Einig sind sich Behörden und Verkehrspolitiker, dass das 4,5 Kilometer lange Strassenstück das Verkehrsregime grossräumig verändert. Über das Ausmass der Veränderungen klaffen die Erwartungen allerdings auseinander.

Von der A2 auf die H2

Laut Modellrechnungen des Kantons verkehren bei der heutigen Zählstelle an der Rheinstrasse beim «Smartturm» nach der H2-Eröffnung noch 19'100 Fahrzeuge täglich. Das ist ziemlich genau die Hälfte des vom Bundesamt für Strassen ermittelten Durchschnitts von 38'325 im Jahr 2011; neuere Zahlen sind nicht verfügbar. Auf der neuen H2 werden es auf der gleichen Höhe 34'300 sein. Das ist insgesamt weit mehr als heute, was zeigt, dass es zu Verlagerungen vor allem von der Autobahn A2 kommen wird. Für 2030 sehen die Modellrechnungen 36'000 Fahrzeuge auf der H2 und 22'070 auf der Rheinstrasse vor. (hi)

Unbestritten ist, dass der neue H2-Abschnitt die Rheinstrasse in Frenkendorf/Füllinsdorf entlastet. Das kantonale Tiefbauamt geht von einer Verkehrsreduktion von 60 bis 70 Prozent aus – derzeit passieren täglich um die 40'000 Fahrzeuge die Rheinstrasse. Doch bereits zu dieser Prognose macht der VCS beider Basel ein Fragezeichen. Geschäftsführerin Stephanie Fuchs sagt: «Es liegt noch kein baureifes Projekt zum Rückbau der Rheinstrasse vor, somit fehlt auf dieser Strasse bei der Eröffnung der H2 ein Durchfahrtswiderstand. Ohne Spurreduktion mit provisorischen Elementen wechseln nur die flexiblen Autofahrer auf die neue H2 und das werden sicher nicht so viele sein, wie erhofft.»

Optimistischer ist Landrat Rolf Richterich, einer der führenden Verkehrspolitiker bei der FDP: «Ich erwarte auf der Rheinstrasse eine massive Verkehrsabnahme.» Sein Gegenstück auf SP-Seite, Landrat Martin Rüegg, drückt sich etwas zurückhaltender aus: «Ich erhoffe mir eine Entlastung der Rheinstrasse und lebenswertere Verhältnisse für die dortige Wohnbevölkerung, die es tatsächlich noch gibt.» Der Kanton hat für kommenden Frühling eine Planauflage für die neue Rheinstrasse in Aussicht gestellt. Ab Eröffnung der H2 will er die Attraktivität der Rheinstrasse als Durchgangsstrasse mit provisorischen Massnahmen mindern. Welche das sein werden, ist bis jetzt nicht bekannt.

Kontroverser wird es bei den grossräumigen Auswirkungen der H2. Kantonsingenieur Oliver Jacobi prognostiziert: «Im Gesamtkorridor wächst der Verkehr bis 2030 um 17 Prozent. Ohne H2 wären es etwa 11 Prozent.» Mit «Gesamtkorridor» meint er die drei Achsen Autobahn A2, Schnellstrasse H2 und Rheinstrasse. Dabei geht Jacobi von einem aktuellen Ausgangswert von 91'640 Fahrzeugen aus. Kurzfristig rechnet er mit einer dreiprozentigen «Belastungszunahme» durch die H2 auf diesem Korridor. Allerdings relativiert Jacobi: «Dies liegt nicht nur am Neuverkehr, sondern auch daran, dass durch die H2 ein grossräumiger Kapazitätsengpass beseitigt wird und sich dadurch eine Rückverlagerung vom Ausweichverkehr auf Parallelstrassen ergeben wird.» Bemerkenswert dabei: Das untere Ergolztal muss künftig bedeutend mehr Verkehr schlucken (siehe Box).

Auch Martin Rüegg erwartet Mehrverkehr. Doch im Gegensatz zu Jacobi rechnet er auch damit, dass Zugpendler auf das Auto umsteigen. Dies nicht nur wegen des attraktiveren Strassenangebots, sondern auch, weil die Situation bei der S3 mit zu wenig Sitzplätzen und «nicht so grosser Fahrplanstabilität» nicht optimal sei. Zudem erwartet Rüegg, dass der Siedlungsdruck mit der H2 vor allem auf die beiden Frenkentäler steigt. Dies sei denkbar, pflichtet ihm Rolf Richterich bei. Aber wenn die Nachfrage steige, stiegen auch die Bodenpreise, weshalb sich das Wachstum in Grenzen halte. Richterich geht im unteren Ergolztal von einer ähnlichen Verkehrsverlagerung wie in Sissach nach dem Bau des Chienbergtunnels aus.

Für den Gesamtverkehr habe aber ein einzelner Strassenabschnitt wie die H2 keine grosse Bedeutung, ist Richterich überzeugt. Dem widerspricht Stephanie Fuchs vom VCS: «Die H2 ist eine erhebliche Ergänzung des Hochleistungsnetzes, die Mehrverkehr generiert. Betreffend den konkreten Auswirkungen ist sie aber noch eine Wundertüte.»

Was bedeutet die neue Strasse für Basel? Während André Frauchiger, Sprecher des Basler Tiefbauamts, verneint, sagt Michael Wüthrich (Grünes Bündnis), Präsident der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission des Grossen Rats: «Ich erwarte kurzfristig keine Auswirkungen, längerfristig aber Mehrverkehr. Denn jede Pendelzeitverkürzung erweitert den Rayon, wo man hinzieht.»