Abgewandert
Fenjal ist einfach aus Muttenz verduftet

Vier Jahrzehnte lang war das Badeöl Fenjal made in Muttenz. Jetzt ist die Marke deutsch.

Benjamin Wieland
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Das Produktionsgebäude von Doetsch und Grether in Muttenz. Es wird verkauft oder vermietet.

Das Produktionsgebäude von Doetsch und Grether in Muttenz. Es wird verkauft oder vermietet.

Keystone

Wer zügeln will, braucht einen Lieferwagen – oder einen Lastwagen, wenns hoch kommt. In diesem Fall waren aber 18 Lastwagen unterwegs. Und der Umzug dauerte, inklusive Vorbereitung, ein geschlagenes halbes Jahr.

Nun ist Fenjal in Zittau bei Dresden zu Hause, nicht mehr in Muttenz. Die Doetsch und Grether AG (D + G) in Basel verkaufte die Traditionsmarke bereits per Juli 2016. Doch der Besitzerwechsel gestaltete sich kompliziert, weil die Käuferin, die Fit GmbH, nicht nur die Markenrechte erworben hatte, sondern auch die Produktionsanlagen.

Das bedeutete: Sämtliche Maschinen und Einrichtungen, die es braucht, um das Badeöl und die anderen Produkte der Fenjal-Linie herzustellen, mussten von Muttenz nach Ostdeutschland verfrachtet werden. Mitarbeiter der beiden Unternehmen nahmen die Anlagen komplett auseinander und fügten sie in Zittau wieder zusammen. Schraube für Schraube, Mischer für Mischer, Schlauch für Schlauch.

Offensichtlich ist nichts verloren gegangen. Seit Anfang Jahr ist Fenjal made in Germany. Damit endete eine 40-jährige Ära. D + G konzentriert sich auf Handel und Vertrieb, stellt nichts mehr selber her – weder für sich, noch für andere Firmen. Das Fabrikgebäude in Muttenz wird verkauft oder vermietet. Was der Fenjal-Verkauf auch aufzeigt: In der Schweiz lohnt sich die Massenproduktion von «normalen» Erzeugnissen offensichtlich nicht mehr. Dafür sind die Fixkosten einfach zu hoch.

50 Jobs weg

Bis im Spätherbst liefen die Fliessbänder in Muttenz auf vollen Touren. Im Dezember wurde es still in den Hallen an der Falkensteinerstrasse 2. Es verschwanden 50 Arbeitsplätze. Bereits 2015 hatte Doetsch und Grether bekannt gegeben, die Produktion aufzugeben. Vorlaufzeit gab es also reichlich, und so habe man den Übergang auch gut vorbereiten können, sagt CEO Thomas Wyss: «Die Hälfte der betroffenen Mitarbeiter hat bereits eine neue Stelle gefunden. Bei den übrigen haben wir uns um Anschlusslösungen gekümmert. Wir gewährten unter anderem diverse Weiterbildungen, zum Beispiel Deutschkurse.»

Das hat laut Wyss Wirkung gezeigt: Seit der Schliessung habe es keinen einzigen arbeitsrechtlichen Fall gegeben, etliche Mitarbeiter kamen bei anderen Arbeitgebern unter. «Es war für uns selbstverständlich», sagt Wyss, «dass wir unsere unternehmerische Verantwortung wahrgenommen haben, um auch in einer wirtschaftlich schwierigen Situation ein guter Arbeitgeber zu sein.» Lob erhält D + G auch von Muttenz. Gemeindepräsident Peter Vogt beschreibt die Kommunikation mit der Firmenleitung als «immer reibungslos».

Die Trennung von der Produktion habe man nicht gesucht, beteuert Wyss, «es war ein notwendiger Schritt». Das Hauptabsatzgebiet für Fenjal sei traditionell Deutschland, ein hart umkämpfter Markt. «Als relativ kleiner Player ist es definitiv nicht mehr möglich, hier preislich mitzuhalten, schon gar nicht in einem Hochlohnland wie der Schweiz.»

Pillen und Pastillen

D + G ist seit diesem Jahr wieder eine reine Handelsgesellschaft. Das heisst: Die Firma vertreibt Marken, die ihr gehören oder im Auftrag von deren Eigentümern. Damit ist sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. 1904 gründen Richard Doetsch und Oscar Grether die Grether & Companie AG in Basel, um einen Grosshandel mit pharmazeutischen und kosmetischen Produkten aufzubauen. 1962, mittlerweile ist die zweite Generation am Ruder, lanciert die Firma das Fenjal Cremebad mit dem typischen Rosenduft. Im Jahr darauf startete der Vertrieb ins Ausland. 1976 weihte man das Gebäude in Muttenz ein. Schon zuvor wurde selber produziert, jedoch in kleinerem Umfang.

Es gibt kaum einen Haushalt in der Schweiz, in dem kein Erzeugnis zu finden ist aus dem Hause D + G. Zu diesen gehören oder gehörten «Crest», «Blistex», «Neo-Angin», «Sulgan» und «Gard», um nur einige Kassenschlager zu nennen. Die bekannteste Marke ist, neben Fenjal, aber wohl «Grether’s Pastilles». Die Hustenbonbons in der ovalen Metallschachtel kennt hierzulande jedes Kind. Was weniger bekannt ist: D + G vertreibt auch rezeptpflichtige Erzeugnisse, etwa hoch dosiertes Magnesium.

Die Fit GmbH verspricht sich viel durch den Zukauf. «Zusammen mit ‹Gard› haben wir hier nun attraktive Körperpflegeprodukte im Sortiment», schreibt Mediensprecher Markus Jahnke. Auch «Gard» übernahm Fit von D + G, zuvor hatte die Firma vor allem Wasch- Putz-, und Reinigungsmittel im Angebot. Die Zittauer haben den Zukauf von alterwürdigen Marken, die ihren Zenit meist schon überschritten haben, zum Geschäftsmodell gemacht – und sind damit äusserst erfolgreich. «Ein Herz für Sorgenkinder» betitelte das deutsche Wirtschaftsmagazin «Brand Eins» ein Firmenporträt. Sogar seinen Namen hat das Unternehmen von einem einst schwierigen Fall: «fit» war in Ostdeutschland das meistverkaufte Geschirrspülmittel. Nach der Wende blieb es in den Regalen stehen, DDR-Produkte waren nicht mehr gefragt. Mitte der Neunziger gelang der Neubeginn.

Thomas Wyss sagt, man habe mit Fit «jemanden gefunden, der die gleichen Gene hat». Dem Unternehmen würden sich im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien beste Voraussetzungen bieten, der Marke neues Leben einzuhauchen.

Trotzdem sei mit dem Verkauf von Fenjal auch Wehmut verbunden gewesen. Das hat Fit-Sprecher Jahnke ebenfalls beobachtet. Es sei zu spüren gewesen, dass der Abbau der Anlagen für die verbliebenen Leute von Doetsch und Grether ein sehr bewegender Moment war. «Das können wir natürlich gut nachvollziehen.»

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