Sissach
Feuerwehr-Kommandant: «Wir spielen nicht mit Menschenleben»

Nur fünf Stützpunkt-Feuerwehren dürfen im Baselbiet eingeklemmte Fahrer aus Autos retten. Die Stützpunkt-Feuerwehr Sissach wehrt sich gegen Vorwurf, dass dieses System Zeit vergeudet. Der Feuerwehr-Kommandant ärgert sich über die erneute Diskussion.

Michael Nittnaus
Merken
Drucken
Teilen
Der Kommandant der Stützpunkt-Feuerwehr Sissach Adrian Schaub und Mannschaftssprecherin Martina Fricker stehen für das Gesetz ein. NIZ

Der Kommandant der Stützpunkt-Feuerwehr Sissach Adrian Schaub und Mannschaftssprecherin Martina Fricker stehen für das Gesetz ein. NIZ

Nicole Nars-Zimmer

Frau Fricker, der Kommandant der Feuerwehr Wenslingen-Oltingen, Michael Buess, sagte Anfang August gegenüber der bz, dass er für eine dortige Strassenrettung lieber die ebenfalls ausgerüstete nähere Feuerwehr Gelterkinden-Tecknau aufbieten würde, als auf die zuständige Stützpunkt-Feuerwehr Sissach zu warten. Damit keimt ein gut zwei Jahre alter Konflikt wieder auf.

Kompetenz-Streit der Baselbieter Feuerwehren

Nur die fünf Stützpunkt-Feuerwehren Sissach, Liestal, Muttenz, Reinach und Laufen sowie die für Einsätze auf der Autobahn spezialisierte Feuerwehr Pratteln dürfen von der Notrufzentrale in Liestal für Strassenrettungen mit Spezialwerkzeugeinsatz aufgeboten werden. Sie stossen jeweils zur zuständigen Ortsfeuerwehr, die bis dahin den Brandschutz sichergestellt und den Verkehr geregelt haben muss. Eingeklemmte Opfer dürfen erst befreit werden, wenn die Sanität das Okay gegeben hat.

So will es das Baselbieter Feuerwehr-Inspektorat, und so ist es im neuen Feuerwehr-Gesetz ab 2014 festgeschrieben. Allerdings besitzen auch die Feuerwehren Gelterkinden-Tecknau und Aesch-Pfeffingen hydraulische Geräte, um etwa Unfallopfer aus Fahrzeugen herauszuschneiden – und würden diese auch gerne einsetzen.

Vor zwei Jahren kam es deshalb bei einem Unfall in Tecknau zu einem offenen Disput mit dem Feuerwehr-Inspektor. Und diesen August flammte die Kritik einiger Ortsfeuerwehren nach einem Unfall in Wenslingen erneut auf. Das Credo: Wertvolle Minuten könnten gewonnen werden, wenn nicht nur Stützpunkte Strassenrettungen vornehmen dürften, sondern jeweils jene entsprechend ausgerüstete Feuerwehr aufgeboten würde, die am nächsten stationiert ist. (mn)

Martina Fricker: Eigentlich hatten wir Baselbieter Feuerwehren uns nach dem Vorfall vor zwei Jahren in Tecknau ausgesprochen. Ich dachte, damit sei die Diskussion, wer welche Aufgaben übernimmt, erledigt. Doch jetzt kommt wieder alles hoch. Das ist sehr ärgerlich und sorgte innerhalb der Mannschaft für Diskussionen.

Inwiefern?m

Fricker: Wenn wir von Leuten, die selber keinen Feuerwehrdienst leisten, Sprüche zu hören bekommen wie «Musstet ihr Sissacher euer Ego als Stützpünktler mal wieder bestätigt haben?», dann ist das äusserst unschön. Immerhin machen wir das freiwillig im Dienst der Öffentlichkeit. Wir versuchen, einen guten Job zu machen und werden dann von Aussenstehenden kritisiert. Dabei halten wir uns bloss an die Regeln. Welche Feuerwehr für was zuständig ist, haben ja nicht wir entschieden, sondern der Kanton.

Herr Schaub, Sie stehen als Kommandant immer wieder im Austausch mit den anderen Feuerwehren vor allem des Oberbaselbiets. Was für ein Klima herrscht momentan untereinander?

Adrian Schaub: Es ist keineswegs so, dass wir zerstritten sind. Im Gegenteil: Wir pflegen eine gute Kultur untereinander. Gerade in unserem Oberbaselbieter Kreis 6 arbeiten wir sehr gut zusammen. Natürlich sind nicht immer alle einer Meinung, und das wird es auch nie geben – egal, welche Feuerwehr-Struktur wir in Baselland auch haben.

Aber Fakt ist, dass die beiden Feuerwehren Gelterkinden-Tecknau und Aesch-Pfeffingen gerne auch Strassenrettungen durchführen würden und einige kleinere Feuerwehren wie eben Wenslingen-Oltingen dies unterstützen. Wie können diese Differenzen gelöst werden?

Fricker: Letztlich ist es nicht relevant, was Einzelne wollen. Wir haben ein Reglement und ab 2014 ein entsprechendes Feuerwehr-Gesetz und das gilt.
Schaub: Überhaupt: Warum reden wir nur über Gelterkinden und Aesch? Die Feuerwehren Farnsburg oder Homburg sind auch stark und man könnte sie aufrüsten. Doch wo ziehen wir die Grenze? Es kann ja niemand ernsthaft wollen, dass alle Ortsfeuerwehren mit den teuren Spezialgeräten ausgestattet werden. Die Stützpunkt-Lösung ist gut und funktioniert.

Es geht vor allem um Gelterkinden und Aesch, die bereits über das nötige Werkzeug und die dazugehörige Ausbildung verfügen. Sie wollen eine flexiblere Regelung.

Schaub: Bei der Bedienung dieser komplexen Druckwerkzeuge spielt Erfahrung eine grosse Rolle. Die bloss rund 30 Strassenrettungen pro Jahr im Kanton auf noch mehr Feuerwehren zu verteilen, wäre nicht gut. Zudem haben alle Stützpunkte dieselben zwei Ausrüstungssätze, sodass alle auch mit dem Werkzeug der anderen arbeiten können.
Fricker: Ich frage mich eher, ob sie die Geräte nicht besser aufgeben sollten. Alle sollten die Regeln akzeptieren. Aber klar: Dass sie sie für sich benutzen, kann niemand verbieten.

Könnten Sie sich nicht vorstellen, Gelterkinden mehr einzuspannen?

Schaub: Auch wenn sie einige Druckwerkzeuge besitzen, sind sie noch lange nicht gleich ausgerüstet wie wir. Das müssten sie aber sein, würden sie offiziell für Strassenrettungen eingesetzt.
Fricker: Eines muss ich betonen: Nicht wir beharren auf unseren Aufgaben. Falls das Feuerwehr-Inspektorat das Reglement ändert, würden wir uns natürlich anpassen.

Schadet diese ganze Debatte nicht auch Ihrem guten Ruf?

Fricker: Was mich am meisten stört, ist, dass die ganze Diskussion – auch in den Medien – impliziert, dass wir Prinzipienreiterei auf Kosten der Unfallopfer betreiben. Das stimmt nicht. Wir spielen nicht mit Menschenleben.
Schaub: Genau. Schliesslich ist mir kein einziger Fall in Baselland bekannt, wo es wirklich negative Folgen hatte, dass die Stützpunkt-Feuerwehr ein paar Minuten länger zum Schadensplatz benötigte.
Fricker: Beim Unfall in Wenslingen etwa traf die Sanität Liestal erst nach uns ein. In der Regel sind wir zeitgleich vor Ort. Die Feuerwehr muss beim Befreien von Personen aber auf das Okay der Sanität warten. Also hätte auch eine nähere Feuerwehr nicht schneller starten können. Dieses Zusammenspiel ist vielen nicht bewusst.