Portrait
Florian Schneider: Der schwarze Barde

Auf den grossen Bühnen ist Florian Schneider kaum noch zu finden, dafür in kleinen Sälen im Oberbaselbiet. Dort ist der Sänger mit dem Hang zu dunklen Stoffen derzeit wieder mit einem neuen Programm unterwegs. Wer denkt, das sei ein Abstieg, liegt falsch.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
So kennt ihn das Oberbaselbiet: Florian Schneider in Aktion auf kleiner Bühne. Kathi Horn

So kennt ihn das Oberbaselbiet: Florian Schneider in Aktion auf kleiner Bühne. Kathi Horn

Was für ein Kontrast: In den 1990er-Jahren sang sich Florian Schneider als «The Phantom Of The Opera» im Musical Theater Basel Abend für Abend in die Herzen von über tausend Zuschauern und wurde schweizweit als neuer Star gefeiert. Vor ein paar Tagen startete der 58-Jährige seine neuste Tournee «Krimis & Schaurigi Lieder» im Arboldswiler Gemeindesaal vor 50 – zugegeben begeisterten – Zuhörern. Trotzdem ein dramatischer Abstieg, könnte man meinen.

Doch Schneider widerspricht entschieden: «Nein, genau das Gegenteil. Ich kenne die grosse Bühne mit vielen Kollegen, Orchester, Chor, Scheinwerfern und allem Klimbim drum herum zur Genüge, denn ich habe in etwa 2000 Musical- und Opern-Vorstellungen 1500-mal die Hauptrollen gespielt. Die weit grössere sängerische und künstlerische Herausforderung ist aber, auf einer kleinen Bühne mit nur zwei Lämpchen, zwei Instrumenten und einer Stimme durch einen ganzen Abend zu tragen.»

Volkslieder fehlen

Er habe genau dieses Gefäss gesucht mit dem Glück, von «Meistergeiger» Adam Taubitz begleitet zu werden. Dafür habe er in den letzten drei Jahren sieben Musical-Engagements mit bedeutend besserer Entlöhnung sausen lassen. Schneider: «Die allermeisten Rollenangebote bedeuten mir keine künstlerische Entwicklung mehr. Ich verzichte deshalb auf das Angestammte, das Sichere. Das ist wie ein Sprung am Trapez ohne Netz.»

Und die kleine Bühne im Oberbaselbiet hat es ihm ganz besonders angetan. Nicht nur, weil er, der in Reigoldswil und Liestal aufgewachsen ist und heute in Eptingen wohnt, hier seine Wurzeln und seinen Lebensmittelpunkt hat. Nicht nur, weil er, der mitunter knorrig und kauzig erscheint, als Prototyp dieses Kantonsteils durchgehen könnte.

Sondern auch, weil Schneider in diesem verglichen mit der Stadt künstlerischen Brachland so etwas wie eine doppelte Nische gefunden hat: «Es gibt nur wenige Gastspiele im Oberbaselbiet und wir helfen mit unsern Auftritten hier mit, eine Lücke zu füllen.» Das überzeuge auch das Amt für Kultur und den Lotteriefonds, die ihn finanziell unterstützten.

Daneben ortet Schneider eine zweite Lücke: «Es gibt ausser dem Baselbieter Lied kaum noch einheimische Volkslieder im Kanton, weil sie vergessen gegangen sind.» Dies im grossen Unterschied etwa zu Schottland oder Irland, wo jedes Dorf, ja jeder Wald sein eigenes Lied habe. Dort bedient sich Schneider denn ab und zu auch an den melancholischen Melodien und schreibt eigene, bildhafte Dialekt-Texte mit hier verorteten Akteuren dazu, wie etwa «S› Lili vo Waldweid».

Oder die auffällig häufigen Stücke, die in Reigoldswil spielen. Haben diese «Schangsongs», wie Schneider den französischen Begriff einbürgert, auch autobiografische Züge? Schneider verwirft die Hände: «Nein, ich erzähle nie von mir. Ich kann Liedermacher, die als Selbsttherapie von sich singen, nicht anhören.»

Einer, der gerne aneckt

Sein Genre sind auch nicht die fröhlichen Töne oder gar Schenkelklopfer. Schneider: «Liebesschmerz, Verlassenheit, Abschied, Tod – das ist der Stoff, aus dem meine Lieder entstehen. Das war schon vor Urzeiten der Stoff für die Gedichte zum Beispiel von Walther von der Vogelweide, der mir stets das grosse Vorbild war.»

Doch so schwarz wie auf seiner neusten Tournee kommt selbst Schneider selten daher. Das klang in Arboldswil schon bei der Begrüssung des Publikums durch: «Ich singe heute die dunkelsten Lieder, von denen meine Frau abrät.» Sagte es und startete mit dem «alte, chalte Hus am Rüschelbach», einem Stück voller häuslicher Gewalt. Später während des Konzerts schob Schneider grinsend nach: «Dunkle Inhalte machen mir Spass, vielleicht bin ich ein bisschen pervers.»

Aber der Barde «mit der grossen Sehnsucht nach Sentimentalität und Melancholie» sagt auch: «Dunkle Lieder müssen sorgfältig eingeflochten werden, damit sie das Publikum unterhalten. Und sie müssen zu den Krimis passen.» Das tun sie, denn die von der Journalistin und Autorin Barbara Saladin verfassten und gelesenen Krimis enden kaum tragischer als Schneiders Moritate und Balladen.

Schneider und Saladin haben sich zum ersten Mal für eine Tournee zusammengetan. Aber sie kennen sich schon lange. So hat Schneider, der ausgebildeter Sänger und Bühnendarsteller ist, vor zehn Jahren in Saladins Film «Der Welthund» die Hauptrolle gespielt. Saladin sagt über Schneider: «Mit ihm zusammenzuarbeiten, macht Spass. Er ist kreativ, ehrlich und direkt, sodass man immer weiss, woran man ist. Und er eckt gerne an.»

Das tat er auch bei seiner bis jetzt einzigen politischen Aktion: Vor drei Jahren tingelte Schneider mit seinem «Rotstablied» gegen die Fusion beider Basel durchs ganze Baselbiet. Er habe gestaunt, was für eine positive und negative Dynamik ein Lied entfalten könne. Das sei eine ganz neue Erfahrung für ihn gewesen. Aber Politik ist trotzdem nicht sein Feld: «Ich will mit meinen Liedern nicht die Welt verbessern, sondern ich will Interesse und Rührung erzeugen.»

Will Schneider, der seinen Lebensunterhalt heute vor allem mit Auftritten an Jubiläen, Hochzeiten und Abdankungen verdient, zurück auf die grosse Bühne? «Ja, aber nur noch wenn die Rolle passt im Charakterfach. Besonders reizen würde mich die Figur des bösen Sägemüllers im Stück Via Mala von John Knittel.»

«Phantom war liebender Mann»

Auch wenn Schneider heute die kleine Bühne vorzieht, etwas hat er von der grossen mitgenommen fürs Leben. Erzählt sei das in der Version, wie sie einst der Journalist Martin Brodbeck so schön schilderte: «Es war einmal eine 18-jährige Frau. Sie schwärmte vom Phantom in der Basler Phantom-Aufführung. Ihr Vater, ein stadtbekannter Medicus, engagierte sich als Notfallarzt hinter den Kulissen des Musical Theaters.

Darum konnte das Töchterchen fast jeden Abend im Zuschauerraum sitzen – immer in der vordersten Reihe. Und immer mit seinen grossen Augen auf das Phantom gerichtet. Und siehe da, das Phantom erwiderte die Blicke. Und siehe da, das Phantom war ein liebender Mann. Und siehe da, bald bekam das ungleiche Paar ein Kind.»

«Ach Gott», ergänzt Florian Schneider nun, «das Töchterchen ist unterdessen schon 18 Jahre alt und fährt Auto.» Und der Sänger und seine Angetraute, die FDP-Politikerin und Staatsanwältin Stephanie Eymann, sind mittlerweile eines der wenigen Baselbieter Glamour-Paare, wäre auch noch zu ergänzen.

Das nächste Gastspiel «Krimis & Schaurigi Lieder» findet am 17. Mai in Reigoldswil inklusive CD-Taufe statt. Danach geht es Schlag auf Schlag kreuz und quer durchs Oberbaselbiet bis zur Derniere am 30. Juni in Liestal.