Überlastung
Forensische Psychiatrie im Baselland muss ausgebaut werden

In Baselland fehlt es an Forensikern und an Infrastruktur in den Gefängnissen. Die stetig steigenden Fallzahlen zwingen den Kanton zum Handeln. Basel-Stadt schlägt einen Weiterbildungsverbund vor.

Michael Nittnaus
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Erst seit März verfügt die Psychiatrie Baselland explizit über eine Fachstelle für Forensik, die ein spezialisierter Psychiater mit einem 100-Prozent-Pensum leitet.

Erst seit März verfügt die Psychiatrie Baselland explizit über eine Fachstelle für Forensik, die ein spezialisierter Psychiater mit einem 100-Prozent-Pensum leitet.

Kenneth Nars

Erst seit März verfügt die Psychiatrie Baselland explizit über eine Fachstelle für Forensik, die ein spezialisierter Psychiater mit einem 100-Prozent-Pensum leitet. Damit reagierte der Kanton auf die stetig steigenden Fallzahlen und höheren qualitativen Anforderungen in der forensischen Psychiatrie.

Dieses Spezialgebiet schlägt eine Brücke zwischen Psychiatrie und Justiz. Forensiker befassen sich mit der Behandlung und Unterbringung von psychisch kranken Straftätern, müssen aber auch zuhanden der Gerichte Gutachten – etwa zur Zurechnungsfähigkeit – erstellen.

Nun steht bereits eine weitere Aufstockung zur Diskussion, obwohl die 100-Prozent-Stelle erst für ein Jahr befristet eingeführt wurde. Der Grund: Bei den straf- und den verkehrsrechtlichen Gutachten werden Gesetzesänderungen und höhere Sicherheitsvorschriften voraussichtlich zu einer «deutlichen bis dramatischen Volumenzunahme» führen. Dies schreibt die Baselbieter Regierung zu einer Interpellation der SP-Landrätin Pia Fankhauser.

Die involvierten Vertreter der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion, der Sicherheitsdirektion (SID) sowie der Psychiatrie Baselland (PBL) und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel-Stadt (UPK) trafen sich deshalb am Montag zu einem runden Tisch.

Den Bedarf per Vertrag fixieren

Und tatsächlich haben alle Beteiligten den Handlungsbedarf erkannt. Zwar stehen die definitiven Entscheide noch aus, doch unterbreiten Marc Graf, Klinikdirektor der Forensischen Psychiatrie der UPK, und Hans-Peter Ulmann, CEO der PBL, der bz bereits konkrete Vorschläge. «Wir müssen alle an einem Strick ziehen», hält Ulmann fest.

Grundsätzlich werde die regionale Themenführerschaft Forensik aber bei der UPK bleiben: «Der Kanton bestellt Leistungen in erster Linie bei der UPK. Nur, wenn sie es nicht abdecken können, kommen wir ins Spiel.»

Das wird in Zukunft verstärkt nötig sein. «Bis 2016 haben wir von der UPK nicht vor, unsere Leistungen weiter auszubauen. Wir können nicht den Bedarf der ganzen Region abdecken», sagt Graf.

Stattdessen solle die Baselbieter Fachstelle ausgebaut werden. Ulmann hätte nichts dagegen: «Wir können das Pensum ruhig auf 200 Prozent verdoppeln.» Dies allerdings nur, wenn wirklich Bedarf bestehe.

Man wolle deshalb klare Verträge mit Staatsanwaltschaft, Gerichten oder Polizei ausarbeiten. Bezahlen müsste die Leistungen jeweils die Bestellerin SID.

Im Bereich der verkehrsrechtlichen Gutachten – Fahreignung bei Drogenkonsum oder psychischen Problemen – spricht Ulmann dagegen noch von einem «Kompetenzgerangel». Sowohl die Psychiatrie als auch die Gerichtsmedizin beanspruchen diese Leistung für sich.

Mehr Spezialzellen im Gefängnis

Die Hauptherausforderung sieht Graf derweil darin, überhaupt genügend qualifizierte Forensiker rekrutieren zu können. Sein Vorschlag: In einem Weiterbildungsverbund könnte die UPK Leute ausbilden und sie Baselland zur Verfügung stellen. Diese könnten dann die forensische Versorgung in den Baselbieter Gefängnissen übernehmen und nach einem Rotationsprinzip später wieder zur UPK zurückkehren. Das würde Ulmann gefallen, da die PBL heute oft eigenes Personal dafür abziehen muss.

Doch nicht nur am Personal, auch an der Infrastruktur mangelt es. So gibt es im Gefängnis Liestal nur eine Zelle für die Betreuung von Straftätern im psychiatrischen Krisenfall. Hier stehe ein Ausbau dank des im Bau befindlichen Strafjustizzentrums in Muttenz in Aussicht, wie die Beteiligten bestätigen.

Graf schwebt allerdings noch mehr vor: «Warum planen die beiden Basel in einem Gefängnis nicht gemeinsam eine Spezialabteilung für psychisch kranke Straftäter?» Ein Kanton alleine sei dafür zu klein.

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