Binding-Preis
Förster Christoph Sütterlin kanns mit Buchen und Flaumeichen

Christoph Sütterlin beherrscht einen schwierigen Spagat: Der Revierförster bringt auf den ihm anvertrauten 1000 Hektaren Wald Ökonomie und Ökologie unter einen Hut. Dies bescheinigt ihm die Sophie-und-Karl-Binding-Stiftung.

Andreas Hirsbrunner
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Die Forstgemeinschaft Blauen erhält den Binding Preis
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Mittelwald im Chöpfligebiet bei Hofstetten.
Sitz und Feuerstellen laden zum Verweilen.
Flaumeichenwald auf dem Hofstetter Chöpfli.

Die Forstgemeinschaft Blauen erhält den Binding Preis

Martin Töngi

Die Sophie-und-Karl-Binding-Stiftung verleiht der von Christoph Sütterlin geleiteten Forstbetriebsgemeinschaft am Blauen (FBG) den diesjährigen Binding-Waldpreis. Am Donnerstag findet im Botanischen Garten in Basel die offizielle Feier mit Vertretern der Baselbieter und Solothurner Regierung statt. Dies, weil die FBG kantonsübergreifend für die Wälder in Ettingen, Hofstetten-Flüh, Metzerlen-Mariastein, Bättwil und Witterswil zuständig ist.

Buche als Brotbaum

Wie der 51-Jährige den Spagat meistert, zeigt Sütterlin der bz auf einem Rundgang. Dabei wird schnell klar: Der weniger spektakuläre Teil ist der ökonomische und steht vor allem am Blauen-Nordhang in Form von ausgedehnten Wäldern mit hohem Buchenanteil. Dazu sagt Sütterlin: «Die Buche ist unser Brotbaum.» Doch obwohl das relativ helle Buchenholz derzeit nicht des Schweizers Geschmack für Möbel und Böden zu treffen scheint, schreibt die FBG seit ihrer Gründung vor zehn Jahren schwarze Zahlen. Wie schwarz, das behält der ansonsten kommunikationsfreudige Sütterlin lieber für sich.

Gegen 70 Prozent der Nutzung werde als Brennholz verkauft, der Rest gehe direkt an regionale Sägereien in der Schweiz und im nahen Frankreich oder werde über die Holzverkaufszentrale vermarktet. Sütterlin will die Baumvielfalt auch in den vorwiegend der Nutzung dienenden Wäldern im Revier erhöhen, um gegen den erwarteten Temperaturanstieg, welcher der Buche nicht behagt, und gegen Modeströmungen besser gewappnet zu sein. Und natürlich kommt eine grössere Vielfalt auch der Natur zugute.

Doch im Zeichen des Naturschutzes stehen vor allem die nach Süden ausgerichteten Gebiete der FBG, so etwa jenes ums Hofstetter Köpfli. Dort gedeiht dank gezielten Auslichtungen durch Sütterlins Team ein wärmeliebender, in unseren Breitengraden rarer Flaumeichenwald, in dem es auch Elsbeer- und Maulbeerbäumen wohl ist.

Auf dem richtigen Weg

Aber auch die Bodenvegetation profitiert vom vermehrten Licht und Sütterlin weist auf dem Rundgang nicht ohne Stolz auf ein wunderschönes, violettes Knabenkraut aus der Familie der Orchideen. Und wie bestellt klopft ganz in der Nähe ein selten gewordener Mittelspecht an einen Baumstamm. Auch er liebt lichte Eichenwälder und gibt Sütterlin die Bestätigung, in Sachen Biodiversität auf dem richtigen Weg zu sein.

In Zahlen heisst das: 130 Hektaren des FBG-Walds sind Naturschutzflächen. Dazu gehören nebst dem Flaumeichenwald überdurchschnittlich viel Totholz, freigelegte Felsköpfe, 54 Kilometer ökologisch aufgewertete Waldränder und drei Mittelwälder. Zu Letzteren betont Sütterlin: «Wir haben mit 23 Hektaren die grösste Mittelwaldfläche in der ganzen Nordwestschweiz.» Mittelwald heisst, einzelne wertvolle, grosse Bäume - darunter Eichen und Föhren - stehen zu lassen und die Unterschicht nach alter Väter Sitte in einem Rhythmus von etwa 25 Jahren zu nutzen, was eine artenreiche Flora begünstigt.

Raritäten geheim halten

Zum Naturschutz im Wald gehört gerade in einem relativ stadtnahen Gebiet wie jenem der FBG, wo an schönen Wochenenden Heerscharen von Erholungssuchenden unterwegs sind, auch die Besucherlenkung. Sütterlins Philosophie dabei: Die teils neu angelegten Wege sollen attraktiv sein, aber nicht mitten durch die wertvollsten Naturräume führen.

Die Verbindung von Flüh auf die Bergmatten ist so ein Beispiel mit Infotafeln, Grillplätzen und Abstechern zu Höhepunkten wie dem aussichtsreichen Hofstetter Köpfli. Naturschutz heisst je länger je mehr aber auch, besondere Raritäten schon gar nicht mehr zu erwähnen. So will sich Sütterlin weder zur Anwesenheit spezieller Vogel- noch Reptilienarten äussern. Und Naturschutz heisst last but not least Geld: Die FBG lebt nicht nur von ihrem finanziellen Rückgrat, den Buchenwäldern, sondern auch von Beiträgen vom Bund, den Kantonen Baselland und Solothurn und den am Forstrevier beteiligten Gemeinden an Massnahmen zur Förderung der Biodiversität.

Aufwertung des Lebensraums Wald

Und in diesem Jahr kommt mit dem mit 200'000 Franken sehr gut dotierten Binding-Waldpreis noch eine einmalige Einnahme dazu. Dreiviertel davon müssen in Waldprojekte fliessen, über einen Viertel können die Preisträger frei verfügen. Noch sei nicht definitiv entschieden, wohin diese 50'000 Franken fliessen. Möglich sei der Bau eines Blockhauses für die Lehrlingsausbildung, sagt Sütterlin.

Der Revierförster verweist noch auf eine andere Begleiterscheinung des Preises, die ihm sichtlich wohltut: «Im Alltag melden sich bei uns praktisch nur jene wenigen, unzufriedenen Waldgänger, die sich über Holzschläge, Dreck oder anderes beschweren. Jetzt melden sich auch die sonst Stillen: Ich habe in den letzten Tagen über 100 Briefe und Mails erhalten, in denen die Aufwertung des Lebensraums Wald gelobt und uns zum Preis gratuliert wird.»