Frauenstimmrecht
Frankhauser: «In der Familie ist die Frau oft ein Accessoire»

Die Oberwilerin Angeline Frankhauser war die erste Nationalrätin aus dem Baselbiet – sie gibt sich heute noch kämpferisch. In der Arbeitswelt herrsche immer noch grosse Ungleichheit.

Birgit Günter
Merken
Drucken
Teilen
Angeline Fankhauser. LNino Lorandi

Angeline Fankhauser. LNino Lorandi

Frau Fankhauser, vor 40 Jahren wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht angenommen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Angeline Fankhauser: Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Ich war daheim am «Glätten» und habe Radio gehört. Ich habe gejubelt und gedacht: «Endlich!» Ich erinnere mich auch sehr gut an meine erste Gemeindeversammlung. Ich bin aufgestanden und habe einen Kinderspielplatz gefordert. Die Leute haben sehr gestaunt, dass sich da eine traut, etwas zu sagen.

Sie haben erst mit 35 Jahren auf nationaler Ebene abstimmen dürfen.

Ja, das hat mich auch wahnsinnig geärgert. Ich habe es einfach nicht verstehen können! Pflichten haben wir schliesslich auch gehabt, wir haben etwa Steuern zahlen müssen. Ganz ungeheuerlich fand ich, dass Männer darüber entscheiden durften, ob wir Frauen abstimmen dürfen.

Die Schweiz war eines der letzten Länder, die das Frauenstimmrecht eingeführt haben. Warum so spät?

Ach, das Land hält sehr, sehr an Traditionen fest und hat wahnsinnig Mühe, etwas zu ändern. Das sieht man auch jetzt bei der Waffeninitiative: Man beruft sich ständig auf die Tradition. Man hat Mühe, in der Veränderung etwas Positives zu sehen.

Wie haben Sie sich im Vorfeld für das Frauenstimmrecht engagiert?

Eigentlich durfte ich mich fast in ein gemachtes Nest setzen. Als junge Mutter war ich damals recht ausgelastet. Ich habe mehr im kleinen Rahmen dafür lobbyiert. Denn bevor ich hier in die Region gezogen war, hatte ich im Kanton Waadt schon das kantonale Stimmrecht. Ich hab dann allen erzählt, dass deswegen weder die Männer noch die Gesellschaft zusammengebrochen sind.

Hat man das befürchtet?

Oh ja. Es hiess, mit dem Frauenstimmrecht würde die Familie zusammenbrechen und der Kommunismus würde sich ausbreiten. Das Thema wurde total als linke Gefahr dargestellt.

Inwiefern hat sich die politische Kultur darauf geändert?

Sie wurde lockerer. Genau beurteilen kann ich das nicht, weil ich sie natürlich nicht direkt kennen gelernt habe, als nur Männer in den Parlamenten waren. Wenn man jedoch Bilder anschaut vom Nationalrat von früher, all die grauen, finsteren, schwarzen Gestalten, dann ist es heute schon viel besser. Früher gab es starre Vorschriften: Als ich zum Beispiel im Jahr 1983 in den Nationalrat kam, durfte man lange Haare nicht offen tragen. Die Frauen haben sich dann aber über solche Vorschriften hinweggesetzt. Ausserdem haben soziale Themen an Bedeutung gewonnen.

Hat Sie das jeweils vorgebrachte Argument, Politik sei zu hart für Frauen, nie abgeschreckt?

Nein, nein. Nachdem wir diesen langen Kampf für das Frauenstimmrecht endlich durchgestanden hatten, waren wir überzeugt, stark genug zu sein. Jede Frau und jeder Mann kann sich eine Meinung leisten! Aber Politik – oder generell wenn frau für ein Amt kandidiert – ist hart. Ich habe Politik immer mit Spitzensport verglichen: Man muss bereit sein, für eine Sache zu kämpfen und muss dabei einiges ertragen.

Zurzeit hat die Schweiz vier Bundesrätinnen: Ist die Gleichberechtigung jetzt angekommen?

Zum Teil. Es ist ein Trugschluss zu meinen, jetzt haben wir vier Bundesrätinnen und jetzt ist alles tipptopp.

Wo gibt es Nachholbedarf?

In der Arbeitswelt herrscht teilweise immer noch grosse Ungleichheit. Es ist nach wie vor schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren, und das trifft mehrheitlich die Frauen. Und in der Familie ist die Frau oft eine Art Accessoire: Sie verdient quasi ein bisschen etwas dazu, aber sie ist extrem selten die Hauptverdienerin.

Junge Frauen foutieren sich heute häufig darum, dass sie stimmen könnten. Macht Sie das wütend?

Wütend nicht, aber es macht mir Sorgen. Ich frage mich, wo das Problem ist. Haben sie keine Meinung? Oder schrecken sie die Themen in der heutigen Politik ab, die sich nur um Geld drehen? Es ist einfach sehr schade. Denn Demokratie funktioniert nur, wenn alle mitmachen.

Nach den Frauen beklagen sich heute die Männer über Benachteiligung – beim Militärdienst, oder dass sie bei Scheidungen den Kürzeren ziehen bezüglich Sorgerecht.

Die Männer sollen nicht klagen, sondern Vorschläge machen für Änderungen. Ich habe oft das Gefühl, die Mehrheit der Männer hängt durchaus noch am Militär. Und beim Sorgerecht habe ich Null Verständnis für Männer, die das Sorgerecht wollen, sich vorher aber nur sporadisch um ihre Kinder gekümmert haben. Aber klar: Eine Ungerechtigkeit ist eine Ungerechtigkeit, unabhängig vom Geschlecht. Und Ungerechtigkeit muss man beseitigen, ohne dass es neue Ungerechtigkeiten gibt – das ist die grosse Kunst der Politik. Doch die Männer müssen selber dafür kämpfen: Sie können doch nicht von den Frauen erwarten, dass sie gegen die von den Männern empfundenen Benachteiligungen kämpfen!