Energiestrategie
Franz Saladin: «Ich bin nicht in die Kerntechnologie verliebt»

Die Handelskammer beider Basel lehnt die Energiestrategie 2050 des Bundes ab. Handelskammerdirektor Franz Saladin begründet die ablehnende Antwort an den Bundesrat damit, dass die Strategie den Markt ausschliessen würde.

Daniel Haller
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«Es geht zu schnell. Bei einem Tennismatch würde man von einem ‹unforced error› sprechen.»

«Es geht zu schnell. Bei einem Tennismatch würde man von einem ‹unforced error› sprechen.»

Kenneth Nars

Herr Saladin, die regionalen Energieversorgungsunternehmen (EVU) EBL, EBM und IWB sowie die regionalen Gewerbeverbände haben zur Energiestrategie 2050 des Bundes positiv Stellung genommen. Die Handelskammer beider Basel lehnt sie dagegen ab. Weshalb?

Franz Saladin: Zu den Gewerbeverbänden: Durch kurzfristige dirigistische Massnahmen und Subventionen durch Kanton und Bund erhoffen sie Aufträge für das Gewerbe. Das mag für sie kurzfristig Sinn machen. Wir als Handelskammer sehen dies aber langfristig und wehren uns gegen Dirigismus.

Franz Saladin

Franz Saladin (47), Direktor der Handelskammer beider Basel, ist in Duggingen geboren und lebt dort mit seiner Frau und zwei Kindern. In seiner Chemie-Doktorarbeit über Solarenergie schrieb er in der Einleitung: «Die Kernenergie bietet keine vertretbare Alternative» und verwies auf die ungelöste Endlagerung radioaktiver Abfälle sowie das «nicht verantwortbare» Restrisiko bei Unfällen. Saladin war unter anderem bei Novartis tätig und leitete Basel Area, die Wirtschaftsförderung beider Basel. In Duggingen vertrat er sieben Jahre die FDP im Gemeinderat. (dh)

Welches sind die drei wichtigsten Gründe Ihrer Ablehnung?

Der Bundesrat will erstens das Energiesystem durch staatliche Eingriffe umbauen. Dazu gehören Regulierungen, Subventionen und eine ökologische Steuerreform. Der Markt wird völlig ausgeschlossen. Dies ist der wichtigste Ablehnungsgrund. Zweitens geht es zu schnell. Bei einem Tennismatch würde man von einem «unforced error» sprechen. Man hat aus politischen Gründen sehr kurzfristig Entscheide auf teilweise ungenügenden Grundlagen und falschen Annahmen bezüglich der Zukunftsentwicklung getroffen. Drittens wird der Energieumbau wahnsinnig teuer. Dies hat negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft. Wenn man beispielsweise gegen den Bau von Gaskombikraftwerken im Inland ist, zwingt man die EVU, den Strom im Ausland zu kaufen: Kohle-, Gas- oder Atomstrom. Die Natur gewinnt nichts und für uns wirds teurer.

Sie nennen ordnungs- und wirtschaftspolitische Gründe. Die Gretchenfrage «Atomausstieg» lassen Sie offen. In der Stellungnahme gegenüber dem Bund haben Sie aber «Nein» angekreuzt. Wollen sie gar nicht aus dem Atom aussteigen?

Diese Fragebogen sind eine Unsitte der Vernehmlassungen, denn alle Zwischentöne gehen unter. Selbst wenn man einem Ja etwas abgewinnen könnte, steht dann aus Differenzierungsgründen am Schluss das Kreuzchen beim Nein. Nun zum Ausstieg: Wir wollen keine neuen Kraftwerke der heutigen Technologie. Wir wehren uns aber gegen ein Technologieverbot und dagegen, dass es auch für neue Kernenergien keine Rahmengenehmigungen geben soll.

Was verstehen Sie unter «neuer» Atomtechnologie?

Erstens darf sie nicht auf einer Reaktion beruhen, die sich allein aufschaukelt, wie dies heute der Fall ist. Zweitens muss man die Weiterverbreitung im Griff haben. Und drittens muss die Endlagerung gelöst sein. Ob dies am Schluss ein Thoriumkugel- oder ein Kernfusionsreaktor ist, weiss man noch nicht. Aber die drei genannten Bedingungen müssen erfüllt sein.

Geht es nicht darum, dass man hinter der Kulisse «kein Technologieverbot» darum kämpft, die heutigen AKW so lange wie möglich laufen zu lassen, weil man sich bei den Entsorgungskosten grauenhaft verkalkuliert hat?

Ob dies so ist und die Rückbaufonds wirklich zu niedrig dotiert sind, darüber gibt es verschiedene Meinungen, am Schluss wird die Realität entscheiden. Die Diskussion um die Laufzeiten hat aber auf die Vernehmlassungsantwort der Handelskammer keinen Einfluss gehabt.

Sie sagen, die Wende werde «wahnsinnig teuer». Doch die verschiedenen Szenarien, mit oder ohne Atom, werden alle etwa gleich viel kosten. Uran und fossile Energieträger sind aber nur begrenzt verfügbar. Wäre es da nicht intelligenter, man setzt auf Technologien, bei denen die Primärenergie unbeschränkt zur Verfügung steht?

Da gebe ich Ihnen 100-prozentig recht. Ich habe bereits in meiner Dissertation geschrieben, dass nur Solarenergie unsere Versorgung nachhaltig sicherstellen kann. Eine Stunde weltweite Sonneneinstrahlung deckt den Jahres-Energiebedarf der ganzen Welt. Langfristig ist dies der einzige Ausweg. Die Kritik am Bund ist vielmehr, dass er auf bestimmte Technologien setzt. Er sollte nur Vorgaben machen, nach welchen Kriterien man die Energieversorgung gewährleisten soll. Den Rest soll er dem Markt überlassen.

Wie stellen Sie sich dies vor?

Wir sind gegen diese unsägliche Einspeisevergütung. Die Politik soll den EVU nur die Ziele vorgeben, bis wann sie welche Ergebnisse erreichen sollen. Schafft ein EVU das Ziel nicht, muss es beim Nachbarn Zertifikate einkaufen. Übertrifft es die Ziele, kann es Zertifikate verkaufen. So würden wir die am tiefsten hängenden Früchte zuerst pflücken und am kostengünstigsten eine Versorgung mit erneuerbarer Energie erreichen.

Sie argumentieren mit dem Markt. Doch die heutigen Preise sind verzerrt, weil man einen Teil der Kosten externalisiert – also ausgliedert und unterschlägt – oder auf später verschiebt. Würde man die realen Preise verlangen, argumentiert beispielsweise der CEO der IWB, würde der Markt den Atomausstieg beschleunigen. Da er aber heute verzerrt ist, muss man dies mit Subventionen korrigieren.

Auch ich bin zu 100 Prozent dafür, dass man die externen Kosten wie CO2, Umweltzerstörung oder Krankheiten internalisiert, also bei den Energiepreisen berücksichtigt. Dies sind wir unserer Nachwelt schuldig. Doch nur unter der Bedingung, dass dies alle machen. Es darf weder regional noch national einen Alleingang geben. Dann wären die Preise bei uns hoch und im Nachbarland – fälschlicherweise – tief. Dies würde unsere Unternehmer zwingen, den Betrieb zu verlegen. Dabei gewinnen wir nichts, denn die externen Kosten fallen einfach im Ausland an und die dreckige Energie steckt weiter im Produkt, welches wir importieren. Wir verlieren aber Unternehmen und Arbeitsplätze in der Schweiz.

Die Wirtschaft hat also Angst vor der Übergangszeit zwischen dem alten, falschen und dem neuen, nachhaltigen System?

Es braucht mindestens ein gesamteuropäisch abgesprochenes Vorgehen. Sonst handeln wir uns Konkurrenznachteile ein. Und die Umbaugeschwindigkeit darf nicht zu grossen Wohlstandsverlusten führen. Wie man dies bewältigt, kann niemand besser entscheiden als der Markt.

Sie kritisieren die Umbau-Kosten. Gleichzeitig sprechen Sie von noch nicht vorhandener Atom-Technologie, deren Erforschung ebenfalls viel kostet. Wäre dieses Geld nicht besser investiert in den Ausbau und die Entwicklung von Produktion und Speicherung von erneuerbarer Energie und die Netze?

Forschung und Netzausbau sind staatliche Aufgaben, vor allem die Beschleunigung der Bewilligungsverfahren. Durch die Finanzierung der Forschung kann der Staat Schwerpunkte setzen und Weichen stellen.

Es geht Ihnen zu schnell. Doch die beschränkte Laufzeit der AKW gibt den Zeitrahmen vor. Wie wollen Sie dies bewältigen?

Wenn wir die neue Kerntechnologie bis dahin nicht haben, müssen wir auf Gaskraftwerke zurückgreifen. Diese werden aber durch das CO2-Gesetz verteuert. Deshalb sind sie unrentabel und man findet keinen Investor, der sie baut. Wenn wir die einzigen auf der Welt sind, die das Kyoto-Protokoll einhalten, muss man darüber reden, ob die CO2-Kompensation wirklich zu einem so grossen Anteil im Inland erfolgen muss. Da hat die Schweizer Energiepolitik sinnlose Grenzen definiert.

Sie fordern «Kein Alleingang»: Hätte nicht die Schweiz als relativ kleine und damit flexible Volkswirtschaft die Chance, voran zu gehen und sich damit im kommenden Energiesystem einen Vorsprung und Marktvorteil zu erarbeiten?

Man kann sich durchaus überlegen, sich als Erster zu bewegen. Doch auch hier: Beim Energiekonsum hat die Energieagentur der Wirtschaft auf freiwilliger Basis immense Einsparungen erreicht. Aber da hat man den Markt und die Unternehmer selber walten lassen, wie sie die Vorgabe der Politik erreichen wollen.

Welche Firmen würden in unserer Region mit ihren forschungsintensiven Branchen wegen der Energiestrategie 2050 abwandern?

Ich will keine Namen nennen. Bei hochwertschöpfenden Lifescience-Produkten sind die Energiepreise ein kleiner Kostenfaktor. Aber bei Basischemikalien, Papier und Metallverarbeitern spielt Energie eine entscheidende Rolle. Auch wenn nicht alle zu den Schlüsselbranchen der Nordwestschweiz zählen, sind sie wichtig. Nur auf Forschung lässt sich keine wirtschaftliche Nachhaltigkeit aufbauen. Es braucht die ganze Wertschöpfungskette, denn die verschiedenen Stufen befruchten sich mit Ideen gegenseitig.

Dies rechtfertigt aber die Verliebtheit in Atomtechnologie, umschrieben als «Dritte Generation», nicht.

Ich bin überhaupt nicht in die Kerntechnologie verliebt. Wenn ich in eine Technologie verliebt sein müsste, dann im Solarbereich. Ich bin kein Freund von Photovoltaik, sondern eher von künstlicher Photosynthese oder Solarchemie, also zum Beispiel die Umwandlung von Strom in Methan, die man grosstechnisch umsetzen könnte. Dafür wären Verteilungsnetze und Speichermöglichkeiten vorhanden. Wir müssen die Sonne anzapfen. Ich wage heute die mutige Aussage, dass die Energieversorgung in zwei, drei Generationen kein Thema mehr sein wird.