80-Millionen-Deal
Franz Saladin: «Wir müssen weitere Teile der Uni im Baselbiet ansiedeln»

Der 80-Millionen-Deal beider Basel zur Stärkung der Partnerschaft war 2015 in der Region das politische Ereignis des Jahres. Und er wird weiter beschäftigen: Im Baselbiet ist das Referendum gegen einen Bestandteil dieser Vereinbarung ergriffen worden

Hans-Martin Jermann
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Präsentiert seine Rezepte für eine starke, partnerschaftlich getragene Uni: Handelskammer-Direktor Franz Saladin.

Präsentiert seine Rezepte für eine starke, partnerschaftlich getragene Uni: Handelskammer-Direktor Franz Saladin.

Kenneth Nars

Im Interview lobt Franz Saladin, der Direktor der Handelskammer beider Basel, die Führungsverantwortung, welche die beiden Regierungen übernommen haben. Die Universität fordert er auf, ihre Einnahmen zu erhöhen. Bei den eingeworbenen Drittmitteln sei die Uni Basel nämlich bloss Mittelmass.

Saladin spricht heute in Basel als Gastgeber am traditionellen Neujahrsapéro der Handelskammer vor Würdenträgern aus der regionalen Wirtschaft und Politik.

Franz Saladin, als Handelskammer-Direktor und ehemaliger Fusionsbefürworter liegt ihnen die Partnerschaft am Herzen. Wie sehen Sie den von den Regierungen ausgehandelten 80-Millionen-Deal?

Franz Saladin: Was mich am meisten überzeugt: Die beiden Regierungen haben Führungsverantwortung übernommen und das in einer schwierigen Situation in der Partnerschaft der beiden Kantone. Das deutliche Volksnein im Baselbiet zur Prüfung der Kantonsfusion im Herbst 2014 hat den isolationistischen Kräften Auftrieb gegeben. Jene, die im Abstimmungskampf noch beteuert hatten, man wolle zwar keine Fusion, aber mehr Partnerschaft, machten bereits am Abstimmungssonntag klar, dass sie auch von der Partnerschaft nicht allzu viel halten. Lange dominierten diese Kräfte die politische Debatte im Baselbiet. Mit dem Regierungsdeal ist das durchbrochen worden. Auch deshalb, weil nun wieder über die zentrale Partnerschaft beider Basel diskutiert wird. Die Regio-Kooperationsinitiative würdigt Basel-Stadt als Partner herab, indem sie so tut, als wären andere Kantone wie Aargau und Solothurn oder gar das Elsass oder Südbaden für Baselland ebenso wichtig. Das ist absurd.

Was halten Sie vom Referendum der SVP gegen eine Bedingung des Deals, die Sanierung der Pensionskasse für die Uni-Mitarbeitenden?

Es geht vor allem darum, das Thema Uni warm zu halten. Eine Volksabstimmung ist dazu ein geeignetes Instrument. Mehr als Stimmungen bewirtschaften wird die SVP mit dem Referendum kaum können. Denn: Weshalb sollen die Baselbieter Stimmbürger die Zahlungen von 80 Millionen Franken von Basel-Stadt an Baselland verhindern, um damit Baselbieter Beiträge von 15 Millionen Franken an die Pensionskassen-Sanierung zu verhindern? Das macht rein finanziell keinen Sinn. Die Baselbieter Regierung hat auch als Reaktion auf das Referendum Führungsverantwortung bewiesen, indem sie entschieden hat, den Universitätsvertrag trotz der Unsicherheiten nicht zu kündigen.

Eine Absichtserklärung der Regierungen ist ein wenig untergegangen: Dass sie im Hinblick auf das nächste Globalbudget der Uni Sparpotenzial ausloten und entsprechende Vorgaben machen will.

Das ist grundsätzlich richtig. Diese Hausaufgaben müssen nun gemacht werden. Ich kann nicht beurteilen, wie gross das Sparpotenzial tatsächlich ist. Sparen ist nicht ganz einfach; ein grosser Teil des Aufwands der Universität sind Lohnkosten, ein grosser Teil dieser Kosten ist an einen Lehrauftrag gebunden. Sparen hiesse hier, Abstriche bei Lehre und Forschung zu machen. Hinzu kommt, dass Basel punkto Kosten pro Studienplatz nicht teurer ist als vergleichbare Universitäten. Die Handelskammer plädiert deshalb vor allem für mehr Einnahmen. Der Anteil der eingeworbenen Drittmittel muss erhöht werden. Die Uni Basel ist hier nur Mittelmass.

Um die Drittmittel zu erhöhen, ist eine neue Strategie nötig. An der Spitze der Uni hat es 2015 einen Wechsel gegeben. Wird die neue Rektorin Andrea Schenker-Wicki diesen Wechsel einleiten können?

Ich bin sehr zuversichtlich. Mit der neuen Rektorin hat ein Gesinnungswandel eingesetzt. Man ist offener geworden gegenüber der Wirtschaft. Eine Universität muss zwar unabhängig bleiben und darf ihre Seele nicht verkaufen. Ich erinnere an die Kritik, als die Grossbank UBS 2012 an der Universität Zürich mit einem 100 Millionen Franken schweren Sponsoring ein internationales Zentrum für Wirtschaft- und Gesellschaftslehre aufbaute. Man muss das behutsam angehen. Aber eine grössere Offenheit als heute täte der Universität Basel gut.

Wo genau in der Fremdfinanzierung der Uni sehen Sie Potenzial?

Im Bereich der Life Sciences haben wir in Basel bereits relativ viele fremdfinanzierte Professuren. Bei Forschungskooperationen könnte aber mehr gehen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass bei der Wirtschaftswissenschaftlichen oder der Juristischen Fakultät die Fremdfinanzierung ausgebaut werden könnte.

Was halten Sie von höheren Studiengebühren, etwa für ausländische Studierende?

Die Handelskammer ist nicht a priori gegen eine Erhöhung der Studiengebühren. Dafür gibt es einige gute Gründe. Diese Massnahme ist aber nicht geeignet, die Trägerkantone massgeblich zu entlasten. Dazu sind die Einnahmen aus den Studiengebühren, namentlich von den ausländischen Studierenden, schlicht zu gering. Wir haben es mal ausgerechnet: Eine Verdoppelung der Gebühren für Ausländer brächte Zusatzeinnahmen im tiefen einstelligen Millionenbereich pro Jahr. Die Uni läuft dann aber Gefahr, Talente aus dem Ausland, die der Uni und dem Standort Basel etwas bringen, zu verlieren. Man muss sich sehr gut überlegen, ob es das wert ist.

Kommt Sparen auf Kosten konkreter Angebote für Sie infrage? Muss die Universität Basel quasi sämtliche Studienrichtungen anbieten?

Wir stehen zur Idee der Volluniversität, eine, die auf vorhandene Stärken setzt. Womöglich liesse sich kurzfristig viel Geld sparen, wenn die Uni nur noch Studienrichtungen anbieten würde, die der hiesigen Industrie einen direkten Nutzen stiften. Doch was ginge dabei an Ideen und Wissen in der Region langfristig verloren? Die Diskussion verläuft ähnlich wie bei der Kultur. Gewiss ist für eine Stadt von der Grösse Basels ein Theater von internationalem Ruf nicht überlebensnotwendig. Aber wenn es dieses oder andere kulturelle Angebote nicht mehr gibt, dann leidet die Standortattraktivität. Ähnlich ist es mit der Volluniversität.

Immer wieder gefordert wird die Ausweitung der Uni-Trägerschaft: Aargau und Solothurn entsenden gemeinsam ebenso viele Studierende an die hiesige Uni wie Basel-Stadt. Dass diese Kantone sich nicht substanziell an der Finanzierung beteiligen, ist nicht haltbar.

Was heisst nicht haltbar? Eine gesetzliche Grundlage, um diese Kantone stärker zur Kasse zu bitten, gibt es nicht. Die beiden Basel sind auf den Goodwill dieser Kantone angewiesen. Die Situation ist zudem nicht ganz einfach: Der Aargau entsendet ebenso viele Studierende an die Unis in Zürich wie nach Basel. Eine finanzielle Beteiligung an der Uni Basel würde konsequenterweise eine ebensolche an anderen Hochschulen zur Folge haben. Es darf bezweifelt werden, dass der Aargau oder auch Solothurn angesichts grosser Probleme im eigenen Staatshaushalt dazu bereit sind.

Seit 2007 ist der Kanton Baselland gleichberechtigter Mitträger der Universität Basel. Gleichwohl fühlen sich viele Baselbieter nicht als Teil eines Uni-Kantons. Was ist zu tun, um die Identifikation des Baselbiets mit seiner Uni zu erhöhen?

De facto ist die Uni eine Universität beider Basel, auch wenn sie nicht so heisst. Aber ich gebe Ihnen recht: Auf der Wahrnehmungsebene haben wir ein Problem. Und dieses ist nicht einfach lösbar: Grundsätzlich ist es sinnvoll, dass die Uni-Institutionen möglichst zentral gelegen sind. Gleichwohl werden wir nicht darum herum kommen, weitere Teile der Universität im Baselbiet anzusiedeln, wollen wir langfristig die Trägerschaft des Landkantons sichern. Die jüngsten und geplanten Ansiedlungen des Departements Biomedical Engineering sowie des Tropeninstituts in Allschwil sind sehr erfreulich. Es werden aber weitere Ansiedlungen folgen müssen, um im Baselbiet eine weit verbreitete Stimmung zu kreieren, Teil dieser Uni und ein Universitätskanton zu sein.

Sehen Sie Bewegungen in diese Richtung?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Wirtschaftswissenschaftliche und die Juristische Fakultät am Basler Bahnhof SBB, im Peter-Merian- und Jakob-Burckhardt-Gebäude, relativ teuer eingemietet sind. Sie werden immer wieder als Kandidaten für einen Umzug ins Baselbiet genannt. Diese beiden Fakultäten sind aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung weniger standortgebunden als etwa Studienrichtungen im Bereich der Medizin, Pharmazie oder Life Sciences.

Bestandteil des Regierungsdeals ist neben der Uni die Kultur. Inwiefern ist eine gesicherte partnerschaftliche Kulturfinanzierung im Interesse der Handelskammer?

Wir sind an einem vielfältigen Kulturschaffen in der Region interessiert. Dieses befruchtet das wirtschaftliche Gedeihen der Region. Zudem macht das kulturelle Schaffen die Region als Wohnstandort und Tourismusdestination attraktiv. Auf der Suche nach einer neuen Lösung lohnt sich ein Blick über den Tellerrand: In der Innerschweiz bezahlen die umliegenden Kantone relativ gesehen mehr an die Zentrumsleistungen Luzerns als Baselland an Basel-Stadt. Kommt hinzu, dass dort ein Lastenausgleichsmodell gewählt wurde, das sich an der tatsächlichen Nutzung durch die Einwohner der Kantone orientiert. Das ist die grosse Schwäche der heutigen Pauschalabgeltung. Ich plädiere für einen Systemwechsel in der partnerschaftlichen Kulturfinanzierung – unabhängig vom geleisteten Betrag. Der Betrag ist dann politisch auszuhandeln.

Ich interpretiere Ihre Aussage so: Baselland soll substanziell mehr an die städtische Kultur bezahlen.

Nein, das sehe ich nicht so. Politik ist bekanntlich die Kunst des Machbaren. Die finanzielle Schieflage im Baselbieter Staatshaushalt lässt sich nicht einfach wegwischen. Eine substanzielle Aufstockung des Baselbieter Beitrags in der Kulturfinanzierung liegt finanziell und politisch derzeit nicht drin.

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