Sorgerechtsstreit
Freispruch für Vater: Der Sohn wollte nicht zur Mutter zurück

Ein Vater ohne Sorgerecht ist vor Gericht freigesprochen worden: Er durfte seinen 12-jährigen Sohn vorläufig bei sich behalten, weil dies dem Willen des Jungen entsprach.

Patrick Rudin
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Das Baselbieter Strafgericht in Muttenz hob einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft auf. (Archiv)

Das Baselbieter Strafgericht in Muttenz hob einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft auf. (Archiv)

Kenneth Nars

Zuerst die Trennung, dann die Scheidung, mittendrin jedoch der Sorgerechtsstreit: Ein Paar mit drei Kindern aus dem Oberbaselbiet stritt jahrelang über das Besuchsrecht, nun gipfelte der Zank in einer Strafanzeige. Für den 46-jährigen Vater gab es gestern Freitag allerdings einen Freispruch: Das Baselbieter Strafgericht in Muttenz hob einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft auf.

Das Sorgerecht für die drei Kinder lag damals bei der Mutter, der Vater hingegen durfte die Kinder gemäss einer Vereinbarung aus dem Jahr 2011 jeweils während den ersten beiden Sommerferienwochen zu sich nehmen. Im Jahr 2013 brachte der Mann am Ende dieser zwei Wochen im Juli lediglich die zwei jüngeren Kinder zurück und gab ihnen einen Brief mit, wonach der damals 12-jährige Sohn vorläufig bei ihm bleibe. Gleichzeitig beauftragte der Vater seinen Anwalt damit, das Sorgerecht abzuändern.

Polizei griff trotz Anzeige nicht ein

Die Mutter wollte sich das nicht bieten lassen und erstattete Strafanzeige gegen ihren Ex-Mann, sie rief an jenem Wochenende direkt bei der Polizei an. Diese wiederum sprach mit dem 12-jährigen Sohn und entschied sich danach, nicht einzugreifen. Der Sohn blieb das Wochenende über beim Vater.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft stellte schliesslich einen Strafbefehl wegen «Entziehen eines Unmündigen» aus, blieb aber mit einer bedingten Geldstrafe von zehn Tagessätzen am untersten Ende des möglichen Strafmasses. Der Mann erhob dagegen Einspruch. «Das war kein Versuch, den Sohn der Ehefrau kriminell vorzuenthalten. Der Sohn hat gesagt, er wolle nicht nach Hause», betonte hingegen der Verteidiger am Freitag an der Verhandlung vor dem Strafgericht. Wenn sich eine unmündige, aber bereits urteilsfähige Person weigere, zur Mutter zurückzukehren, dann könne man dem Vater nicht vorwerfen, dass er den Wunsch des Sohnes respektiert hat. «Der Vater hat sich gar nie geweigert, den Sohn herauszugeben», insistierte der Verteidiger zudem.

Einzelrichterin Irène Läuchli folgte dieser Logik und hob den Strafbefehl auf. Nach dem Vorfall habe auch bereits ein Zivilrichter festgestellt, dass der Sohn lieber beim Vater wohnen wollte. «Das Verhalten des Sohnes ist nachvollziehbar. Im Verfahren vor dem Zivilgericht ist er als 12-Jähriger ernst genommen worden und man hat seine Wünsche berücksichtigt. Er wurde als urteilsfähig angesehen, und das Strafgericht kann da auch nicht anders entscheiden», sagte Läuchli.

Scheidungsstreit – keine Entführung

Die Richterin gab auch dem Verteidiger recht, wonach der Straftatbestand des Entziehens dafür gedacht war, falls beispielsweise ein ausländischer Elternteil das Kind quasi entführe. «Es ist nicht Sinn und Zweck der Norm, dass Auseinandersetzungen einer Scheidung auch auf der Schiene des Strafrechts geführt werden», meinte Irène Läuchli dazu. Sie hoffe sehr, dass die Eltern inzwischen eine Lösung gefunden haben. «Einem inzwischen über 15-Jährigen kann man nicht mehr sagen, wo er wohnen soll».

Mit dem Freispruch gehen auch die Verfahrens- und Verteidigerkosten von über 5000 Franken zulasten des Staates. Die Staatsanwaltschaft sowie die Mutter können den Freispruch noch weiterziehen.