Kommunalpolitik
Fünf neu gewählte Gemeinderäte sprechen über die Zukunft ihres Dorfes

Gemeinderäte sind oft bekannte Gesichter im Ort. Sie werden nicht ihrer Parteizugehörigkeit wegen gewählt, sondern weil sie der Nachbar kennt. Oder weil sie einfach als Persönlichkeit überzeugen.

Aline Wanner
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Die Kommunal-Helden
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Urs Scholer (43) Vereinigung freie Wähler, Zunzgen «Ich bin halt ein Zunzger. Ich war zwar einige Jahre weg und habe an anderen Orten im In- und Ausland gearbeitet. Dann kam ich aber wieder zurück, hier gefällt es mir. Ich bin Betriebsmechaniker und Lastwagenfahrer und arbeite im Moment in Sissach. In Zunzgen lebe ich jetzt seit 14 Jahren. Ich wohne hier mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen. Sie sind neun und zehn Jahre alt. Bevor ich für den Gemeinderat kandidierte, habe ich das mit meiner Familie besprochen. Für sie war es in Ordnung. Zudem musste ich mir überlegen, ob ich aus der Baukommission austreten möchte. Da war ich bisher Mitglied. Als Gemeinderat wird das aber nicht mehr möglich sein. Ich habe mich gefreut, als ich gehört habe, dass ich gewählt wurde, klar. Schon vor den Wahlen habe ich positive Rückmeldungen bekommen. Ich bin ja viel unterwegs im Dorf. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich aber nicht nochmals angetreten, ich will mich nicht aufdrängen. Jetzt bin ich der Jüngste im Gemeinderat. Das ist schon gut so. Nicht, dass die Jungen alles besser wissen. Aber vielleicht kann ich ein bisschen frischen Wind in die Gruppe hineinbringen. Ich freue mich darauf, zusammen mit den anderen Gemeinderäten etwas für das Dorf zu machen, zum Beispiel den Bau einer Siedlung für Junge und Alte an der Hauptstrasse zu unterstützen. Ich verstehe mich mit allen Gemeinderäten, auch mit denen von der Arbeiter- und Angestellten-Union. Das ist die andere Partei in Zunzgen. Ich hoffe auf eine offene Kommunikation, weil ich ehrlich und direkt bin. Ich möchte mich nicht verbiegen.» (AWA)
Pascal Cueni (19) BDP, Zwingen «Ich lebe seit meiner Geburt in Zwingen, das Dorf liegt mir sehr am Herzen. Hier auf der Gemeindeverwaltung habe ich eine kaufmännische Lehre absolviert. Zurzeit bin ich gerade in der Rekrutenschule, danach möchte ich wieder arbeiten und mich weiterbilden. Ich habe mich für den Gemeinderat aufstellen lassen, weil ich finde, dass man in dieser Funktion den Anliegen und Sorgen der Bevölkerung sehr nahe ist, näher als beispielsweise in einem Kantonsparlament. Für die BDP habe ich mich entschieden, weil ich selbst bürgerlich bin. Viele meiner Vorstellungen und Ideen decken sich mit denjenigen der Partei. Ausserdem finde ich, dass die BDP eine sehr bürgernahe Politik betreibt. Ich fühle mich wohl bei der Partei. In Zwingen gab es eine stille Wahl, das heisst, der Gemeinderat war schon vor dem Wahlsonntag bekannt. Als Gemeinderat möchte ich die Lebensqualität der Leute fördern und mich dafür einsetzen, dass Zwingen als Wirtschaftsstandort attraktiver wird. Das Dorf soll weiterhin familienfreundlich sein, das ist mir wichtig. Die Voraussetzungen dazu sind ja gegeben, weil es in Zwingen alle Schulstufen gibt: vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Als sehr junger Gemeinderat möchte ich natürlich auch eine Stimme der Jugend im Dorf sein. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinderäten und darauf, Neues zu lernen. Und ich wünsche mir, dass sich Zwingen weiterentwickelt und trotzdem seine Besonderheiten und Traditionen behalten kann.» (AWA)
Simone Wisler (49) parteilos, Hölstein «Ich wurde von einer Gemeinderätin angefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle. Hätte ich nicht zugesagt, wäre sie vielleicht als einzige Frau im Gemeinderat geblieben. Das war für mich ein gutes Argument. Dass ich als Parteilose antreten konnte, war für mich auch wichtig. Ich hätte Mühe, mich einer Partei anzuschliessen. Zudem habe ich mein Arbeitspensum im Familienbetrieb reduziert. Deshalb habe ich mehr Zeit für ein solches Amt. Hölstein kenne ich sehr gut, ich lebe seit 23 Jahren hier. Meine drei Kinder sind mittlerweile erwachsen. Ich komme ursprünglich aus Ammel, wo meine Geschwister heute noch leben. Bei ihnen sehe ich, dass es in kleinen Gemeinden mehr Zusammenhalt gibt. Mir ist es wichtig, diesen Zusammenhalt auch in Hölstein zu fördern. Deshalb setze ich mich zum Beispiel für den Bikepark ein. Und im Frauenverein. Von den Frauen habe ich bei der Wahl viel Unterstützung erhalten. Das weiss ich. Und auch von den Gewerbetreibenden. Trotzdem hätte ich nie damit gerechnet, dass ich das beste Resultat erziele. Als mich die Gemeindepräsidentin am Wahlsonntag anrief, konnte ich es im ersten Moment gar nicht glauben: 527 Stimmen. Ich freue mich auf die Arbeit im Gemeinderat. Ich möchte mich für soziale Anliegen einsetzen, aber auch für die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen. Dabei ist mir wichtig, in einem guten Team zu arbeiten. Ich hoffe, so wird es auch sein.» (AWA)
Emanuel Trueb (50) CVP, Pratteln «Ich stamme aus einem katholisch-konservativ geprägten Umfeld. Deshalb bin ich bei der CVP. Kurz nachdem ich 1983 nach Pratteln gezogen war, wurde ich einmal in den Einwohnerrat gewählt. Da war ich aber nur für eine kurze Zeit, weil meine vier Kinder viel Zeit beanspruchten. Ab 2008 war ich dann nochmals während einer Legislatur im Einwohnerrat. Vor den aktuellen Gemeinderatswahlen fragte mich die Partei, ob ich nicht Interesse hätte, zu kandidieren. Ich sagte zu, weil ich Pratteln als sehr interessante Gemeinde empfinde. Pratteln befindet sich mitten in einem Umbruch von einem klassischen Industrieort zu einer Dienstleistungsgemeinde. In Pratteln geht die Post ab. Hier gibt es mehr als nur die Ikea. Wir haben einen schönen historischen Dorfkern und sind gleich neben einer Naherholungszone. Aber es gibt auch die Längi, ein Beispiel dafür, dass Trabantenstädte grosse Herausforderungen darstellen. Mir ist es als neu gewähltem Gemeinderat ein Anliegen, bestehende Probleme anzupacken. Ich möchte aber auch neue Ideen einbringen: Umbrüche bieten Chancen für Zwischennutzungen. Wir können auch neue Infrastruktur bauen, die Einwohnern anderer Gemeinden und der Stadt dient, zum Beispiel Sportanlagen. Pratteln soll eine wichtige Rolle im regionalen Kontext spielen. Trotzdem ist es wichtig, dass die eigene Identität nicht verloren geht. Das wird bestimmt eine spannende und schöne Aufgabe.» (AWA)

Die Kommunal-Helden

Nicole Nars-Zimmer

Man findet sie. Politiker, die nicht nur Sachpolitik fordern und gerne darüber reden, sondern Sachpolitik machen. Sie leben in den 86 Baselbieter Gemeinden, die am vergangenen Sonntag ihre Legislativen und Exekutiven wählten.

Zum Beispiel in Zunzgen. In der Zweieinhalbtausend-Seelen-Gemeinde im Bezirk Sissach lag die Wahlbeteiligung bei 44 Prozent. Es gibt zwei Parteien, die Vereinigung Freie Wähler Zunzgen (VFWZ) und die Arbeiter- und Angestellten-Union (AAU). Das politische Klima sei derzeit gut, sagt der neu gewählte Gemeinderat Urs Scholer (VFWZ). Er erhielt 313 Stimmen und übertraf damit das absolute Mehr von 246 auf Anhieb.

Im Vorfeld der Wahlen habe er viele positive Rückmeldungen erhalten. Mit grossen Parteien kann Scholer nicht viel anfangen. Auch nicht mit der SVP, die ihm eigentlich noch am nächsten stehe. Scholer will vor allem etwas für die Gemeinde tun, in der er gerne lebt. Deshalb wagt er den Schritt von der Baukommission in den Gemeinderat.

Die Lust, Verantwortung zu übernehmen

Oder in Pratteln. In der Agglomerationsgemeinde mit rund 15 000 Einwohnern will sich Neo-Gemeinderat Emanuel Trueb (CVP) dafür einsetzen, dass Familien auch künftig bezahlbaren und attraktiven Wohnraum finden. Der Vater von vier Kindern und oberste Basler Stadtgärtner findet, Pratteln sei zurzeit die interessanteste Gemeinde auf der Ergolz-Rhein-Linie. Trueb will deshalb mithelfen, Pratteln zu modernisieren und endgültig vom Image der hässlichen Vorortsgemeinde zu befreien. Ideen hat er bereits viele.

Der «Sonntag» traf fünf neue Gemeinderäte aus den fünf Baselbieter Bezirken. Sie alle wohnen schon lange in ihrer Gemeinde und wollen nun mehr Verantwortung übernehmen. Im Juli treten sie ihr Amt an. Mirjam Schmidli (Grüne), Urs Scholer (VFWZ), Emanuel Trueb (CVP), Simone Wisler (parteilos) und Pascal Cueni (BDP) erzählen, warum sie kandidierten und was sie in ihrer Gemeinde verändern möchten.