Freidorf
«Für die meisten Siedler steht das günstige Wohnen im Mittelpunkt»

Die Genossenschaftssiedlung hat sich gewandelt, ist aber seit 90 Jahren beliebt. Wer einmal «Siedler» ist, kann bis ans Lebensende bleiben.

Michel Ecklin
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Die grossen Gärten im Freidorf verpflichten zur Pflege: Einst waren sie zur Selbstversorgung gedacht.

Die grossen Gärten im Freidorf verpflichten zur Pflege: Einst waren sie zur Selbstversorgung gedacht.

Nicole Nars-Zimmer niz

Weniger als 1'500 Franken monatlich für ein grosszügiges Fünf-Zimmer-Reihenhaus, ruhig und stadtnah, dazu ein grosser Garten: Was es auf dem freien Wohnungsmarkt nicht gibt, ist in der Muttenzer Genossenschaftssiedlung Freidorf Standard. Kein Wunder, zieht kaum jemand freiwillig von hier weg. Zwar muss man minderjährige Kinder haben, um einen Mietvertrag zu bekommen. Zudem muss man bei Coop angestellt sein, ein historisches Relikt, weil der Grossverteiler den Siedlungsbau finanzierte. Aber ist man mal «Siedler», so der Begriff für die Mieter, kann man bis ans Lebensende bleiben.

1919 gründete der streitbare Basler SP-Nationalrat Bernhard Jäggi das Freidorf als weitgehend autarke «Vollgenossenschaft», eine Mischung aus Kloster und Juradorf. Er wollte die Coop-Angestellten von den Mietskasernen der Stadt befreien und ihnen eine Gemeinschaft im Grünen ermöglichen.

Heute sieht man das etwas nüchterner. «Für die meisten Siedler steht das günstige Wohnen im Mittelpunkt», sagt Adrian Johner, Präsident der Genossenschaft. Der Vorstand versuche zwar, das Gemeinschaftliche zu fördern; «aber es klappt zu wenig». Ursprünglich gab es einige gemeinschaftliche Einrichtungen im Freidorf, etwa eine Schule und einen Laden. Sie verschwanden in der Nachkriegszeit – weil es inzwischen darum herum alles Nötige gibt. Architektonisch hingegen ist die Gemeinschaftsidee nicht zu übersehen. So sind die Häuserreihen sehr homogen. Im Genossenschaftshaus ist ein Veranstaltungssaal. Die grosszügigen Gärten waren zur Selbstversorgung gedacht. Und wenn jede Viertelstunde das Glöckchen auf dem Turm erklingt, fühlt man sich wie in einem Dorf.

Kinder schaffen Beziehungen

Das Gemeinschaftliche kriegen heute vor allem die Siedler mit Kindern mit, wie Vorstands-Vizepräsident Reto Steib erklärt. Der Spielplatz ist ständig belebt, auch von auswärtigen Kindern. Es gibt Kasperlitheater und einen Santi-glaus. So lernen sich die neuen Bewohner über ihre Kinder kennen. Diese Beziehungen halten über die Erziehungsphase hinaus.

Schliesslich ist nur rund ein Drittel der 150 Häuser von Familien mit Schulkindern belegt. Bei einem Drittel sind die Kinder auf dem Absprung, der Rest sind Ältere. «Das entspricht schon nicht gerade dem ursprünglichen Gedanken des Freidorfs», räumt Steib ein. Aber die Nachbarschaft funktioniere vermutlich besser als anderswo: «Man schaut im Freidorf zueinander».

Abhilfe gegen die Überalterung schaffte das Freidorf 2006 gerade selber, mit der «Crèmeschnitte», dem Neubau bei der Tramhaltestelle. «Das sind nicht kleine Alterswohnungen», wie Johner betont, «Sie haben 3,5 bis 4,5 Zimmer. Unsere Bewohner sind das gewohnt.» Bereits vor 90 Jahren war das Freidorf für damalige Verhältnisse luxuriös. Heute entsprechen die Häuser dem üblichen Standard.

Auf eines legt Johner wert: «Wir legen den Fokus nicht auf sozialen Wohnungsbau.» Der Mietzins ist zwar günstig für das, was man kriegt. «Aber wir hatten auch schon Interessenten, die uns zu teuer fanden», sagt Johner. Und es gebe Pflichten, etwa die Pflege des eigenen Gartens. «Was das kostet, unterschätzen viele.»

Vom Glück, hier zu wohnen

Zudem muss die Genossenschaft den Spagat schaffen zwischen Werterhalt und günstigem Wohnen. Lange investierte sie wenig. In den vergangenen Jahren holte sie das nach, etwa indem die Türen und Fenster ersetzt wurden. Dies bedeutete jeweils Umtriebe für die Siedler. «Wir hatten auch schon Siedler, die sagen: Jetzt reicht es dann mit den Renovationen», sagt Johner. Und er fügt hinzu: «Manchmal müssen wir in Erinnerung rufen, welches Glück man hat, hier wohnen zu dürfen.»