Lehrplan 21
Für KMU ist Bildung angeblich nicht relevant

Die Wirtschaftskammer fasste keine Abstimmungsparolen zu den Bildungsvorlagen vom 5. Juni. Der Wirtschaftsrat erachtet die Abstimmungen über den Lehrplan 21 als nicht KMU-relevant.

Daniel Haller
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Am 5. Juni stimmt das Baselbiet über zwei Vorlagen gegen den Lehrplan 21 ab: «Verzicht auf kostentreibende Sammelfächer» und «Einführung Lehrplan 21». (Symbolbild)

Am 5. Juni stimmt das Baselbiet über zwei Vorlagen gegen den Lehrplan 21 ab: «Verzicht auf kostentreibende Sammelfächer» und «Einführung Lehrplan 21». (Symbolbild)

Keystone

«Wer Widerstand leistet gegen den Lehrplan 21, handelt gegenüber den Jungen und der Wirtschaft verantwortungslos», erklärte der Präsident des Verbands der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem), Hans Hess, im Oktober. Am 5. Juni stimmt das Baselbiet nun über zwei Vorlagen im Geist des Widerstands gegen den Lehrplan 21 (LP 21) ab: «Verzicht auf kostentreibende Sammelfächer» und «Einführung Lehrplan 21». Doch verzichtet die Wirtschaftskammer Baselland auf eine Abstimmungsparole. «Der Wirtschaftsrat» – das Parlament der Wirtschaftskammer – «erachtet die angesprochenen Vorlagen nicht als direkt KMU-relevant», erklärt Pressesprecher Daniel Schindler.

Damit steht die Wirtschaftskammer einsam da. Zwar geht es bei den Sammelfächern nur um einen Teilaspekt des LP 21 auf der Sekundarstufe 1. Und bei der «Einführung Lehrplan 21» stimmt man nur darüber ab, ob der Landrat über die im Prinzip bereits beschlossene, derzeit aber gestoppte Einführung des LP 21 auf der Sekundarstufe 1 befinden soll. «Dahinter steht aber die Frage: Lehrplan 21 ja oder nein?», erklärt Rolf Knechtli, Geschäftsführer des Berufs-Ausbildungsverbunds Aprentas, der von 78 Firmen getragen wird. «Der LP 21 ist für die Berufsausbildung und somit die Wirtschaft relevant.»

Wirtschaftsverbände für den LP 21

Knechtli teilt damit die in der Wirtschaft dominierende Position: «So, wie der Lehrplan 21 jetzt vorliegt, ist er unseres Erachtens eine gute Grundlage, um in der Deutschschweiz die Jugendlichen kompetenzorientiert auf den weiterführenden Bildungsweg vorzubereiten», stellte der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) fest – der Dachverband, zu dem die Wirtschaftskammer Baselland gehört. «Mit den harmonisierten Bildungszielen des Lehrplans 21 können Berufsfachschulen und Betriebe auf einer gemeinsamen Basis aufbauen und so eine effiziente Ausbildung betreiben», erklärt Swissmem.

Scienceindustries, der Wirtschaftsverband Chemie Pharma Biotech, begrüsst, dass mit dem LP 21 die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) aufgewertet würden: «Der Einsatz von technologischen Anwendungen hat sich in den letzten Jahren in fast allen Branchen intensiviert. Dadurch ist die Bedeutung der Mint-Kompetenzen gestiegen.» Nicht zuletzt lobt Economiesuisse: «Der LP 21 verfolgt einen sinnvollen Aufbau der Wirtschaftsthemen. Bevor über Konsum nachgedacht wird, sollte man erkennen, wie Wertschöpfung entsteht.»

Baselbieter nicht benachteiligen

Aprentas-Geschäftsführer Knechtli – er vertritt im Bildungsrat Baselland die Handelskammer beider Basel – erklärt: «Die Berufsbildung orientiert sich schon lange an Kompetenzen, wie sie nun im LP 21 formuliert sind.» Zudem sei die Berufsbildung schweizweit einheitlich und die Firmen, für die Aprentas Lehrlinge ausbildet, würden diese interkantonal rekrutieren. «Deshalb begrüssen wir die Harmonisierung zwischen den Kantonen.» Hinzu komme die Förderung der Mint-Kompetenzen im LP 21 und die – auch von der Wirtschaftskammer geforderte – Orientierung auf die Berufswahl. Knechtli warnt davor, im Baselbiet den LP 21 in der Sekundarstufe 1 auszusetzen: «Er gilt für die gesamte Volksschule und ist in den sechs Jahren Primarschule schon eingeführt. Die an die Sekundarstufe 1 anschliessende Berufsbildung wird sich darauf abstützen. Es würde die Baselbieter Jugend auf dem Lehrstellenmarkt benachteiligen, für die drei Jahre Sek 1 eine Bildungsinsel zu konstruieren.»

Ein Baselbieter Berufsschul-Rektor, der wegen der politischen Debatte nicht genannt sein will, unterstützt die Forderung nach Harmonisierung auf der Stufe Sek 1: «Wir benötigen schweizweit vergleichbare Abschlüsse und befürworten deshalb den LP 21.» Im Grundsatz sei dieser Entscheid längst gefallen. «Man muss vermeiden, dass zu viele Detaildiskussionen zur Umsetzung die aus Sicht der Berufsbildung sinnvolle Vereinheitlichung verhindern.»

Christopher Gutherz, Rektor der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Muttenz, weist darauf hin, dass heute viele Volksschüler mit mangelhaften Grundlagen – fehlendes Dreisatz- und Prozentrechnen – in die Berufsausbildung entlassen werden. Seine Forderung: Grundkompetenzen dürften nicht dem Unterricht in Sammelfächern geopfert werden, für die er aber grundsätzlich durchaus Sympathien hätte.

Solche Stellungnahmen hört man von der Wirtschaftskammer derzeit keine. Früher antwortet ihr Berufsbildungsleiter Urs Berger auf die Frage, ob es denkbar wäre, beim LP 21 nicht mitzumachen: «Das ist kein Thema. Der Grundgedanke des Lehrplans 21 ist völlig okay.» Darauf angesprochen wiederholt Pressesprecher Schindler: «Für den Wirtschaftsrat ist die unmittelbare KMU-Relevanz das Hauptkriterium, ob er eine Parole fasst.»