Schulweg
Gegen den Beschützerinstinkt der Eltern sind die Gemeinden machtlos

Immer mehr Kinder werden mit dem Auto zur Schule gebracht, obwohl es ihnen und anderen schadet. Der Beschützerinstinkt der Eltern ist grösser als jedes vernünftige Wort. Dabei kommt es auch mal zu brenzligen Situationen bei den Schuleingängen.

Michel Ecklin
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Immer mehr Kinder werden zur Schule gefahren. Dabei lernen sie zu Fuss auf dem Schulweg viel mehr als im Auto.

Immer mehr Kinder werden zur Schule gefahren. Dabei lernen sie zu Fuss auf dem Schulweg viel mehr als im Auto.

bz-Archiv

Wer seine Kinder mit dem Auto zur Schule fährt, tut ihnen keinen Gefallen. Denn der Schulweg zu Fuss, zusammen mit Schulkameraden, ist wichtig für ihre Sozialisation. Zudem führt das Autochaos vor den Schulhäusern zu gefährlichen Situationen. Trotzdem wird in den Ballungsgebieten etwa jedes dritte Kind mit dem Auto zur Schule gefahren – Tendenz steigend, wie der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) feststellt. «Manche Eltern möchten am liebsten mit dem Auto bis ins Schulzimmer fahren», ärgert sich der Allschwiler Gemeindepolizist Andreas Meyer.

Längstens sind Elterntaxis ein Thema an Elternabenden. «Genützt hat das alles bisher noch nicht so viel», sagt Agnes Hermann, Co-Leiterin der Primarschule Muttenz. «Ich sehe immer wieder ganz heisse Szenen vor den Schuleingängen.» Sie spricht von achtlos auf der Strassenseite geöffneten Türen und von Eltern, die im Halteverbot anhielten. Oft würden andere Kinder, die zu Fuss oder mit dem Velo kämen, nicht beachtet. «Manche Eltern denken nur an ihr eigenes Kind und sonst nichts.»

Da nützt meist auch gutes Zureden wenig. Jeweils zum Schuljahresanfang steht die Allschwiler Gemeindepolizei vor den Schulhäusern und spricht mit den Eltern, die sich mit ihrem Auto gefährlich verhalten. Viele seien sich einfach nicht bewusst, dass sie mit ihrem Fahrzeug eine Gefahr darstellen würden. «Und man wird dem Problem nicht Herr, weil jedes Jahr neue Eltern von Schulkindern da sind.»

Keine falschen Anreize schaffen

Die Muttenzer Schulratspräsidentin Edith Lüdin stellt fest: Wenn man mit Eltern spricht, erklären sie ihre Autofahrten damit, dass sie alleine für die Sicherheit ihrer Kinder zuständig seien. «Ihre elterliche Verantwortung kann man ihnen nicht entziehen.» Der Schulrat könne mit kurzen Schulwegen Bring- und Holfahrten auch in den Augen der Eltern unnötig machen. Ansonsten könne man nicht viel machen.

Münchenstein lancierte einen Versuch mit «Pedibus»: Ein Erwachsener, meist ein Elternteil, führt eine Gruppe Kinder zu Fuss zur Schule. Doch das funktionierte nicht. Deshalb dachte der Gemeinderat, wenn schon Schüler mit dem Auto zur Schule gefahren werden, sollten die Eltern Fahrgemeinschaften bilden. Doch auch damit stiess man auf taube Ohren. «Die Eltern wollen flexibel bleiben», sagt Gemeindepräsident Giorgio Lüthi (CVP). «Oder jeder findet ein anderes Argument, warum gerade er sein Kind einzeln vorbei bringen müsse.» Er stellt in dieser Frage «viel Sankt-Florians-Prinzip» fest; dass also die Gefahren auf andere geschoben werden. Eine Möglichkeit schliesst Lüthi kategorisch aus: Die Elterntaxis als Tatsache akzeptieren, und vor den Schulen Platz fürs sichere Ein- und Aussteigen schaffen. «Wir wollen ja den Anreiz fürs Elterntaxi wegnehmen», sagt der Gemeindepräsident.

Die International School Basel (ISB) im Reinacher Fiechten-Schulhaus hat seit zwei Jahren einen solchen Bring- und Hol-Parkplatz, in einiger Entfernung der Schule an einer Hauptverkehrsstrasse. Eltern werden aufgerufen, nicht bis zur Schule zu fahren – und tun dies auch nicht. Seither gebe es keine Reklamationen über Verkehrschaos im Quartier mehr, sagt Stefan Haller, Leiter Städtebau der Gemeinde. Aber an den staatlichen Schulen könne man einen solchen Kompromiss nicht umsetzen, dafür fehle der politische Wille. Und es ist fraglich, ob alle Eltern so diszipliniert wären wie diejenigen, die ihre Kinder in der ISB haben.

Tatsächlich ist auch Reinach nicht frei von Sorgen – die staatlichen Schulen scheinen nämlich die gleichen Probleme zu haben wie die anderen Gemeinden. «Wir werden immer wieder von der Bevölkerung aufgefordert, etwas gegen die Elterntaxis zu unternehmen», sagt Haller. «Aber es ist schwierig, etwas zu tun.» Der Münchensteiner Giorgio Lüthi möchte trotzdem nicht aufgeben. Er sagt: «In Sachen Elterntaxi gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein.» Lüthi hofft weiter auf die Einsicht der Eltern. Vielleicht hilft ein Ansatz weiter, den er selber lobend erwähnt. Die Verkehrserziehung der Baselbieter Polizei versuche, bei den Kindern selber den Wunsch zu wecken, zu Fuss zur Schule gehen zu wollen. Lüthi: «Wenn zum Beispiel Kinder aufgerufen werden, ihren Schulweg zu zeichnen, zeigt sich: Manche zeichnen nur ein Auto, andere spannende Geschichten.»